Thomas Diesenreiter

Geburtsdatum, Geburtsort?

Thomas Diesenreiter: 24. Mai 1986, Linz.

Seit wann lebst du in Linz?

Thomas Diesenreiter: Seit 2008.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus?

Thomas Diesenreiter: Ich bin als Künstler im weitesten Sinne in verschiedenen Sparten aktiv, sowohl aktionistisch und performativ als auch installativ, daneben bin ich seit 9 Jahren als DJ unterwegs. Weiters arbeite ich als Kulturaktivist im freien Kunst- und Kulturumfeld, wie zum Beispiel für das KünstlerInnenkollektiv Backlab, für den Verein der freien Radios Österreichs oder die Initiative Kulturquartier Tabakwerke. Ich engagiere mich kulturpolitisch im offenen Forum freie Szene Linz, im Linzer Stadtkulturbeirat und in verschiedenen Lobbyinggruppen auf regionaler und nationaler Ebene.

Wie würdest du die eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen?

Thomas Diesenreiter: Künstler.

Nenn mir bitte das Gründungsjahr von backlab und von KuQua?

Thomas Diesenreiter: backlab: 1997, KuQua: 2008.

Welche Zielgruppen werden durch die Arbeit besonders angesprochen?

Thomas Diesenreiter: backlab ist ein KünstlerInnen-Kollektiv. Das Ziel ist die interne Vernetzung der einzelnen Mitglieder, die Unterstützung untereinander und besonders der jungen KünstlerInnen. Es gibt keine definierten Zielgruppen nach außen. Es werden immer wieder Projekte von einzelnen Mitgliedern umgesetzt, die dann ganz verschiedene Gruppen ansprechen. Zum Beispiel werden drei Musik-Labels von BacklaberInnen betrieben, es gibt immer wieder Veranstaltungsreihen mit ganz diversen Ansprüchen: Ob Hiphop, Techno, Avantgarde Visuals oder Literatur, es hängt von den Mitgliedern ab, was produziert wird.

Und welche Zielgruppen werden durch die Arbeit von KuQua besonders angesprochen?

Thomas Diesenreiter: KuQua versucht einerseits Visionen zu skizzieren, wie die Linzer Tabakfabrik in Zukunft aussehen könnte, und andererseits versuchen wir mittels Networking und Lobbying diese Strategien an die politischen EntscheidungsträgerInnen zu kommunizieren.

Auf welchen geografischen Wirkungsbereich zielt die Arbeit in erster Linie ab? Zuerst bitte für backlab, dann gleich für KUQUA beantworten.

Thomas Diesenreiter: backlab hat zwei starke Zentren in Oberösterreich und Wien, wo die meisten Mitglieder leben, durch Kooperationen insbesondere im Musikbereich gibt es aber auch ein internationales Netzwerk. KuQua: Wir haben naturgemäß einen klaren Lokal- aber auch Regionalbezug, da wir nicht nur von Linz, sondern auch vom Linzer Großraum sprechen.

Wenn du es eingrenzen müsstest: In welchen künstlerischen Disziplinen bzw. kulturellen Arbeitsfeldern sind backlab und KuQua hauptsächlich tätig?

Thomas Diesenreiter: backlab Kunst: Musik, Visualisierungen, Literatur, Photografie, Malerei, Performancekunst. backlab Kultur: Im Veranstaltungsbereich wird von kleinen Partys bis große Festivals alles abgedeckt, politisches Engagement, Betrieb von Labels wie erwähnt, internes Networking und interner Wissenstransfer. KuQua: Visionenproduktion, kulturpolitisches Engangement und Networking sind die primären kulturellen Arbeitsfelder.

Gibt es bei backlab oder KuQua in Bezug auf die vorhandene räumliche und/oder technische Infrastruktur aktuell einen Handlungsbedarf, d. h. den Wunsch nach quantitativer Erweiterung oder qualitativer Verbesserung?

Thomas Diesenreiter: backlab: Infrastrukturfragen sind immer Ressourcenfragen. Sollten wir die Förderungen in der Höhe bekommen, die wir ansuchen, würden wir ohne Probleme eine Vollzeitstelle beschäftigen können und hätten damit auch Bedarf für ein adäquates Büro. Da aber die Fördersituation miserabel ist, wird der Großteil der Arbeit ehrenamtlich von zuhause erledigt. Es gibt auch Bedarf einzelner Mitglieder an leistbaren Arbeitsräumen, also Ateliers und Büros und es wäre schön, so etwas über den Verein finanzieren zu können. Die Politik muss also entweder die finanziellen Mittel bereitstellen, damit sich die Initiativen adäquate Räumlichkeiten leisten können, oder diese entgeltfrei zur Verfügung stellen. Da bieten die Tabakwerke natürlich eine großartige Chance. KuQua: Die derzeitige Arbeit lässt sich gut ohne eigene Infrastruktur betreiben.

Wie viele Personen waren bei backlab und KuQua mit Stand 1. Jänner 2011 insgesamt beschäftigt (egal ob in einem Anstellungsverhältnis, auf Werkvertragsbasis oder als freie Dienstnehmer_innen)?

Thomas Diesenreiter: backlab: 0, KuQua: 0.

Wenn ein durchschnittliches Arbeitsmonat oder ein typisches Projekt betrachtet wird: Wie viele Personen sind schätzungsweise für backlab und KuQua auf freiwilliger Basis tätig?

Thomas Diesenreiter: backlab: Lässt sich durch den Netzwerkcharakter schwer schätzen, aber ich würde so 15 Personen schätzen. KuQua: 2 bis 3.

Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an „Kulturstadt Linz“ denkst?

Thomas Diesenreiter: Positiv: Freie Szene, Super Vernetzung innerhalb der Kulturszene, Solidarität, Großes Potential, elektronische Musik. Negativ: Schein und Sein, Sonntagsreden, Kultur als Tourismusmarketing, Ungenütztes Potenzial, Stillstand, Politstreit, Pseudomitbestimmung.

Wenn du die letzten 10 Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, betrachtest: Was lief deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Thomas Diesenreiter: Das Lentos hat sich super entwickelt, es gibt viele neue, spannende, kleine Initiativen und KünstlerInnen-Gruppierungen. Es hat einen gewissen Generationenwechsel gegeben, der natürlich nicht spannungsfrei war, der aber definitiv positiv zu beurteilen ist.

Und mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten 10 Jahre bist du überhaupt nicht zufrieden?

Thomas Diesenreiter: (1) Eventisierung der Kultur: Gerade die Stadt- und Land Institutionen haben unter einem falsch verstandenen „Kultur für alle“-Gedanken viele Veranstaltungen weg von einem künstlerischen Diskurs hin zu Massenevents verändert. In jüngster Zeit fallen einem da zum Beispiel der Höhenrausch 1 und 2 ein, die Klangwolke oder das LinzFest. Hauptsache Feuerwerk am Schluss, ironisch gesagt. (2) Kunst und Kultur werden immer mehr unter neoliberalen Standpunkten betrachtet. Gerade die Kulturhauptstadt hat ganz entschieden zu dieser Entwicklung beigetragen – es wurden BesucherInnen- und Nächtigungszahlen als primäre Rechtfertigung angegeben. Mit dem Begriff der „Professionalisierung“ wurde den lokalen Kunst- und Kulturschaffenden abverlangt, Leistungsstandards zu erfüllen. (3) Verebbung des kulturpolitischen Diskurses: Seit dem ersten Kulturentwicklungsplan gibt es so gut wie keinen öffentlichen Diskurs mehr über den Wert von Kunst und Kultur. Hier ist auch wieder auf die Kulturhauptstadt zu verweisen, die natürlich irrsinnig den Diskurs bestimmt und dadurch alle anderen Themen verdrängt hat. (4) Stagnation des Kulturbudgets: Seit 2004 stagnieren die städtischen Budgets für die freie Szene, während auf der anderen Seite mit dem Lentos, dem Salzamt, dem neuen Ars Electronica, dem neuen Schlossmuseum, dem Nordico und zu guter Letzt bald auch dem Musiktheater immer mehr Geld in die großen Institutionen fließt. Hier spielt auch die politische Proporzaufteilung eine große Rolle, da die eine der anderen Partei keinen Erfolg gönnen will.

Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck?

Thomas Diesenreiter: Linz hat eine ausgezeichnet vernetzte Szene – sowohl stadtintern, national als auch international. Und das betrifft nicht nur die freie Szene, sondern auch die Kulturszene als Ganzes. Da spielt besonders die geschichtliche Entwicklung eine große Rolle, die in den von dir genannten Städten ganz anders aussieht – am ehesten wäre noch Graz mit Linz zu vergleichen. Die größte „Anlage“ sehe ich besonders bei den jungen KünstlerInnen und Kulturschaffenden, aber diese müssen viel massiver unterstützt und gefördert werden. Positiv ist hier auch die generationenübergreifende Zusammenarbeit zu erwähnen, die ich sonst nirgends so stark wahrnehmen kann. Ein weiterer Pluspunkt ist die stark ausgeprägte Linzer Zivilgesellschaft.

Inwieweit denkst du eigentlich, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird? Und welche geografische Reichweite hat die internationale Wahrnehmung deiner Meinung nach?

Thomas Diesenreiter: Linz als Ganzes spielt international keine Rolle als Kulturstadt, das ist Wunschdenken des Stadtmarketings. Es gibt in gewissen Sparten durchaus ein gewisses Renommee, das betrifft aber vor allem die freien Szenen und nicht die Institutionen. Es ist zu beobachten, dass es viele international bekannte KünstlerInnen aus Linz gibt – aber leider stellt sich die Stadt nicht die Frage, warum die alle lieber wegziehen als in Linz zu arbeiten.

Beschreib bitte dein Resümee von Linz09 anhand von drei Punkten.

Thomas Diesenreiter: (1) Eine vergebene Chance. Durch das Intendanzmodell und die durch die Person des Intendanten vorgegebene Kommunikationskultur hat man den kulturpolitischen Diskurs der letzten Jahre völlig außer Acht gelassen. Es hätte einen viel breiteren, demokratisch organisierten Diskurs zur Ausrichtung des Kulturhauptstadtjahrs geben müssen. (2) Den Beweis, dass es viel mehr Geld für Kultur geben kann. Das Argument der leeren Kassen, dass man davor – und leider auch wieder jetzt – hörte bzw. hört, ist entkräftet worden. Es kommt schlicht auf den politischen Willen an. Die Stadt kann sich ohne Probleme ein drei- bis viermal so großes Kulturbudget „leisten“. (3) Persönliche Erfahrungen: Als Mitglied von Peter Androschs Musikabteilung konnte ich an vier großartigen Projekten mitarbeiten und einen tiefen Einblick in das System „Kulturhauptstadt“ gewinnen.

Wie schätzt du das Verhältnis von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein?

Thomas Diesenreiter: Politisch: Die Hochkultur genießt zu Unrecht einen viel zu hohen Stellenwert, da sie wie vorher gesagt meist weder inhaltlich noch qualitativ international eine Rolle spielt. Sie ist aber natürlich vor allem ein Ausdruck der Klassendifferenzen und dabei die Kultur der Eliten. Die Linzer Subkultur wird gerne in Sonntagsreden erwähnt, wird auf politischer Ebene aber de facto nicht beachtet – außer sie pinkeln der Politik mal wieder ans Bein. Es braucht wahrscheinlich andere Personen mit einem anderen Kulturverständnis bevor sich das ändern kann. Der Einfluss der Volkskultur wird überbewertet, hat zum Glück aber auch budgetär keinen allzu großen Stellenwert. Die Volkskultur spielt eher dann eine Rolle, wenn es um die – meist mediale – Konstruktion von Konflikten geht: Hier die „gute“, „echte“ Volkskultur, dort die Verrückten – „Das ist keine Kunst!“. Zur Zusammenarbeit: Es gibt eigentlich sehr viele gut funktionierende Schnittstellen zwischen Hoch- und Subkultur, die Volkskultur agiert weitgehend eigenständig.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. usf. betrachtest: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch Entwicklungspotenzial vorhanden?

Thomas Diesenreiter: Das größte künstlerische Potenzial sehe ich definitiv im Musikbereich. In der Malerei, Grafik und Fotografie gibt es super KünstlerInnen, aber es fehlen die Infrastruktur (Stichwort Ateliers, Galerienszene) und die politischen Rahmenbedingungen. Tanz und Theater scheint eine immer größere Rolle zu spielen, dank einiger sehr engagierter Personen.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen? Begründe deine Einschätzung bitte kurz.

Thomas Diesenreiter: (1) Stimmung: Linz muss es schaffen, ein positives Klima innerhalb der Kulturszene zu schaffen. Das heißt, sie muss das eigene Verständnis von Kunst und Kultur grundlegend hinterfragen und verändern. KünstlerInnen müssen in Linz gerne leben und sie brauchen eine Umgebung, in der sie sich entfalten können. Dies ist mit der gegenwärtigen Kulturfeindlichkeit der Politik, der Lokalmedien und dadurch auch der Bevölkerung eben nicht der Fall. Kunst wird leider als Bedrohung, und nicht als Bereicherung des gesellschaftlichen Diskurses angesehen. (2) Ökonomie: Das gesamte Kulturbudget gehört mindestens vervierfacht, also in Richtung 20 % des Gesamtbudgets. Und das nicht mit dem Argument der Umwegrentabilität, sondern mit einem klaren Bekenntnis zu Kunst und Kultur! Das ist keine Utopie, sondern Notwendigkeit, wenn die PolitikerInnen ihre eigenen Sonntagsreden ernst nehmen würden. (3) Entpolitisierung der Kulturbetriebe, Politisierung des Kulturszene. Nieder mit dem Stadt-Land-Proporzbetrieb. Und gleichzeitig: Kunst ist Politik! Die Institutionen müssen den Mut aufbringen, sich in einen gesellschaftlichen und politischen Diskurs einzubringen. Mehr Kontroversen!

Zu den einzelnen Themenbereichen. Welche Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten nutzt du für dich selbst bzw. für deine Einrichtungen?

Thomas Diesenreiter: backlab: Wir stellen Basissubventionsansuchen an Stadt, Land und Bund, darüber hinaus suchen wir für einzelne Veranstaltungen um Projektförderungen an. Die meisten Projekte und Veranstaltungen müssen sich aber selbst tragen, also durch Eintritte und hauptsächlich durch unbezahlte Arbeit und viel zu niedrige Gagen. KuQua: Die Kulturquartier-Tabakwerke-Gruppe hat bis dato eine größere Projektförderung bekommen, die meiste Arbeit darüber hinaus geschieht ehrenamtlich. Ich persönlich: Als Künstler sind vor allem die diversen Festivals und Projekttöpfe wichtige Einkommensquellen, im Musikbereich geht es hauptsächlich um gutes Networking. Als Kulturarbeiter ist vor allem die Zusammenarbeit mit bestehenden Kulturinitiativen wie der Stadtwerkstatt wichtig für die Butter auf dem Brot, manchmal auch das Durchführen größerer Projekte für öffentliche Kulturinstitutionen wie die Ars Electronica. Besonders die Sonderförderprogramme wie Impuls-, Export-, Importtopf sind ausgezeichnete Förderinstrumente, allerdings bedingen sie breite Basissubventionen um überhaupt das kulturelle Umfeld zu schaffen, welches dann Einreichungen generieren kann. Weiters müssten sie, wie schon lange von der Freien Szene gefordert, massiv ausgeweitet werden. Auch die Basissubvention ist im nationalen Vergleich auf einem hohen Niveau, allerdings arbeiten die meisten Menschen in der Kulturszene immer noch unter sehr prekären Verhältnissen. Hier wäre ein Angleichen der Löhne an das Niveau in den Institutionen erstrebenswert, sowie die Ausarbeitung und Umsetzung von Kollektivverträgen für KulturarbeiterInnen auch im freien Feld. Der Frauenbericht der Kulturabteilung ist sehr lobend hervorzuheben, und dessen Zahlen zeigen auch eine sehr gerechte Verteilung der Fördermittel. Während die Ausgaben für die großen Institutionen laufend steigen und in diesem Bereich in den letzten Jahren auch riesige Bau-Investitionen zu beobachten sind, stagniert das Budget der Freien Szene seit 2001 auf dem selben Niveau. Hier braucht es eine Perspektive auf eine langfristige schrittweise Erhöhung, von den derzeitigen 1,2 Millionen auf mindestens 4 Millionen bis 2020. Sollten die Mittel für den gesamten Kulturbereich nicht erhöht werden, so wird man wohl eine Verteilungsdebatte führen müssen, denn am gesamten Kulturetat der Stadt Linz mit fast 40 Millionen € hat die Freie Szene einen verschwindend kleinen Anteil von gerade mal 2 – 3 %. Auch braucht es mehr Anreize und Förderungen für junge Kulturinitiativen und junge KünstlerInnen – momentan ist es für junge Menschen viel zu schwierig, in Linz von ihrer Kunst zu leben.

Inwieweit bist du eigentlich mit der Vergabe von Kunstwürdigungspreisen und Kunstförderungsstipendien durch die Stadt Linz zufrieden?

Thomas Diesenreiter: Das beobachte ich zu wenig, um eine qualifizierte Aussagen tätigen zu können. Allgemein glaube ich aber, dass den meisten KulturaktivistInnen und KünstlerInnen eine anständige Basisförderung wichtiger ist, als einmal im Jahr einen Preis zu bekommen. Aber die Politik freut sich halt gerne über Gelegenheiten für pressewirksame Fotos.

Fallen dir – abgesehen von dem bereits Geschriebenen – noch weitere sinnvolle, strukturelle Fördermaßnahmen ein, die nicht nur eine einzelne Einrichtung betreffen?

Thomas Diesenreiter: Mehr Investitionen im Medienbereich. Der Verlust der spotsZ ist ein herber Schlag für die Szene gewesen. Es wären auch Maßnahmen interessant, die lokale Kulturszene in den regionalen Medien wie einer Tips, Rundschau oder den N besser zu verankern, aber das hängt stark von deren Interesse ab. Einrichtung eines spezifischen Förderprogramms LinzNachSchub für junge, neu entstandene/neu entstehende Initiativen, dotiert mit mindestens 50.000 Euro.

Ok. Weiter zum Bereich Kulturentwicklung/Kulturplanung/Evaluierung. Inwieweit bist du über die Inhalte des Kulturentwicklungsplan aus dem Jahr 2000 informiert?

Thomas Diesenreiter: Ich habe ihn mehrmals gelesen und referenziere ihn manchmal.

Was bringt Kulturentwicklung und Kulturplanung für eine Stadt wie Linz eigentlich deiner Meinung nach?

Thomas Diesenreiter: Beides ist ein essentieller Teil des kulturpolitischen und damit gesellschaftlichen Diskurses und taugt als reflexive Maßnahme vor allem zur Meinungsbildung auf politischer aber auch auf kultureller Ebene. Sie sind ein Gradmesser der innergesellschaftlichen Kräfteverteilung, insofern kann man daraus den Stellenwert und Einfluss kultureller und künstlerischer Strömungen ableiten. Richtig eingesetzt, können sie auch irrsinnig viel zur Stadtentwicklung beitragen, siehe Berlin oder Barcelona – wobei wir KünstlerInnen aufpassen müssen, dass Kultur nicht bloß als Gentrifizierungstreiber eingesetzt wird!

Wie bewertest du eigentlich die Möglichkeit der Kulturverträglichkeitsprüfung, die im alten Kulturentwicklungsplan festgeschrieben ist?

Thomas Diesenreiter: Eine im Ansatz spannende Idee, scheitert aber an der Umsetzung. Vor allem ist die Auslegung sehr breit möglich, daher kann man politisch schlecht Verbindlichkeiten ableiten.

Und wie soll deiner Meinung nach sichergestellt werden, dass die Maßnahmen im neuen Kulturentwicklungsplan umgesetzt werden?

Thomas Diesenreiter: Gute Frage. Ich habe die selbe Frage im Stadtkulturbeirat an die KulturreferentInnen der Linzer Parteiorganisationen gestellt und von ihnen keine Antwort erhalten. Einerseits wird es natürlich stark auf den Konkretheitsgrad des neuen KEP ankommen. Je genauer Maßnahmen und Ziele definiert sind, desto besser kann man die Umsetzung einfordern. Andererseits braucht es ein klares Bekenntnis der politischen Machtinhaber, und das muss in der Folge auch die Zurverfügungstellung der entsprechenden finanziellen Mittel bedeuten.

Letzter Themenbereich „Neue Medien/Freie Medien/Open Source/Open Commons“.

Im alten Kulturentwicklungsplan sind „Neue Medien und Technologien“ als einer der Hauptschwerpunkte der kulturellen Entwicklung festgeschrieben. Inwieweit ist deiner Meinung nach die Stadt Linz diesem Schwerpunkt gerecht geworden?

Thomas Diesenreiter: Was die Verschränkung mit der Wirtschaft angeht, hat sie das wohl teilweise geschafft, aber das bewerte ich nicht positiv. Gerade der schreckliche Terminus Kreativwirtschaft zielt auf die neoliberale Verwertung künstlerischen Potenzials ab und verhindert so alles provokante und unorthodoxe. Abschreckende Beispiele sind hier meiner Meinung nach die Entwicklung der Kunstuniversität und des Ars Electronica Futurelabs, deren Aufgaben und Rollen man grundlegend hinterfragen sollte. Die Initiativen rund um Open Commons sind ehrenwert, aber haben noch keinen Einschlag gefunden. Insgesamt denke ich, dass es erst eine neue Generation an PolitikerInnen und Kulturschaffenden an die Schalthebel kommen muss, damit dieser Bereich aufblühen kann.

Wo liegen deiner Meinung nach die Stärken im Bereich „Neue Medien“ in Linz? Und wo die Schwächen?

Thomas Diesenreiter: Insgesamt, und im speziellen im Umfeld des Futurelabs, dem freien Radio FRO, der CBA und der Plattform subtext.at gibt es ausgezeichnete Initiativen und SpezialistInnen auf diesem Gebiet, es gibt auch in der jungen Politikgeneration einige sehr versierte Persönlichkeiten. Generell glaube ich aber, dass die Einflussmöglichkeit einer Kommune auf diesen Bereich sehr bescheiden ist, denn die neuen Medien arbeiten ja grenzübergreifend und international. Wichtig wäre die konsequente finanzielle Unterstützung der lokalen Initiativen und Persönlichkeiten, eventuell auch mit gezielten Fördertöpfen, aber insgesamt sollte man sich abschminken, hier international mitspielen zu können. Dafür ist die Stadt zu klein.

Wie schätzt du die Beteiligungsmöglichkeiten für Kunst- und Kultureinrichtungen an der Open-Commons-Initiative ein?

Thomas Diesenreiter: Bis dato hat die Open-Commons-Initiative keine Auswirkungen auf die Kulturszene. Trotz mehrmaligen Nachforschens kenne ich niemanden, der bis dato die versprochene 10-Prozent-Fördererhöhung für CC-Inhalte bekommen hat. Außerdem ist die Initiative servus.at unterfinanziert, die sich ganz konkret mit dem Themenbereich Open Source auseinandersetzt. Es wäre wünschenswert, dass die Stadt die vorhandenen AkteurInnen berücksichtigt, bevor Parallelstrukturen wie der Cultural-Space-Server angedacht werden. Die Copyright-Frage im Kulturbereich ist eine sehr komplexe, die mit kommunalen Maßnahmen alleine nicht bearbeitet werden kann. Ich glaube, dass der Großteil der KünstlerInnen ihre Arbeit gerne unter Copyleft-Lizenzen veröffentlichen würde, hätten sie das ökonomische Backing, dies zu tun. Und das kann nur durch nationale und internationale Maßnahmen ermöglicht werden, nicht durch regionale.

Welches Entwicklungspotenzial siehst du im Bereich der Freien Medien in Linz?

Thomas Diesenreiter: Linz ist im nationalen Vergleich gesehen federführend im Bereich der freien Medien. Das freie Radio FRO ist eine der besten vernetzten Initiativen der Stadt, das neu gegründete Dorf.tv als zweites österreichisches Community-TV-Projekt hat großes Potenzial und das Onlineprojekt subtext.at ist auch im österreichischen Vergleich eines der spannendsten. Auch das Cultural-Broadcasting-Archive, das Onlinearchiv der Freien Radios Österreichs, an dem ich mitarbeite, sitzt in Linz und wird für die Zukunft der freien Radios sicher eine immer größere Rolle spielen. Im Printbereich gibt es gute Periodika einzelner Kulturinitiativen wie die Versorgerin, das Kapuzine, Frischluft oder den Programmfolder von FRO, aber es fehlt seit dem Ende der spotsZ ein initiativen- und szeneübergreifendes Printprodukt. Ich denke, dass der tertiäre Medienbereich in allen Formen mehr direkte Förderung braucht, vor allem in Form von Basissubvention.

Danke.

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