Wolfgang Steininger

Geburtsdatum und Geburtsort?

Wolfgang Steininger: 1. August 1956 in Taufkirchen an der Pram

Du lebst in Linz?

Wolfgang Steininger: Nein, in Freistadt.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus?

Wolfgang Steininger: Moviemento, City Kino, Geschäftsführer und Programmverantwortlicher. Dann bei Crossing Europe bin ich noch Geschäftsführer, aber im operativen Bereich nicht beschäftigt, weil das hat die Christine Dollhofer zur Genüge erfüllt und bestens. Dann mache ich noch in Freistadt die Local-Bühne, den Verein und das Kino. Und das Filmfestival „Der neue Heimatfilm“.

Irgendwelche Funktionen in Jurys oder Gremien, die zu nennen wären?

Wolfgang Steininger: Momentan Gott sei Dank nicht.

Wie würdest du deinen eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen? Wenn dann im Bericht steht: Geschäftsführer des Moviemento und City Kino, passt das?

Wolfgang Steininger: Ja, wenn es Linzbezogen ist, passt das auf jeden Fall.

Zum Moviemento und City Kino. Welche Zielgruppen werden durch die Arbeit deiner Meinung nach besonders angesprochen?

Wolfgang Steininger: Wir versuchen, alle anzusprechen, aber Natürlich gibt es vom Publikum her ein wenig eine unterschiedliche Verteilung. Bei uns sind hauptsächlich Frauen mittleren Alters, von 30 aufwärts. Das ist unsere Hauptzielgruppe momentan, die am meisten zu uns kommen. Jugendliche kommen jetzt auch immer mehr und studentisches Publikum sowieso auch.

Und den geografischen Wirkungsbereich, wie würdest du den beschreiben?

Wolfgang Steininger: Na ja, alles was innerhalb von einer halben Stunde erreichbar ist, also herkommen kann, gehört zu den stärkeren Usern, auch natürlich abgeschwächt je nach Entfernung und darüber hinaus gibt es auch noch einige. Wir haben immer wieder Leute, die kommen aus dem Innviertel, fahren über das Wochenende nach Linz, am Samstag und gehen ein oder zwei Mal ins Kino, Essen oder machen irgendetwas anderes noch.

Also im Umkreis von 50 Kilometer.

Wolfgang Steininger: 50 Kilometer mindestens und für manche sogar darüber hinaus.

Nächste Frage: In welchen künstlerischen Disziplinen bzw. kulturellen Arbeitsfeldern ist die Einrichtung hauptsächlich tätig? Das ist klarer Weise in erster Linie der Film. Aber gibt es andere Disziplinen, die du auch noch ansprechen würdest, Verschränkungen zu anderen Disziplinen?

Wolfgang Steininger: Das ist minimal. Wir haben ab und zu ein Jazzkonzert bei uns, machen Cross-Over-Geschichten, wenn sich zum Beispiel Film und Musik ergibt. Ich sage 10 bis 15 Termine im Jahr sind auch anderen Bereichen irgendwie gewidmet. Wissenschaftlich ist es auch ein bisschen, kann man sagen, durch die Vorträge von Markus Vorauer, also filmwissenschaftlich werken wir natürlich auch ein bisschen.

Verbindungen zur Medienkunst?

Wolfgang Steininger: Wir sind ein Präsentationsforum, wenn jemand etwas präsentieren will, dann ja. Aber das muss halt auch ins Kino passen. Da hat sich immer wieder gezeigt, dass die Medienkunst mehr auf Museen zugeschnitten ist und weniger auf Kinosäle.

Gibt es in Bezug auf die vorhandene räumliche und technische Infrastruktur aktuell einen Handlungsbedarf, d. h. den Wunsch nach quantitativer Erweiterung oder qualitativer Verbesserung?

Wolfgang Steininger: Ja, bei der Digitalisierung sowieso, das ist klar, das ist ein großer Brocken. Wir haben die Infrastruktur verbessert in den letzten Jahren, was nicht heißt, dass es nicht immer wieder besser werden kann. Vor allem die kleineren Säle sind Auslaufmodelle und da muss man sich über kurz oder lang doch Gedanken machen, ob man so weiter tun kann oder nicht. Momentan funktioniert es noch.

Eine Diskussion in der Stadt ist immer auch das Freiluftkino, im Falle des Moviemento das Sommerkino. Wäre das wo anders auch vorstellbar?

Wolfgang Steininger: Ob es der ideale Ort ist? Für uns ist es ideal, weil es unmittelbar angeschlossen ist ans Kino. Das heißt, wir haben die Infrastruktur da, das heißt von den Kosten her ist das am einfachsten zu machen für uns. Wenn du irgendwo anders hin gehst, dann musst du die ganze Infrastruktur dort noch mal neu machen, mit Kassa, mit Vorführer und alles. Da läuft es irgendwo ein bisschen mit. Es ist zwar schon ein bisschen mehr Aufwand, um einiges, aber wenn ich es wo anders mache, dann habe ich doppelt soviel Aufwand und das ist nicht finanzierbar, weil wir das einzige Open-Air-Kino sind in den Landeshauptstädten, das keine zusätzlichen Unterstützungen von der öffentlichen Hand bekommt. Das ist in Innsbruck oder in Wien ganz anders.

Wie viele Personen waren mit 1. Jänner 2011 im Moviemento und City Kino beschäftigt?

Wolfgang Steininger: Nur im Kinobereich waren es ca. 17, aber halt natürlich Köpfe, es sind viele Teilzeit auch. In der Geschäftsführung bin ich alleine und dann haben wir halt noch in der Administration einige Leute. Wobei man sagen muss, wir machen uns alles selber. Wir haben keine externe Grafik, wir machen alles im Haus, wir vergeben da keine Aufträge. Und haben dann noch so Nebentätigkeiten wie Wanderkino, da ist auch eine Arbeitskraft noch beschäftigt, die auch angestellt ist. So gesehen ist es ein bisschen schwierig zu sagen, das ist genau das Kino, das ist etwas anderes.

Was auch schwierig ist, wenn man die Situation kennt, dass oftmals bezahlte Arbeit und unbezahlte Arbeit sich vermischen, gerade wenn es um die Durchführung von Projekten geht: Gibt es irgend so etwas wie freiwillige oder ehrenamtliche Arbeit bei euch, wenn man ein durchschnittliches Arbeitsmonat oder ein Projekt betrachtet?

Wolfgang Steininger: Ja schon. Es ist immer wieder so bei Projekten, es sind immer wieder ein paar Leute beschäftigt, die sich damit auseinander setzen. Das ist weniger in der Abwicklung, weil das ist doch relativ komplex und ein professioneller Betrieb, sondern mehr in der Konzeption irgendwelcher Reihen, da hast du schon immer wieder Leute, die unbezahlt arbeiten.

Ok, das war der Einstieg. Der Hauptblock handelt von der kulturellen Entwicklung, Situation und Zukunft von Linz. Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an „Kulturstadt Linz“ denkst?

Wolfgang Steininger: 20 Jahre würde ich sagen. Die letzten 20 Jahre hat sich viel verändert. Das Theater Phönix hat sich gegründet, es sind die Fabrikanten, die sich gegründet haben, die KAPU war auch in der Zeit, glaube ich. In der Freien Szene hat sich da ein bisschen etwas entwickelt, was nicht so diese Institutionen anbelangt, also wie Landestheater oder Posthof. Gut, der Posthof hat sich auch 1985 entwickelt, glaube ich. Das waren halt die … ich denke, das ist eigentlich die Zeit, wo sich die Kulturstadt erst so richtig entwickelt hat, wenn man den Begriff als solchen ernst nimmt.

Wenn du die letzten zehn Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, betrachtest: Was lief deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Wolfgang Steininger: Also unser Projekt hat sich, glaube ich, sehr gut entwickelt in den letzten zehn Jahren, weil vor zehn Jahren haben wir etwa 55.000 Besucher gehabt im Jahr und dann haben wir erweitert, das City Kino ist dazu gekommen, Crossing Europe, da stehen wir jetzt bei ungefähr 150.000 Besuchern im Jahr mit dementsprechendem Mehraufwand natürlich. Wir haben es auch geschafft seit 2000 ungefähr, dass wir die Filme wirklich in der Originalfassung anbieten und nicht in den Synchronfassungen, was ja auch nicht so einfach ist in einer Stadt wie Linz, weil wir keine humanistischen Universitäten haben, aber das hat sich ganz gut entwickelt. Was sich sonst noch getan hat in Linz, es sind ein paar Kulturgebäude entstanden, es sind noch ein paar im Entstehen, aber inhaltlich hat sich da nicht so viel verändert. Also die Ars Electronica ist meines Erachtens noch immer ähnlich wie sie vorher war. Durch das Lentos hat sich ein bisschen etwas getan, klarer Weise. Und die Freie Szene, die wird sich auch wieder einmal neu gruppieren demnächst, weil da ist irgendwo ein bisschen ein Vakuum da für mich. Ich weiß nicht, keiner weiß, in welche Richtung soll es gehen, was sollen wir machen? Es gibt ein vielfältiges Angebot, aber es wird teilweise wenig genutzt. Die Etablierten, so wie wir auch, haben schwer einen Zugang zu jungen Menschen, weil die ganz andere Welten gewöhnt sind. Dieser Umbruch in dieses Digitalisierungszeitalter und diese Neuen Medien, da hat sich auch in dieser Stadt viel getan. Und da müssen, glaube ich, die Etablierten aufpassen, dass sie den Anschluss nicht verlieren. Das trifft auf uns genauso zu.

Mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten zehn Jahre bist du überhaupt nicht zufrieden?

Wolfgang Steininger: Die Unterstützungen sind in unserem Bereich – das betrifft andere in der Freien Szene genauso – nicht mehr geworden, immer heißt es: Sparen, sparen, sparen. Bei uns wird am meisten gespart, aber ein Musiktheater ist trotzdem möglich. Das geht irgendwie nicht zusammen oder das passt nicht zusammen. Oder ein Lentos, ein Ars Electronica Center kann auch ausgebaut werden, da wird nicht darüber nachgedacht. Nachgedacht wird sicher darüber, aber das ist keine Diskussion, dass das notwendig ist und bei uns ist es halt immer eng und inhaltlich können wir halt dadurch sehr viel weniger machen, wie wir gerne machen würden. Wenn das so ok ist, dann ist das so ok. Wir haben weniger Arbeit, aber es ist auch weniger interessant. Man ist gezwungen, dass man kommerziell funktioniert und die Dinge macht. Das ist auch nicht das größte Problem bei uns. Der Druck wird bei den anderen genauso sein, sei es Theater, selbst im Posthof, muss man sagen, da ist auch ein Druck da. So dass man immer kommerzieller wird, aber andererseits ist die Nachfrage auch dementsprechend. Alles was es gibt … es gibt fast keine Bereiche, das glaube ich, vielleicht täusche ich mich, so ein Mittelfeld mehr. Es gibt nur mehr das, was wirklich funktioniert wie ein Event oder ganz kleine Geschichten. Dazwischen ist ein großes Vakuum und das ist eigentlich die größte Herausforderung, glaube ich, für alle, die sich im Kulturbereich bewegen.

Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck? Ist das nur die Ars Electronica, oder gibt es da schon etwas anderes auch?

Wolfgang Steininger: Die Ars Electronica ist ein Medienfestival, das an der lokalen Bevölkerung eher vorbei geht. Mit was Linz punkten kann, das ist schwierig zu sagen, weil ich die anderen Städte zu wenig kenne. Sicherlich ist es im zeitgenössischen Bereich besser aufgestellt wie Salzburg zum Beispiel. Bei Graz weiß ich es nicht so genau. Ich bin mir nicht sicher, ehrlich gesagt, aber im Vergleich zu Innsbruck oder Salzburg ist es da noch sicherlich besser.

Inwieweit denkst du, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird? Und welche geografische Reichweite hat die internationale Wahrnehmung deiner Meinung nach?

Wolfgang Steininger: Da tue ich mir schwer, weil ich frage das auch nie ab, wenn ich irgendwo hinkomme, ob die Leute Linz als Kulturstadt wahrnehmen oder nicht. Man hat schon mit der Kulturhauptstadt das international irgendwo mitbekommen. Ob das jetzt anhaltend ist, wage ich zu bezweifeln. Ich würde sagen: Nein, absolut nein. Weil es gibt so viele ehemalige Kulturhauptstädte, wo jeder auch hinfahren kann. Das ist so ähnlich wie mit Karl Moik, der ist auch von einem Ort zum anderen gereist und die Orte hat sich keiner gemerkt. Also ich glaube nicht, dass das lang anhaltend ist, aber ich glaube, da gehören andere Akzente gesetzt. Das sind halt kleine Mosaikbausteine, ich glaube gerade jetzt mit Crossing Europe ist so ein Baustein da, wo man international in einem kleinen Bereich wieder Aufmerksamkeit erregen kann, so etwas wie die Ars Electroncia. Was es im Theaterbereich gibt, das weiß ich nicht so genau, da bin ich mir nicht sicher, ob da international irgendetwas ankommt. Im Musikbereich, keine Ahnung, das Brucknerorchester wahrscheinlich wird man kennen international, wenn man über Österreich hinausgeht, aber darüber hinaus fällt mir jetzt nichts ein.

Was war Linz09 für dich, wenn du es kurz resümierst, anhand von höchstens drei Punkten?

Wolfgang Steininger: Eine unnötige Arbeitsbelastung für mich persönlich mit dem Kino, weil das Projekt, das Linz09 unbedingt haben wollte, wo Martin Heller im vorhinein gesagt hat, das Thema wolle er super servieren, das war ein ziemlicher Flop. Ich hätte eigentlich Nein sagen sollen, im Nachhinein. Die Nachhaltigkeit, die immer verlangt worden ist von vielen und die irgendwo mitbedacht gewesen wäre, ist nicht eingetreten. Es ist in sehr vielen Projekten irgendetwas … ich habe das Gefühl, als wären die einfach nur einmal temporär gewesen und keine Nachhaltigkeit dabei. Ich glaube schon, das sollte anders genutzt werden und da sollte von vornherein das ein bisschen anderes aufgeteilt werden, dass nämlich genau diese Stärken längerfristig gestärkt werden. Nämlich auch in der Infrastruktur, das sage ich ganz offen, weil das ist sicherlich vernünftiger, als wie wenn man insgesamt ein Budget einfach nur in Projekte, die einmalig sind, investiert und dann darüber hinaus nichts macht. Aber natürlich ist das für die Intendanz besser, wenn sie mit irgendeinem Projekt glänzen kann als wie wenn sie irgendetwas Beständiges macht, was nicht so über die Grenzen hinaus eine Wirkung zeigt. Aber die Langfristigkeit, Nachhaltigkeit ist absolut nicht da, in keiner Weise. Ich weiß nicht, ist irgendetwas übrig geblieben? Emotional, mir fällt nicht viel ein.

Eine schwierige Frage als nächstes. Wie schätzt du den Stellenwert von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein?

Wolfgang Steininger: Die Volkskultur hat in Linz, glaube ich, wenig Bedeutung, bis auf das, dass das Land ein bisschen etwas herein trägt, versucht, irgendetwas zu etablieren ab und zu im Ursulinenhof. Das wird sich auch wandeln, glaube ich, mit der Neukonzeption. Die Hochkultur will Gas geben mit dem Musiktheater. Die müssen auch viel Gas geben dann, das werden wir alle spüren, da kann jeder sagen, was er will. Ja und die andere Kultur, die Subkultur, die Alternativkultur, die Freie Szene, die ist in Linz im Vergleich zu anderen Städten schon noch stärker. Ich habe eh schon gesagt, wiewohl da sehr wohl noch Akzente zu setzen sind, die sicherlich notwendig sind.

Wenn man einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachtet: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch besonders Entwicklungspotenzial vorhanden?

Wolfgang Steininger: In der Musik ist da schon relativ ein ordentliches Potenzial da, das sich ja auch selber entwickelt. Da braucht man, glaube ich, nicht viel tun, weil die bewegen sich von selbst. Nur wenn etwas geschehen würde, dass wirklich mehr Entwicklungsmöglichkeiten bieten würde, dann wäre das an und für sich schon gut angelegt. In unserem Bereich, was Film anbelangt, ist ein bisschen etwas geschehen, da könnte mehr geschehen. Man hat gesehen, es ist ein Interesse da und ich glaube, dass der Film einfach schon wichtig ist, in der Rezeption, dass man da auch den Leuten lernt, damit umzugehen. Weil Bilder beschäftigen uns und vor allem bewegte Bilder und die wirklich lesen zu können, ist einfach auch ein wesentlicher Punkt. Und da gehört einfach noch viel mehr gemacht. Da haben wir nicht das Potenzial und ich glaube, da gehört in der Vermittlung viel gemacht. Im Theater sind wir nicht einmal so schlecht versorgt. Ob die Qualität gut ist, das weiß ich nicht, ich gehe nicht ins Theater oder sehr selten. Das müssen andere beurteilen. Und in der bildenden Kunst bin ich auch kein Experte. Daher will ich dazu gar nichts sagen.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen?

Wolfgang Steininger: Das wesentlichste Thema liegt auf der Hand, das ist die Migrationsproblematik, die ja in Linz doch extrem stark ist. Und da wird die Kultur nicht umhin kommen, sich mit dem noch mehr auseinander zu setzen. Zukunftsforschungen aller Art muss man auch machen. Konkret werden traue ich mich da nicht so jetzt, weil da bin ich kein Experte. Aber da wird mit der Ars Electronica einiges gemacht. Und wenn man bei der Zukunft ist, dann sollte man die Vergangenheit nicht ausschließen, also das ist für mich eigentlich immer ein wesentliches Thema. Aber das ist in Linz eh immer wieder gut beackert worden. Nämlich die eigene Vergangenheit und die Aufarbeitung, die ist da noch besser abgehandelt worden als in anderen Städten. Jugend natürlich, die … ich meine, es ist ja immer so ein abgedroschenes Schlagwort, die Orientierungslosigkeit der Jugend, aber ich meine, ich verstehe es schon, und meine Generation hat das Glück gehabt, dass sie in relativem Wohlstand und mit einem Bewusstsein aufgewachsen ist, dass es unsere Vorgängergeneration extrem schwer gehabt hat. Und jetzt haben sie alles irgendwo, was sie brauchen. Da wieder inhaltlich Fuß fassen, das ist, glaube ich, ein wesentlicher Punkt. Nämlich auch zu motivieren, dass man nicht saturiert wird, so eine Anti-Konsumhaltung wäre wichtig, welche die Kultur vermitteln müsste. Was sie eh tut, aber es ist folgenlos meistens.

Zu den Themenbereichen. Arbeitsbedingungen, Arbeitsverhältnisse, Soziale Lage. Wenn du dein näheres kulturelles bzw. künstlerisches Umfeld betrachtest: Welche Arbeitsverhältnisse (Vollzeit, Teilzeit, Freie Dienstverträge, …) dominieren hier?

Wolfgang Steininger: Teilzeitverhältnisse.

Wie würdest du die Arbeitsbedingungen beschreiben, unter denen du arbeitest?

Wolfgang Steininger: Das Umfeld ist ok und die Bezahlung ist ein Drittel unter dem Markt. Für alle Beteiligten. Das zieht sich von oben bis unten durch. Bis auf die Putzfrau, die verdient das, was sie am Markt auch verdient, vielleicht sogar ein bisschen mehr.

Inwieweit sind diese Arbeitsbedingungen typisch für den Kunst- und Kulturbereich in Linz?

Wolfgang Steininger: Dort, wo es nicht institutionalisiert ist, sondern wo es Freie Szene ist, ist es ganz typisch eigentlich. Da gibt es manche, denen es noch schlechter geht, glaube ich. Also da sind wir eigentlich, glaube ich, im guten Mittelfeld. Aber wenn du Institutionen hernimmst, dann sind wir um ein Drittel dahinter, schätze ich.

Welche Maßnahmen könnte die Stadt Linz setzen, um die Arbeitsbedingungen und die soziale Lage für Kunst- und Kulturschaffende zu verbessern?

Wolfgang Steininger: Na ja, irgendwelche Sondersteuern, die es auch noch gibt, einmal ersatzlos streichen. Ich denke da an die Vergnügungssteuer. Die hat zwar nicht direkt etwas damit zu tun, aber es würde zumindest die finanzielle Situation um ein paar tausend Euro bei manchen verbessern im Jahr. Das gehört eigentlich ersatzlos gestrichen. Es gibt ja auch zum Teil Ermäßigungen bei einzelnen Abgaben, das sollte auch durchgängig sein. Zum Beispiel die Kommunalsteuer. Das sind Kleinigkeiten, aber die summieren sich dann doch für das einzelne Projekt. Grundsätzlich ist es so, die Stadt müsste einfach das Kulturbudget dementsprechend erhöhen, damit halt auch eine gewisse Linderung – ich rede ja gar nicht vom perfekten Umgang damit – möglich ist. Und ich glaube, dass die Kulturbudgets in den letzten Jahren und Jahrzehnten rückläufig sind im Verhältnis mit anderen Sachen, dass da eigentlich mit relativ wenig Aufwand ein großer Effekt erzielt werden könnte. Ich glaube, das ist eigentlich das, was Linz auch tun könnte. So wie alle anderen Körperschaften.

Mich hat es gewundert, dass das bei Linz09 nie ein Thema war, die soziale Lage von Kunst- und Kulturschaffenden, Arbeitsbedingungen, Arbeitsverhältnisse. Das war im Prinzip wie man es vom Festival Ars Electronica gewöhnt ist, dass niemand gefragt hat, wie sieht es aus mit den Arbeitsverhältnissen. Wie siehst du das?

Wolfgang Steininger: Ja, das ist natürlich immer wieder das Gleiche. Viele Projekte sind dann so konstruiert, dass du ein gewisses Budget hast und einen möglichst guten Output haben sollst. Und der größte Brocken sind immer, wenn viel gearbeitet wird, die Personalkosten. Wenn dort natürlich gespart werden kann, dann kann natürlich auf der anderen Seite irgendwo wieder irgendein schönes Objekt hingestellt werden oder eine schöne Inszenierung gemacht werden. Und genau diesen Ausgleich zu finden, das ist manchmal schwierig, denke ich. Weil die Motivation der Leitung einfach auch nicht dementsprechend ist, das wirklich so zu machen, dass es sozialverträglich wäre. Diesen Zielkonflikt, um den wird keiner umhin kommen, außer man macht wirklich den beamteten Künstler und Kunstorganisator. Das möchte ich aber nicht. Mir hätten sie das angetragen damals, wie wir das Moviemento aufgesperrt haben. Eine Landesdienststelle. Da habe ich gesagt: „Nein, danke.“ Ich hätte zwar um einiges mehr verdient, aber …

Zur Förderung und Finanzierung. Welche Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten nützt du für die eigenen Einrichtungen?

Wolfgang Steininger: Wir haben nur eine Jahresförderung, die seit 20 Jahren praktisch gleich geblieben ist, von der Stadt. Vom Land ist es weniger geworden, vom Bund ist es ein bisschen mehr geworden, nachdem es einmal weniger geworden ist. Wir sind jetzt bei der Stadt bei, glaube ich, 27.000 Euro, oder nicht einmal. Beim Bund sind wir bei 33.000 und beim Land, da bekommen wir die Miete auch refundiert, sind wir bei knapp 39.000, aber da waren wir schon mal auf 47.000. Europa Cinemas haben wir noch, das ist eine EU-Geschichte, aber das kann jedes Kino bekommen, das die Normen erfüllt.

Und im Rahmen von Projekten?

Wolfgang Steininger: Projekte haben wir sehr wenige. Da haben wir nur das Kinderfilmfestival. Sonst heißt es immer, wenn wir Projekte einreichen wollen, ihr habt eh eine Jahresförderung.

Welche positiven Punkte fallen dir in Zusammenhang mit der Förderung von Kunst und Kultur durch die Stadt Linz ein?

Wolfgang Steininger: Die Abwicklung. Die Abwicklung ist relativ unbürokratisch. Mehr fällt mir nicht ein.

Detailfrage. Inwieweit bist du mit der Vergabe von Kunstwürdigungspreisen und Kunstförderungsstipendien durch die Stadt Linz zufrieden?

Wolfgang Steininger: Da habe ich zu wenig Ahnung. Das habe ich nicht verfolgt, das muss ich ganz ehrlich sagen. Du hast es hier mit einem Pendler zu tun und der geht dann zu keinen Ehrungen am Abend und zu gar nichts.

Welche besonderen, strukturellen Fördermaßnahmen wären deiner Meinung nach in Linz sinnvoll, die nicht nur eine einzelne Einrichtung betreffen? Du hast vorher schon gesagt, mehr Kulturbudget muss möglich sein. Durch Umschichtungen?

Wolfgang Steininger: Das ist so eine Selbstzerfleischungsmaßnahme, die möchte ich nicht anfangen. Ich meine, es gibt so viele Möglichkeiten, vor allem wo du dann dort niemandem weh tust. Wenn ich denke, was heute bei uns im Straßenbau investiert wird, das ist ja … Oder wenn sie jetzt den Brenner Basistunnel nicht bauen, da kann man die Kulturpolitik auf Jahrzehnte hinweg finanzieren, wenn sie dieses Geld einsetzen würden. Also so gesehen gäbe es einige schnelle Umschichtungsmöglichkeiten, nur wird sich keiner darum annehmen. Und so wird es in der Stadt Linz auch einiges geben. Ich habe mir das Gesamtbudget nie angesehen, aber im Verhältnis.

Fallen dir sonst irgendwelche besonderen strukturellen Fördermaßnahmen ein, Förderprogramme oder ähnliches, wo du schon mal gedacht hättest, das wäre interessant?

Wolfgang Steininger: Ja, schon. Die Stadt Linz kauft ja Liegenschaften. Ich hätte eine zu kaufen, die wir dann weiter verwenden könnten. Das ist ein Beispiel, dass du da einen verlässlichen Vermieter hast, der dann einfach weniger Miete verlangt. Das machen sie bei Gasthäusern schon. Wir überlegen nämlich, ob wir das City Kino kaufen. Da könnte ja die Stadt etwas kaufen und an uns vermieten.

Der dritte Themenbereich wäre das Verhältnis von Stadt, Land und Bund. Wie schätzt du das derzeitige Verhältnis zwischen Stadt Linz und Land Oberösterreich ein, wenn es um kulturelle Angelegenheiten geht?

Wolfgang Steininger: Ich kann dazu nur grundsätzlich sagen, dass ich es eigenartig finde. Das sind alles Körperschaften, die im Dienste der Bevölkerung stehen und dass die dann teilweise, sagen wir, unfairer miteinander umgehen wie in der Privatwirtschaft und viel weniger Kollegialität da ist als wie im Privatleben, ist für mich völlig unverständlich und das passiert immer wieder. Wenn man das Verhältnis ansieht, egal ob es jetzt vom Bund zur Stadt ist oder zum Land ist, wenn man sich das kleinliche Hickhack ansieht, am OK-Platz, weil die Stadt macht da nichts, weil das gehört dem Land und so … aber es ist ja auch städtisches Territorium. Also diesen Kinderkram da, den verstehe ich nicht.

Ist das lösbar?

Wolfgang Steininger: Da im gesamten Kulturbereich immer so eine Art Mangelwirtschaft da ist, ist es offensichtlich schwierig, die derzeitige Situation zu lösen. Da versucht einer, das auf den anderen abzuschieben. Ich denke, der Karren ist zu verfahren, auch mit allen möglichen Zuständigkeiten und dergleichen. Das gehört alles auf völlig neue Füße gestellt, die ganze Verfassung müsstest du da wahrscheinlich ändern. So gesehen sehe ich da wenig Hoffnung.

Welche Rolle spielt die Kulturpolitik auf Bundesebene für eine Stadt wie Linz?

Wolfgang Steininger: Die Stadt jammert immer, offensichtlich zu Recht, weil weder für Lentos noch für Ars Electronica irgendwelche Zuschüsse vom Bund kommen. Ich weiß nicht, wieso das Verhältnis zwischen Bund und Stadt Linz soviel angespannter ist als wie mit anderen Städten oder Projekten. Ich habe keine Ahnung. Ich habe mich da auch nicht damit beschäftigt, das müssten die Herrschaften untereinander ausmachen. Also diese Kleinkriege, diese Scharmützel, die dann in echten Konflikten ausarten, keine Ahnung, ich möchte dazu gar nicht Stellung nehmen.

Aber es ist von der Außenwahrnehmung für dich auch wahrnehmbar?

Wolfgang Steininger: Dass es komische Konflikte sind, für mich. Äußerst komisch. Und wo die herkommen, ich habe keine Ahnung.

Danke, das war es. Ist dir irgendetwas noch abgegangen? Willst du irgendetwas Wichtiges noch mitteilen?

Wolfgang Steininger: Nein, mir fällt nichts mehr ein.

Willst du mir noch irgendetwas mitgeben, auf das beim neuen Kulturentwicklungsplan besonders geachtet werden sollte?

Wolfgang Steininger: Ich glaube, ihr habt euch grundsätzlich mehr Gedanken gemacht wie ich.

Danke.

Dieser Beitrag wurde unter Interviews veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.