Andreas Wahl

Dein Geburtsdatum und Geburtsort?

Andreas Wahl: 5. August 1964 in Linz.

Du lebst in Linz?

Andreas Wahl: Nein, ich lebe in Niederneukirchen, in der Nähe von St. Florian. Das ist 20 Kilometer von Linz entfernt, also südlich von Linz. Ich habe dort ein Haus, Kinder, einen Garten, Hund.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus?

Andreas Wahl: Ich bin Geschäftsführer von Radio FRO und betreibe in Niederneukirchen einen Kulturverein, winzig klein ist der. Fünf Veranstaltungen machen wir im Jahr.

Hast du irgendwelche Mitgliedschaften in Jurys, Gremien oder ähnlichem?

Andreas Wahl: Derzeit nicht.

Wie würdest du deine eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen? Geschäftsführer von Radio FRO, passt das?

Andreas Wahl: Das passt.

Zu Radio FRO. Welche Zielgruppen werden durch die Arbeit von Radio FRO besonders angesprochen?

Andreas Wahl: Im Prinzip sind es zwei große Zielgruppen. Das eine ist der ganze Bereich der Zivilgesellschaft, der Bürgerinitiativen usw. Und der andere Bereich sind Gruppen, die wenig mediale Repräsentation haben. Das ist sehr schön zu vergleichen mit dem Radiotest. Ich sage immer, alle über 49 Jahre, die nicht mit abgefragt werden. Und MigrantInnen, Obdachlose, …

Auf welchen geografischen Wirkungsbereich zielt die Arbeit in erster Linie ab?

Andreas Wahl: Da ist sich Radio FRO derzeit nicht sicher. Es gibt eine Bestrebung, dass Radio FRO als Linzer Stadtradio zu etablieren ist und es gibt eine Bewegung bei Radio FRO, die sagt, eigentlich muss es das ganze Sendegebiet sein. Das ist quasi Stadt Linz, Urfahr-Umgebung und große Teile von Linz-Land, also Linz plus Speckgürtel. Und wie sehr man diesen Speckgürtel dazu nimmt, das ist fraglich. Von den Programmmachenden her ist es ein Stadtradio, da kommen wenig aus dem Speckgürtel.

Radio FRO ist im Bereich der freien Medien angesiedelt. In welchen sonstigen künstlerischen Disziplinen bzw. kulturellen Arbeitsfeldern ist Radio FRO noch tätig?

Andreas Wahl: Das hängt natürlich sehr vom Kulturbegriff ab, welchen man hat und wie weit man den fasst. Im engeren Sinn gibt es zum Beispiel Klangexperimente. Es gibt Leute, die Hörspiele produzieren. Wenn man es weiter definiert und sagt, Kultur hat auch etwas mit Kommunikation zu tun, mit Flächen, wo sich etwas entwickeln kann, wo sich Leute treffen, dann ist Radio FRO – nicht in dem Ausmaß, wie man es sich wünschen würde, aber doch – eine Plattform, wo sich Leute organisieren können, wo sie sich zusammen finden können. Wo man relativ absichtslos kommen kann und mal schauen, wen trifft man da und was entwickelt sich daraus – also quasi ein offener Raum, physisch offen. Wenn man das dazu nimmt zum Kulturbegriff, dann heißt das, dass es Möglichkeiten der Tätigkeit gibt und diese Tätigkeit öffentlich zu machen.

Jetzt ist Radio FRO seit Anbeginn an in diesen Räumlichkeiten. Gibt es in Bezug auf die vorhandene räumliche und technische Infrastruktur aktuell einen Handlungsbedarf, d. h. den Wunsch nach quantitativer Erweiterung oder qualitativer Verbesserung?

Andreas Wahl: Es gibt Raumbedarf. Das ist beschränkt, das ist im Haus nicht mehr zu lösen. Die Leute sitzen aufeinander. Also der Raum, das ist das leidvollste. Technisch muss jetzt einmal ein neuer Sender kommen, weil der alte Sender, der Standort nicht mehr geht. Wir sind derzeit auf einem Handymasten und die Leute wollen natürlich keinen Handymasten gleich neben dem Wohnhaus. Ein anderer Standort wäre auch von der Ausstrahlungskapazität besser.

Wie viele Personen sind bei Radio FRO insgesamt beschäftigt, also bekommen in irgendeiner Form Entgelt für die Arbeit? Jetzt nicht nur ein einmaliges Honorar für irgendetwas, sondern wirklich Vollzeit, Teilzeit oder in einem freien Dienstverhältnis beschäftigt?

Andreas Wahl: Derzeit sind es neun Personen, das sind ungefähr viereinhalb bis fünf Vollzeitäquivalente. Es gibt auch zwei, die ganztags angestellt sind, die anderen haben von 15 bis 30 Stunden. Und das andere sind halt eher Honorarkräfte.

Jetzt ist ein Radio wie Radio FRO nicht ohne ehrenamtliches Engagement zu betreiben. Wenn du ein durchschnittliches Arbeitsmonat ansiehst, wie viele Personen sind schätzungsweise für die Einrichtung auf freiwilliger Basis tätig?

Andreas Wahl: 300 in etwa. Wenn man sagt und das kann man leicht sagen … die meisten Sendungen sind 14-tägig bis monatlich. Innerhalb eines Monates kommt jeder einmal dran von den ungefähr 300 Programmmachenden. Es gibt vielleicht zwei oder drei, die nur einmal im Quartal senden.

Über die kulturelle Entwicklung, Situation und Zukunft von Linz. Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an den Begriff „Kulturstadt Linz“ denkst?

Andreas Wahl: Die Infrastruktur, also die physische Infrastruktur, Straßen und Eisenbahn und Straßenbahn usw. Für mich sehr produktiv sind diese Einrichtungen wie die Landesbibliothek, vorher Studienbibliothek, das ist das, wo ich am meisten davon profitiere. Dass ich da wirklich eine breite Auswahl an Lesematerial habe. Dann „Führermuseum“, wo dieser Sonderauftrag „Kunst im dritten Reich“ war, Kunst für das Führermuseum. Dann Brucknerhaus, das ist für mich auch relativ wichtig. Ich habe das Brucknerhaus über Jahre begleitet mit einer Sendung auf Radio FRO. Und ein für meinen Eindruck sehr familiärer Umgang mit der Freien Szene, von der Verwaltung her. Ich weiß nicht, wie das jetzt unter Julius Stieber wird, aber unter Siegbert Janko hat es einen sehr väterlichen Umgang mit der Freien Szene gegeben. Mit allen Vor- und Nachteilen. Was mich oft auf die Palme gebracht hat, was ich aber auch wahnsinnig oft wirklich nett gefunden habe.

Wenn man sich die letzten zehn Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, ansieht: Was lief deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Andreas Wahl: Dennis Russell Davies für das Brucknerorchester zu gewinnen, das hat sehr dazu beigetragen, dass zumindest die klassische Moderne auch wirklich in Linz ankommt und das Brucknerorchester dieses Verstaubte verloren hat. Auch in der Vermittlungsarbeit. Sie machen eine unglaublich gute Vermittlungsarbeit in Schulen. Ich weiß jetzt nicht ganz genau, wann er gekommen ist, aber das hat mich sehr gefreut. Was ich auch sehe – aber das ist wahrscheinlich eher eine Alterserscheinung – dass Leute aus der eigenen Generation oder aus dem eigenen Umfeld in Entscheidungspositionen kommen. Es ist interessant, dass es in Linz gelungen ist, zumindest in der Kulturszene, diesen neoliberalen Mainstream draußen zu halten. Da hätten ja wirklich smarte Kulturmanager und Eventorganisatoren auch kommen können und das ist nicht passiert. Ich finde es positiv, dass das nicht so stark mit diesem üblichen Stadtmarketing-Mainstream passiert ist. Da gibt es quasi eine Beharrungskraft, vielleicht ist es auch nur konservativ.

Auf der anderen Seite, mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten zehn Jahre bist du überhaupt nicht zufrieden?

Andreas Wahl: Da hat mich nichts geärgert. Vor allem weil ich sagen muss, ich bin ja erst seit nunmehr einem Jahr wieder mehr in Linz. Ich hatte mich mehr auf Niederneukirchen und mein Studium konzentriert. Ich habe das nicht so stark verfolgt, nur bis 2003 näher mitverfolgt.

Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, wenn es um Kunst und Kultur geht, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck?

Andreas Wahl: Ich glaube, dass Linz wenig belastet ist durch ein Bildungsbürgertum. Es gibt da sehr viel Entwicklungsfreiheit, weil viele Ansprüche in Linz gar nicht gestellt werden. Es gibt aber einen sehr großen, bildungsbürgerlichen Anspruch, der zumindest so vorgetragen wird. Hätte man anders machen können, mit dem Musiktheater. Da sind die Betreiber … das ist dann vielleicht doch schmerzlich, dass das Musiktheater, so wie es umgesetzt worden ist, eigentlich raus fällt aus der generellen Entwicklung, die langsam ist und schleppend geht und wo immer die beschränkten Ressourcen spürbar sind. Das Musiktheater fällt da wirklich raus, da ist es gelungen -eine relativ kleine Gruppe, die so etwas besucht und es werden nie viele sein – die eigenen Interessen als Gesamtinteressen zu etablieren. Da wird unverhältnismäßig viel Geld ausgegeben im Vergleich zu anderen Kulturbereichen, zu anderen gesellschaftlichen Bereichen überhaupt. Da zeigt sich ein später Aufbruch dieses Bürgertums, das sich da – zumindest mit diesem Projekt, mit diesem Schlachtschiff- oder Flaggschiffprojekt – doch noch relativ stark etabliert hat und viele Ressourcen binden wird. Obwohl ich hoffe … die Eröffnung wird mit Philip Glass sein und nicht mit Fidelio, das wäre fürchterlich, wie es die Freunde des Musiktheaters eigentlich gefordert haben. Also da will man gleichziehen mit Graz oder Wien. Und ansonsten glaube ich, dass diese Unbelastetheit … prinzipiell blicke ich sehr gerne auf die kulturelle Entwicklung zurück. Wenn man Linz als Arbeiterstadt sieht, dann gibt es in dieser proletarischen Kulturbewegung zwei Bereiche, die ich sehe. Der eine ist sehr stark sozialdemokratisch, wo man die Arbeiter auch am kulturellen Reichtum teilhaben lassen will, ihnen Zugang zur bürgerlichen Kultur geben will. Und die andere Richtung ist, die eigene Kultur zu entwickeln. Und ich glaube, dass im Vergleich zu diesen anderen Städten Linz einen sehr großen Anteil auch hat, Kultur aus der Bevölkerung zu entwickeln. Mit großer Teilhabe, auch mit sehr populären Formen, die dann wieder an die Grenzen kommen wie das LinzFest. Wenn der Fürst Geburtstag hat, können wir alle feiern. Aber ich glaube, dass da die Beteiligung sehr stark ist, zumindest was das Potenzial angeht. Und ich halte – aber das ist halt der persönliche Eindruck, das muss gar nicht sein – die Kulturszene oder Kunst- und Kulturszene, wie schnell man zu Entscheidungsträgern kommt, in Linz für sehr viel durchlässiger als in anderen Städten. Das ist nicht kompliziert, sondern Linz ist schon bemüht, frisches Blut anzusaugen und verlässt sich nicht so darauf, was eh da ist und auf die Kultur, die sich immer nur aus sich selbst schafft.

Inwieweit denkst du, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird? Und welche geografische Reichweite hat die internationale Wahrnehmung deiner Meinung nach?

Andreas Wahl: Ich glaube, dass Linz wenig Leuchttürme hat. Dass eine Stadt, eine Kulturstadt wahrgenommen wird und in welchen konzentrischen Kreisen das wahrgenommen wird, das hängt sehr stark mit Leuchttürmen zusammen, die wirklich einzigartiges leisten. Das war sicher eine Zeit lang mit der Ars Electronica gegeben. Hat sich aber … da sind dann andere Städte mit sehr viel mehr Geld eingestiegen, die etwas Ähnliches betreiben. Da hat Linz sicher zeitweise einen Leuchtturm gehabt. Hat es auch in einer gewissen Szene gehabt mit der Stadtwerkstatt. Diese Leuchttürme klingen lange nach. Wo sie gar nicht mehr so aktuell sind, aber bis das auch in diesen konzentrischen Kreisen nach außen kommt, dass die dann eh eigentlich schon verglüht sind, dauert es halt länger. Zurzeit sehe ich keinen solchen Leuchtturm. Das ist aber für jene, die in der Stadt aktiv sind, auch gar nicht so wichtig, Leuchttürme zu haben. Das ist mehr wichtig für das Stadtmarketing. Und ob Linz außen als Kulturstadt gesehen wird, ist für mich vernachlässigbar. Man muss innen das Gefühl haben, dass es so ist und mir sind – aus meinem persönlichen Zugang zu Kultur – viele kleine Hütten lieber als ein Leuchtturm.

Beschreib bitte dein Resümee von Linz09 anhand von drei Punkten. Was war Linz09 für dich?

Andreas Wahl: Es war ein wunderbarer, realpolitischer Schachzug des Kulturamts, damit Kultur wichtig zu machen in Linz und wichtig zu machen bei den politischen Entscheidungsträgern. Siegbert Janko hat da gewusst, wie Politik funktioniert und wie man Entscheidungsträger füttern muss. Das war wunderbar. Dann war es eine Intendanz, die sehr unglücklich agiert hat, die sehr präpotent agiert hat, die einfach mit zu platten Sachen daherkam, was auch alle relativ leicht durchschaut haben. Wenn es um das Theater Phönix ging und dann die Intendanz das mit Völkern vergleicht, die glauben, ihre Seele zu verlieren, wenn man sie fotografiert – und das noch dazu von einem Menschen, der Ethnologie studiert hat. Der weiß, was er da sagt, nämlich in welcher Position er dann ist, nämlich als Kulturbringer. Und auch, wo Nachhaltigkeit suggeriert wurde. Linz ist also die interessanteste Stadt überhaupt, so platte Attitüden, das war wirklich unglücklich. Da hat die Intendanz einfach das Niveau des Diskurses unterschätzt. Oder eine Liebeserklärung an Linz abzudrucken, von Martin Heller … wo man einfach weiß, man liest das und denkt sich, das ist zu 70 Prozent käufliche Liebe. Der geht hin und schenkt jeder Stadt seine Liebe, die haben halt dafür bezahlt. Das war zu platt, das war unglücklich. Und diese große Freiheit, diese wenigen Vorgaben an die Intendanz von der Politik, das war mutig, ist aber von der Intendanz verpatzt worden. Da hat es wirklich … da hat sich … ich weiß jetzt nicht, ob das ein Minderwertigkeitsgefühl war, dass man sagt, da holen wir jetzt einen, der sich wirklich auskennt und der darf machen, was er will und wir reden da wenig rein oder ob es wirklich Mut war, das weiß ich nicht. Aber dass man zur Intendanz sagt: Da hast du einen großen Brocken Geld, mach! Das habe ich schon sehr spannend gefunden. Der Umgang war dann doch sehr provinziell. Wo sich das am stärksten gezeigt hat, dass alle E-Mails vom Kulturamt dann ein ganzes Jahr lang mit „Linz war 2009 Kulturhauptstadt Europas“ kommen. Aber es tut eben nicht mehr weh. Was zu wenig genützt wurde, ist diese Partnerschaft mit Litauen, Vilnius. Das hätte man stärker spüren sollen und da hätte man sehr viel dreister Geld von Linz nach Vilnius pumpen sollen. Das hätte mir gefallen.

Welchen Stellenwert haben Hochkultur – Subkultur/Alternativkultur – Volkskultur in Linz?

Andreas Wahl: Ich glaube, dass die Hochkultur den größten Stellenwert hat. Die ist auch am besten mit Ressourcen ausgestattet von der öffentlichen Hand. Volkskultur ist Volkskultur, die erhält sich selbst, im Wesentlichen. Und die Alternativkultur oder Subkultur ist immer sehr stark unterstützungsbedürftig. Die hinkt einfach. Also wie viele müde Kulturarbeiter es da in der Stadt gibt und also wie wenig Spaß das anscheinend ist. Das sind eigentlich recht lustige Menschen, aber man hat nicht den Eindruck, dass das wirklich lustig ist. Für das, wie stark das unterstützt wird, nicht finanziell, da ist es nicht so stark, aber wie dass man das als Säule bezeichnet hat, zumindest im derzeitigen Kulturentwicklungsplan, ist da wenig Bewegung drinnen. Da knistert es nicht, das ist eine zähe Geschichte. Dass wirklich etwas losflackert, dass ist hier nicht.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachtest: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch besonderes Entwicklungspotenzial vorhanden?

Andreas Wahl: Ich glaube nicht, dass es alle Disziplinen geben muss oder dass alle sehr stark … Linz ist sicher keine Tanzstadt. Das ist relativ unterentwickelt. Ich glaube aber nicht, dass man sich da bemühen muss, dass man auf das schauen muss, was am schwächsten ist und das dann am meisten fördern muss. Sondern dass man … natürlich, man muss für alle Sparten Entwicklungsraum geben, aber unterstützen sollte man das, wo man etwas spürt. Und das ist sehr stark in der Musik, weil da viele Ressourcen hineinlaufen, auch durch das Musikschulwerk. Und auch dass Linz eine eigene Musikschule hat, dass es das Brucknerkonservatorium gibt, mit Schauspiel usw. Ich glaube, da könnte man sicher noch mehr tun. Musik und Schauspiel, dass ist an der Basis, dass da Leute nachrücken. Und sonst hat man den Eindruck, dass Linz weniger als Literaturstadt gilt, als es könnte. Es gibt einen Linzer Frühling, der das im Ansatz macht. Es gibt eine Schreibwerkstatt und das gibt es alles, aber Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die aus Linz kommen, ziehen schnell weg. Das ist so. Wo ein Entwicklungspotenzial erkannt worden ist und wo das auch gemacht wird, ist mit Comic. Dass man da den Haderer hat als Leuchtturm, quasi als Spitzensportler, der auf den Massensport einwirken kann. Das ist geschickt und dass man mit nextComic etwas entwickelt hat, wo man sich gegenüber anderen Städten profilieren kann, weil man da schnell genug war und weil das in Krems eh eine hinkende Geschichte ist mit dem Comic. Wo ein Museum wirklich ein Museum ist. Ich glaube, Comic das ist etwas, wo Linz wirklich hineinbuttern könnte. Da entwickelt sich etwas, da spürt man etwas. Was schon ist, es hat einen unglaublich guten Ansatz gegeben, mit aktionistischer Kunst oder ich weiß nicht, wie diese Sparte jetzt heißt, mit Social Impact. Die haben Potenzial gehabt, die waren sehr gut unterwegs. Und die haben wirklich Sachen gemacht, die zumindest Österreichweit bedeutend waren, was aber die Stadt zu wenig erkannt hat, dass das etwas ist, was man fördern könnte. Ich glaube, dass war zu brisant. Das ist mein Eindruck, das war zu brisant, das ist eine Kunstform und das ist ein Zugang und das ist ein künstlerischer Ausdruck, der so brisant ist und der Politik und der Gesellschaft oft auch einen Spiegel vorhält oder diese in Erklärungsnotstand bringt, dass sie das, bewusst oder unbewusst, nicht gefördert haben. Oder nicht in dem Ausmaß gefördert haben, wie es vom Potenzial her notwendig gewesen oder gewinnbringend gewesen wäre. Da haben sie wirklich eine Chance verpasst.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen?

Andreas Wahl: Ein Thema wäre, wie man eine breite Beteiligung, also Basiskultur fördern kann. Also Kultur, die direkt mit den Menschen wirkt, Beteiligungsaktivierung. Dann würde ich mir überlegen wollen, wie kann man Kulturinstitutionen auf die Stadt so aufteilen, dass man es räumlich attraktiver macht. Was sind die Räume, die ich in der Stadt … welche Straßen, welche Stadtteile, wie geht man das an? Drittes Thema wäre, was natürlich da hineinspielt in die ersten zwei, wie schafft man Werkstätten, Laborcharakter, Innovation? Welche Infrastruktur braucht es, dass man Versuche machen kann, dass man neue Wege probiert. Wie kann man eine Infrastruktur schaffen, die Leute dazu anregt, nach Linz zu kommen oder in Linz zu bleiben, weil man da Neues entwickeln kann? Wie kann ich eine Infrastruktur schaffen, wo man nicht sagt: Ok, ich will eine Entwicklung dort und dort hin, sondern, ich will Entwicklungsräume schaffen wo auch Dinge entstehen können an die ich in meinen Planungen gar nicht gedacht habe? Wie schaffe ich eine Infrastruktur, damit Leute angesaugt werden oder da bleiben, die etwas Neues entwickeln wollen? Also so einen Werkstättencharakter. Dass das nicht eine Inszenierung von den immer selben Stoffen ist, sondern dass da wirklich etwas Neues kommt. Viel mehr Werkstätten angehen, Halbprodukte präsentieren, mich interessieren Halbfertigprodukte, die im Prozess sind, die entwickelt werden.

Ok. Zu den Themenbereichen. Junge Potenziale, Nachwuchsförderung. Inwieweit denkst du, dass Linz für junge Kunst- und Kulturschaffende ausreichende Möglichkeiten zur Betätigung bietet?

Andreas Wahl: Viel zu wenig. Es gibt da viel zu wenig Werkstätten, Räume, was immer die machen wollen. Es gibt da wahrscheinlich in jeder Stadt zu wenig Proberäume. Es gibt viel zu wenig Einrichtungen wie quasi das Grundkonzept der Stadtwerkstatt war, nämlich in jedem Stadtteil eine Werkstatt zu haben, der man sich einfach bedienen kann, um etwas auszuprobieren. Und die Stadtwerkstatt kann das auch nur für eine handvoll Leute bieten. Eigentlich sollte so etwas flächendeckend sein. Je nachdem, was die Leute dort brauchen, sollte man ein Haus haben, wo man offenen Zugang zu ganz vielen Ressourcen hat, wo man Musik machen kann, schweißen kann, Skulpturen bauen kann, also alle möglichen Ausdrucksformen probieren können und sich dort mit Leuten zu treffen, die ähnliche Ideen haben. Man kann auch noch ganz andere Ideen haben, und das mit denen diskutieren. Also das ist unterentwickelt. Was das ersetzen könnte, was man früher „Gstetten“ genannt hat, Flächen oder Räume, die keine Nutzung haben, die keiner braucht und die man einfach okkupieren könnte. Das ist aufgrund der Verdichtung der Stadt auch nicht gegeben. Es gibt nicht Industrieruinen, wo Leute reingehen und sich das halt aneignen und wenn es diese Infrastrukturen nicht gibt, dann sich diese selber zu schaffen. Das ist ganz wenig. Aber ich sehe das auch sehr verzahnt mit einer allgemeinen Entwicklung, dass diese Freiräume überhaupt immer weniger für Kinder und Jugendliche gibt, auch für Leute, die probieren, egal welchen Alters die jetzt sind, die nicht als Künstler etabliert sein. Nicht, dass man denen jetzt ein Atelier gibt, sondern spielen lassen. Da gibt es nichts.

Du hast es vorher auch schon gesagt, dass es notwendig ist, diese Räume zu schaffen. Zum einen, dass man verhindert, dass junge Leute abwandern. Das betrifft im engeren Sinne KünstlerInnen und Kunst- und Kulturschaffende, aber kann weit darüber hinaus gehen. Zum anderen auch, dass Potenzial angezogen wird und man dann sagt: „Ja, ich gehe nach Linz, dort gibt es den Raum, das hört sich interessant an, dort habe ich Zugang und dann mache ich meine Tätigkeit dort.“ Welche Maßnahmen sollte die Stadt treffen, abseits dieses räumlichen Angebots, um entweder die Abwanderung von jungem Potenzial in diesem Bereich zu verhindern oder um verstärkt junge Kunst- und Kulturschaffende bzw. kreativ Tätige in die Stadt zu locken?

Andreas Wahl: Erstens bin ich mir mit der Zielsetzung, dass man Abwanderung verhindern muss, nicht so sicher. Vielleicht zieht jemand gerade deswegen weg, weil er in dieser Werkstatt drauf gekommen ist, dass er super Sachen machen kann und das eigentlich das ist, was ihn interessiert und jetzt geht er nach Berlin, weil da sind Leute, die etwas ähnliches machen und das hätte er sonst nicht erfahren, sondern er hätte seine kaufmännische Lehre fertig gemacht. Das muss Abwanderung nicht verhindern. Das ist wahrscheinlich viel dringlicher für die Stadt, dass es da mehr Attraktion gibt und mehr Leute kommen und wieder gehen. Was die Stadt sonst noch machen kann, ich weiß nicht, diese Einrichtungen einfach … Man könnte sich überlegen, ob man nicht so etwas entwickelt, dass man da Multiplikatoren schafft, also Leute, die so etwas entwickeln und vermitteln können, dass die Kunstuniversität so etwas kann zum Beispiel. Kunst- und Kulturvermittler, die jetzt nicht nur bestehende Kunst erklären und vermitteln und führen, sondern Kunst- und Kulturvermittler, die sagen, ich zeige dir, wie das geht, mit dem Bilder malen. Vielleicht könnte das irgendwo passieren, dass man eine neue Studienrichtung schafft. Vielleicht kann sich die Kunstuniversität da etwas überlegen. Das wären die ersten, die mir irgendwie einfallen, als Aktivierer oder so, in All-Inclusive-Clubs sind das die Animatoren. Die müssen nicht wie Clowns durch die Gegend ziehen mit einer Werkstatt und mit einem Proberaum im LKW, das ist Stadtteilkulturentwicklung, das hat es eh in Ansätzen gegeben, aber die dann wirklich auch provozieren. Oder Schreibwerkstätten machen, was auch immer. Da braucht es nicht viele Ressourcen, das kannst du im Hinterzimmer im Wirtshaus machen. Da könnte die Stadt gemeinsam mit Partnern überlegen, was braucht man? Wenn wir schon diese Räumlichkeiten nicht haben, müssen wir Personal heranbilden, dass das macht. Das darf dann natürlich nicht verkommen dazu, was es auch gibt, dass man sagt, ok, der Bildhauer, die Malerin ist eigentlich nicht so gut oder nicht so hipp, dass sie von der Kunst leben kann. Da ist er halbtags ein Kulturvermittler, zeigt das Malen und das Bildhauen ein bisschen, dafür kann er sich … es soll kein Job sein von Leuten, die irgendetwas anderes machen wollen. Das ist auch immer die Gefahr bei so etwas. Das ist dann der Schriftsteller, der halt Deutschprofessor ist und zu wenig Zeit für die Schriftstellerei hat und ungern Deutschprofessor ist. Das meine ich nicht, das ist die Gefahr, die man gleich mitdenken muss. Das sollen wirklich Leute machen, denen so etwas taugt. Das Schrecklichste ist zum Beispiel ein Tontechniker, der eigentlich Musiker sein will. Die glauben immer, sie spielen besser als der Leadgitarrist, nur sind sie halt unentdeckt. Man müsste wirklich Leute finden, die das machen wollen und das nicht nur als einen Vorwand für einen Job sehen.

Zweiter Themenbereich. Neue Infrastruktur, neue Formate. Wie beurteilst du die vorhandene kulturelle Infrastruktur in Linz? Inwieweit siehst du noch quantitativen oder qualitativen Ausbaubedarf?

Andreas Wahl: Ich glaube, es gibt ausreichend Sachen, wo man sich etwas ansehen kann und was man besuchen kann, wo man konsumieren kann. Damit kann man es, glaube ich, einmal gut sein lassen. Das Musiktheater noch bauen und dann ist es genug. Im Theaterbereich, mit dem Phönix und dem Landestheater, ist die Struktur zum Konsumieren, glaube ich, ausreichend, da würde ich nicht mehr investieren, also wenn ich das bestimmen könnte, die Kulturpolitik. Ich glaube, irgendwo könnte es noch Verbesserungen geben, die Werkstätten am Landestheater könnten natürlich besser sein, da gibt es immer noch Potenzial, wo man etwas verbessern könnte. Dagegen habe ich nichts, aber schon Räume, Veranstaltungsräume, sehe ich einmal genug. Wobei ich nicht weiß, ob es in der Peripherie, in diesen Außenbezirken genug oder passendes gibt. Was willst du mit einem Volkshaus, wo 200 Leute verloren sind? Jetzt mit dem Wissensturm, dass die Literaturveranstaltungen ganz oben sind, das ist recht gut eigentlich. Also ich würde mir nur Räume wünschen, wo die Leute selber fuhrwerken und herummachen können.

Wie sieht es mit der Softwareseite aus? Wie steht es um Formate wie Festivals und Biennalen, LinzFest, die Ars Electronica, Pflasterspektakel, Theaterformate usw.: zu viele, genau richtig, zu wenige?

Andreas Wahl: Ich glaube, da geht schon noch mehr. Ich glaube, solche Festivals sollte man nützen, um nach Außen zu gehen. Linz ist natürlich hauptsächlich Pflasterspektakel, das ist ja vor allem für die Leute aus Linz und Umgebung. Aber so etwas wie Crossing Europe und so Sachen, das ist eh immer nur speziell, da geht nicht jeder hin, das ist ein Spezialpublikum, da hat schon noch mehr Platz. Wenn sich da neue Formen auftun, da muss man nicht Stopp sagen, so wie das Daumenkino zum Beispiel. Da wäre die Stadt offen, was sich da so entwickelt, wenn sich da etwas tut. Natürlich muss man ein bisschen Stadtmarketing betreiben, wo man etwas Neues, neue Akzente setzen kann, die keine andere Stadt setzt. Das ist schon spannend. Da kann man ruhig noch entwickeln.

Jetzt entwickeln sich derartige Formate, wenn man Linz betrachtet, aus der Stadt heraus, nextComic ist ein gutes Beispiel oder die Ars Electronica ist so entstanden, Crossing Europe auch. Sind dir kunst- und kulturbezogene Formate aus anderen Städten bekannt, deren Umsetzung für Linz interessant sein könnte?

Andreas Wahl: Na ja, eines, das besser zu Linz passt wäre ein Festival wie „Glatt & Verkehrt“. So etwas würde zu Linz passen, aber es passt natürlich auch dort hin. Ich finde es immer bemerkenswert, wie man mit ein bisschen Kunst etwa den Ort Rauris bekannt macht. Ein Bergdorf, wo alle dann rauf klettern, sich für zeitgenössische Literatur interessieren und sich in unheimlich kleine Stuben setzen, sich hineinzwängen und wie man da einen Ort mit so wenig Geld bekannt machen kann. Das ist vom Werbewert her immens, da kann man mit solchen Sachen, wenn das wirklich bekannt wird, sehr viel erreichen für den Ort. Aber das man sagt, das passt dort nicht hin, das würde viel besser nach Linz passen, da fällt mir jetzt nichts ein. Aber ich hätte gerne „Glatt & Verkehrt“ in Linz. Oder etwas, wo herumprobiert wird, wo eben dieser Werkstättencharakter ist. Ulrichsberg in Linz wäre auch super, aber vielleicht funktioniert das nur in Ulrichsberg, in dieser sehr persönlichen Umgebung. Solche Sachen zeigen, was da alles möglich ist.

Letzter Themenbereich. Neue Medien, Freie Medien, Open Source, Open Commons. Im alten Kulturentwicklungsplan sind „Neue Medien und Technologien“ als einer der Hauptschwerpunkte der kulturellen Entwicklung festgeschrieben. Inwieweit ist deiner Meinung nach die Stadt Linz diesem Schwerpunkt gerecht geworden?

Andreas Wahl: Sehr wenig. Ich glaube, da wäre viel mehr drinnen gewesen, da wäre in der Stadt auch viel mehr Potenzial vorhanden, um das zu betreiben. Was entstanden ist, beinahe urwüchsig, was eh aus den Bedürfnissen der Menschen heraus entstanden ist. Ich meine, dass servus dahintümpeln muss, ist immer noch eine Schande. Was die drei Leute für ein Hirnschmalz haben und was da möglich wäre mit dem Know-how, was die haben, wenn die ein bisschen mehr Infrastruktur oder ein bisschen mehr Ressourcen hätten und ein bisschen tun könnten, da würden wunderbare Sachen entstehen, die müssen in einem Trash-Format abgewickelt werden. Die haben sehr viel mehr Potenzial und verhungern neben der Ars Electronica fast, das ist seltsam. Ich weiß nicht, an was das liegt, das kann man wenig erklären. Auch diese ganze Kritik daran, eben, was ist das, was sind die Gefahren der Neuen Medien, was sind die Chancen der Neuen Medien? Und dann einen großen Bereich haben, wo man spielen kann, Workshops machen, das ist etwas Wunderbares, Radiosender in USB-Sticks einbauen, so ganz kleine Sachen, das könnte man in jedem Stadtteil machen. Die Kids würden das gerne machen. Aber auch sich auszutauschen mit anderen Initiativen in der Welt, die Winziges versuchen, da könnte man sehr viel mehr machen und das auch breit zugänglich machen. Das ist enttäuschend eigentlich.

Wenn man sich den Bereich Neue Medien in Linz ansieht. Wo liegen die Stärken in diesem Bereich? Und wo die Schwächen?

Andreas Wahl: Na ja, ich glaube, dass das Ars Electronica Center etwas kann, dass das erfreulicher Weise etwas ist, dass breit angenommen wird, wo Familien einen Wochenendausflug dahin machen. Das finde ich wunderbar. Und dass es so niederschwellig ist, obwohl die Architektur gar nicht einladend ist, die Architektur stößt ja eher ab. In Linz ist es immer so, die Fassaden leuchten, alles muss leuchten. Ich glaube, dass das immer noch stärker von dieser Niederschwelligkeit und auch dieser Verspieltheit abhängt, die sich etwa bei Gerfried Stocker zeigt. Der hat immer das neueste Spielzeug, was es da gibt. Dann aber diese Bemühungen, die mir sehr schleppend vorkommen, wenn ich Open Source in der ganzen Stadt zu entwickeln versuche und das nicht nur als Spielwiese in der Kulturszene gesehen wird, sondern das wirklich ins Leben der Menschen eindringt und Wissen offen macht. Da kann Linz nichts dafür, aber dass … wie gesagt, ich glaube, dass da Wikipedia erreicht hat, dass diese ledergebundenen Brockhausbände überholt sind durch mein 200-Euro-Netbook und ich das auch alles erfahren kann, was vorher in der Bibliothek gestanden ist oder in der Hauptbibliothek. Ich glaube, wenn man Know-How und Wissen offen legt, dass man sehr viel erreicht. Das sind Entwicklungen, die man nur unterstützen kann. Ein freies Netz in ganz Linz wäre kein großer Aufwand zu machen, wahrscheinlich. Es gibt auch junge Initiativen, ich weiß nicht, subtext, die jetzt dieses Frischluft heraus geben. Ich weiß nicht, wie viel da die Stadt dafür kann, dass solche Sachen entstehen, aber offensichtlich gibt es sie und so etwas ist positiv, dass es sie gibt, dass offensichtlich Linz immer noch ein Biotop ist, dass so etwas entstehen kann. Negativ ist dann, dass es nur eines gibt, da könnte es sicher mehr geben oder das könnte breiter sein.

Welches Entwicklungspotenzial siehst du im Bereich der Freien Medien in Linz?

Andreas Wahl: Ich glaube, dass es Entwicklungspotenzial in allen Bereichen gibt. Weil die Qualität der Medien, also der kommerziellen, einfach immer schlechter wird, sowohl im Radio- als auch im Printbereich. Da wird bei Redaktionen eingespart, das ist sagenhaft. Da hat man eigentlich den Journalismus verloren. Beim Einfluss, mit der Raiffeisenbank etwa, zeigt sich das natürlich am Schönsten. Die kaufen sich viele Freunde, damit möglichst wenig über sie berichtet wird und es gibt unheimlich viele journalistisch Tätige oder hauptberufliche Journalisten, die dir unheimlich viel erzählen können, über die Raiffeisen zum Beispiel, aber keiner kann es schreiben. Ich glaube, dass da freie Medien eigentlich ein weites Feld haben, Kritik zu machen oder nur Information zu machen. Das muss gar nicht Kritik sein, nur Information zu machen und dass man immer mehr sieht, dass es so, wie es jetzt betrieben wird, diese vierte Kraft im Staat, was halt Medien sind, dass diese Kontrollfunktion nicht mehr erfüllt ist. Man hat den Eindruck, dass diese Medien nicht mehr von Leuten gemacht werden, die Medien machen wollen und damit aber auch ihren Lebensunterhalt verdienen, sondern halt immer mehr so gemacht werden, dass möglichst viel Geld herausschaut. Das ist verlottert, der Journalismusbereich ist verlottert in ganz Österreich. Da muss man sich was überlegen. Wie schaffen wir das, dass den Medien wieder diese Kontrollinstanz zurückgegeben wird? Auf YouTube sind dann irgendwelche Handyvideos von Ernst Strasser, von prügelnden Polizisten wie beim 1. Mai, nur dadurch entsteht das. Wenn es das alles nicht gegeben hätte … und die machen das in ihrer Freizeit, das kann keine höhere Qualität entwickeln, wenn nicht Leute da freigestellt werden dafür. Man muss sich überlegen, wie man wieder einen Mediensektor neu aufbaut, überhaupt, auch als Stadt, der wirklich diese Funktion der Volksanwaltschaft wieder erfüllen kann. Initiativen wie Radio FRO können das nur beschränkt, weil diese schon sehr auf Meinungen basieren und eigenen Medien, also wo Leute ihre Sichtweise erklären. Aber das ist ja noch kein Journalismus. Radio FRO probiert gerade, oder ich bin gerade damit angetreten, dass man das eigene, kleine, journalistische Format FROzine wegbringt von diesem Kunst- und Kulturjournal, mehr zu einem journalistischen Format. Aber da haben wir eine Stelle, das ist ein Mensch, der das macht, der den anderen 20 Euro pro Beitrag zahlen kann, wo man recherchieren muss, wo man schneiden muss, wo Stunden an Arbeit hineinfließen. Das können solche Initiativen wie dorf tv oder Radio FRO usw. nicht leisten, was da eigentlich möglich wäre. Da müssten wir uns ganz neue Sachen überlegen. Ich würde es gerne leisten und ich glaube auch, dass wir etwas können in dem Bereich, aber da braucht es zumindest irgendetwas wie einen Falter oder so, für Linz jetzt. Wenn wir ihn Österreichweit oder Oberösterreichweit nicht haben, schauen wir, dass es das in Linz gibt. Unsere Initiative mit der Prairie, die eigentlich auch als Printprodukt gedacht war, ist von der Stadt so kommentiert worden: „Warum sollen wir die Prairie, eine Zeitung unterstützen, die uns dauernd kritisiert. Das interessiert uns gar nicht.“ Vielleicht hat sich da in zehn Jahren etwas getan, dass man sagt, jetzt brauchen wir wirklich Kritik. In Salzburg hat Mortier das gemacht, ist zum Kunstfehler gegangen und hat gesagt: „Ich kaufe einige Seiten in eurer Zeitung und hätte gerne, dass ihr uns reflektiert, kritisiert bei den Salzburger Festspielen.“ Also die haben sich es auch schon suchen müssen, weil es das damals nicht gegeben hat, obwohl damals der Journalismus noch etwas besser war. Da müsste man sich etwas überlegen. Ob die Stadt jetzt den Falter – das wird sie nicht machen können. Aber wo so etwas entsteht, sollte man es unterstützen.

Letzte Frage. Wie weit schätzt du die Bestrebungen der Stadt ein mit Open Source, Open Commons, Open Regions? Mich würde vor allem die Open-Commons-Initiative interessieren, erstens, was du da mitbekommen hast, wie du das einschätzt, und vor allem im Zusammenhang mit Beteiligungsmöglichkeiten für Kunst- und Kultureinrichtungen, ob du da irgendetwas noch loswerden möchtest?

Andreas Wahl: Ich finde es wunderbar, diese ganzen Initiativen mit diesen Neuen Medien, vor allem mit dem Netzwerk, was da entsteht, wo Gemeineigentum hergestellt wird, quasi Wissen, das für alle zugänglich ist, oder Know-How, das für alle zugänglich ist oder überhaupt Zugänge. Ich finde das schon fast eine antikapitalistische Strategie, wo für mich wieder so Sachen auftauchen, die man aus dem Mittelalter und aus der frühen Neuzeit kennt, so ein Gemeinwissen, gemeinschaftlich verwaltete Ressourcen, die es eh immer schon gegeben hat, die halt in Vergessenheit geraten sind oder die nur als überkommene Traditionspflege gesehen werden, dass da ein Geist entsteht von gemeinschaftlichem Eigentum, wo jeder etwas beiträgt und jeder etwas raus bekommt und dass jeder den Eindruck hat, dass er gewinnt. Dass da offensichtlich ein Gewinn für alle entsteht, der keinem abgeht – sonst, wenn einer gewinnt, muss das wem anderen abgehen – dass da ein Mechanismus ist, das taugt mir vom Denkansatz her. Und ich glaube, dass das zu etwas führt und dass jetzt, auch mit der Finanz- und Wirtschaftskrise so kleine Inseln entstehen – gleichzeitig wird natürlich bis zum Kanalnetz alles privatisiert – dass es da eine kleine Gegenbewegung gibt. Das habe ich gerne. Das ist ein ganz prinzipieller Zugang. Was die Stadt zurzeit macht, habe ich weniger mitbekommen. Ich habe nur mitbekommen, dass sie die Stadtwerkstatt und servus vergessen haben, dass das eh schon seit 20 Jahren gemacht wird, dass man da Ressourcen zur Verfügung stellt und Know-How zur Verfügung stellt. Das habe ich interessant gefunden. Da habe ich mich unlängst daran erinnert, da habe ich angerufen bei irgendwem dort, wo das gestanden ist: „Ja, ok.“, wird er weiter sagen. Vermittelt ist es nicht so worden, dass ich es wirklich bemerkt hätte, was da jetzt so los ist. Aber ich hoffe, dass da noch etwas kommt. Ich habe den Eindruck, das ist noch eine Entwicklung.

Ok, so weit so gut. Danke für deine Antworten. Ist dir irgendetwas noch abgegangen, willst du noch irgendetwas Wichtiges mitteilen?

Andreas Wahl: Ja, da gibt es ein wunderbares Integrationsleitbild, bei dem hinten dran, so dick, jede Maßnahme, wer tut was, bis wann, steht, aber gemacht wird das nicht. Und die Gemeinden haben da einen Auftrag und da ruft man die Gemeinden an, nach diesem Fahrplan sollten die das schon zwei oder drei Jahre machen und dann rufen die zurück und sagen dann alle: „Das interessiert uns voll. Wenn sie da irgendetwas wissen, bitte teilen sie uns das mit.“ Also diese Detailliertheit ist oft eine Gefahrenquelle, dass sich dann keiner zuständig fühlt oder dass man glaubt, jetzt hat man es eh schon geschafft, jetzt haben wir wirklich an alles gedacht. Und dass man dann zuschlägt und fertig ist und das Gefühl hat, man ist fertig, jetzt haben wir wirklich alles bedacht. Es ist wichtig, dass man auch gestalten darf. Das wäre ja komisch, wenn man politisch denkt und dann will man alles so festschreiben, dass es eigentlich ein politikfreier Bereich wird. Da sichert man sich so gut ab, das ist wünschenswert, aber so darf man das nicht machen. Egal, was politisch passiert, wir machen das und das ist uns garantiert. Also man muss auch der Politik, auch der Kulturpolitik, wenn es um die eigenen Interessen geht, zugestehen, dass sie gestalten darf. Und nicht nur verwalten. Und die Politik zieht sich eh immer mehr aus der Verantwortung zurück. Man muss ihnen schon, ich glaube auch im eigenen Bereich, sagen: „Ok, da dürft ihr jetzt. Auch wenn wir glauben, dass ihr es falsch macht.“ Was ich damit anregen möchte, man weiß ja so viel nicht, viel muss man erst entwickeln und erforschen. Vielleicht kann man einen Bereich vorsehen, in dem man Pilotprojekte macht, wo man etwas probiert, also sich die Stadt selber so ein Labor leistet. Das möchten wir gerne probieren. Da geben wir nur einmal einen grob definierten Auftrag an eine Gruppe von Leuten, denen wir das zutrauen, dass sie sich einmal umschauen zum Thema X oder zum Format X, was gibt es da? Die dürfen herum fahren, das zahlen wir ihnen, die Arbeitszeit zahlen wir, dass sie sich das ansehen und dann schauen wir, ob das etwas ist für Linz. Und es darf auch rauskommen, dass es nichts ist. Wie kann man das nennen? So ein Risikokapital, eine Risikokassa, wo man nachfragt, forscht, probiert, eben auch probiert, nicht nur Studien erzeugt, sondern auch sagt, drei Studien haben wir jetzt, eines probieren wir aus.

Willst du noch irgendeine Empfehlung für die Entwicklung des neuen Kulturentwicklungsplans abgeben?

Andreas Wahl: Was ich beim alten KEP sehr nett gefunden habe, nur von der Symbolik her, dass sich die, glaube ich, in den Ursulinenhof gesetzt haben und man hat kommen können. Wir setzen uns jetzt da her, wer etwas reden will, der soll kommen. Das habe ich schön gefunden. Man kann natürlich nicht mit allen Linzern reden, aber das war ein schönes Symbol, dass man sagt: Ja, ok, diese Woche sitzen wir jeden Nachmittag da und ihr könnt kommen. Und da ist wirklich Siegbert Janko gesessen, also wirklich die, die das dann betrieben haben. Das würde ich nett finden, wenn man so etwas wieder macht. Weil da auch Leute kommen können, an die man gar nicht gedacht hat oder die nirgends eingebunden sind. Die weder Programmmacher sind bei Radio FRO noch irgendwo anders, bei keiner Initiative, bei keinem Verein sind. Die man sonst nicht erreicht. Das hat eine hohe Strahlkraft, so etwas, dass sich da Kulturleute hinsetzen und sagen: Ok, jeder kann kommen. Das wirkt sehr sympathisch.

Danke.

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