Tanja Brandmayr

Geburtsdatum und Geburtsort?

Tanja Brandmayr: 28. September 1969, Wels.

Du lebst in Linz?

Tanja Brandmayr: Mein Arbeitsmittelpunkt ist in Linz, ich bin in Traun wohnhaft.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus?

Tanja Brandmayr: Kulturjournalismus bzw. Kulturvermittlung auch, also im Prinzip eine schreibende Tätigkeit, Medien im weitesten Sinn. Bis vor kurzem größtenteils in den spotsZ, jetzt anderswo. Und dann bin ich noch im darstellenden Bereich tätig, Tanz und Performance, und bei Red Sapata, einer Kulturinitiative. Das ist unsere Vernetzungsstelle seit letztem Jahr und da bin ich im Vorstand, in der Organisation.

Wie würdest du deine eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen?

Tanja Brandmayr: Freie Kunst- und Kulturschaffende. Recht weit gefasst, aber wenn mich wer näher fragt, sage ich immer zwischen Text und Tanz, das ist dann immer so ein großes Aha! Aber es ist tatsächlich so.

Zur Einrichtung, zu Red Sapata. Das Gründungsjahr?

Tanja Brandmayr: Red Sapata ist als Verein 2007 gegründet worden. Ich habe das zwar schon mitbekommen, aber richtig dazugekommen bin ich erst letztes Jahr, 2010, wie es um die Räumlichkeiten gegangen ist und dass man das noch einmal neu aufstellt.

Welche Zielgruppen werden durch die Arbeit besonders angesprochen?

Tanja Brandmayr: Na ja, freie Kunstschaffende im darstellenden Bereich. Also der engere Fokus ist sicher Tanz, zeitgenössischer Tanz. Aber wir sehen uns eigentlich eher, wie es im zeitgenössischen Tanz üblich ist, an den Rändern und Schnittstellen zu allen anderen Sparten. Zeitgenössischer Tanz plus Performance plus Theater.

Auf welchen geografischen Wirkungsbereich zielt die Arbeit in erster Linie ab?

Tanja Brandmayr: Wir sind froh, wenn wir es jetzt einmal für Linz und Umgebung gut auf den Boden bringen, das ganze Projekt. Die Ideen gehen natürlich einmal in erster Linie regional in Richtung Wien, Salzburg, Graz. Aber das ist jetzt alles einmal im Antesten.

In welchen künstlerischen Disziplinen bzw. kulturellen Arbeitsfeldern ist Red Sapata hauptsächlich tätig? Du hast es angesprochen, Tanz mit der Schnittstelle zu Performance und Theater.

Tanja Brandmayr: Eigentlich Tanz mit der Schnittstelle überall hin. Also was sich schon herauskristallisiert hat bei uns, ist die literarische Schnittstelle, zumindest bei den eigenen Projekten. Viele machen auch Video. Also die Schnittstelle ist uns eigentlich egal, Hauptsache Schnittstelle. Das ist jetzt eher so aus meinem Wunsch heraus.

Gibt es in Bezug auf die vorhandene räumliche und technische Infrastruktur aktuell einen Handlungsbedarf, d. h. den Wunsch nach quantitativer Erweiterung oder qualitativer Verbesserung?

Tanja Brandmayr: Wie soll ich sagen, es ist eine lange Entwicklung im zeitgenössischen Bereich, da überhaupt einmal einen Ort etabliert haben zu können. Wir sind derweilen ein Proberaumbetrieb, eine Vernetzungsstelle plus Proberaumstätte. Da fehlt es uns an vielem. Was kann man brauchen? Technisches Equipment wie Computer oder Beamer. Da haben wir eine teilweise private Minimalausrüstung. Es wäre gut, zumindest dafür Geld dafür zu haben. Eine Erweiterung wäre ganz nett, dass man den Ort hin und wieder als Veranstaltungsraum nützen könnte, für kleinere Geschichten. Und da wäre technisches Equipment auch ganz fein. Also quasi nicht ein regulärer Veranstaltungsort, das ist zu aufwändig, sondern temporär, dass man einfach kleine Showcases machen kann etc., in diese Richtung. Ich meine, wir sind im Aufbauen. Bei uns ist es gerade so, dass wir Duschen einbauen, also wir stellen das alles erst im Laufe der Zeit her, die Situation, die wir eigentlich brauchen.

Wie viele Personen waren in der Einrichtung mit Stand 1. Jänner 2011 insgesamt beschäftigt?

Tanja Brandmayr: Null.

Und wie viele Personen sind ehrenamtlich engagiert?

Tanja Brandmayr: Die wirklich viel machen, sind drei Leute. Das nähere Umfeld, das auch noch immer sehr viel macht, sind jetzt einmal sieben bis acht Leute. Und dann ist halt dementsprechend die nächste Stufe, die hin und wieder helfen, das sind so 15, würde ich sagen, je nach Projekt, je nachdem, was wir gerade zu tun haben. Projektbezogen sind wir eh eher in den kleinen Feldern, also so zu dritt bis fünft höchstens. Die 15 Leute, das betrifft eher die Betreuung der Infrastruktur, zum Beispiel wie Putzen oder solche Sachen oder irgendetwas von A nach B schleppen. Weil die Sache bei uns ist, dass wir wirklich niemanden haben, der derzeit fix Geld bekommt für das Ganze. Und das heißt halt, wir sind vom Netzwerk abhängig, das auch mithilft.

Kommen wir zum Hauptblock. Es geht um die Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart von Linz, bezogen auf Kunst und Kultur. Ein kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an „Kulturstadt Linz“ denkst?

Tanja Brandmayr: Da würde ich einmal die vergangene Kulturhauptstadt gleich recht groß hinschreiben. Und ich würde eine große Sonne oben und dann die Landschaft und die Donau malen, und das ist aber alles sehr ruhig und fast ein bisschen langweilig. Das wäre meine Zeichnung.

Jetzt bist du schon relativ lange in der Stadt aktiv. Wenn du die letzten zehn Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, betrachtest: Was lief deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Tanja Brandmayr: Ich fange mit mir persönlich an, vielleicht bringt mich das zu etwas Allgemeinem. Ich habe das eigentlich nie so praktiziert, dass ich nur eine Sache gemacht habe, von der Ausbildung her. Das war bei mir immer so, ich habe meine Interessen immer aufgeteilt und habe auch dementsprechend meine Ausbildungen gemacht. Kunst habe ich neben meinem Studium an der Johannes Kepler Universität immer auch nebenher gemacht. Ich habe natürlich schon eine Tanzausbildung gemacht, aber ich nie so eindeutig fokussiert. Und von dem heraus muss ich sagen, glaube ich, gibt es in Linz schon recht gute Möglichkeiten, dass man sich wo einhängt und dann sein Ding auf die Füße stellt. Wo das vielleicht viele Nachteile hat, dass es so eine kleine, enge Stadt ist. Man kann dann schon seine Leute oder seine Felder finden und da irgendwie etwas anstarten. Da ist Potenzial da. Wobei ich manchmal das Gefühl habe, es hängt eher von Leuten ab, die selber etwas tun als von einer Struktur oder dass die Kulturverwaltung so offen wäre.

Und mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten zehn Jahre bist du überhaupt nicht zufrieden?

Tanja Brandmayr: Ich habe generell das Gefühl einer Verengung. Das ist aber generell eine Sache, die finde ich fast überall wieder. Es ist eine große, scheinbare Freiheit, alles zu machen, aber man stößt eigentlich, wenn man etwas vorantreiben will, relativ schnell an Grenzen, mit denen man sich dann einfach befassen muss, was auch immer einem dann einfällt, um mit diesen Grenzen zu arbeiten oder sie zu überwinden. Das habe ich auch vorher gemeint, mit dem, dass die Sonne scheint, aber irgendwie ist es langweilig. Es gibt schon viele Orte in Linz, die etwas machen. Es gibt, glaube ich, schon viele spannende Sachen, aber ich habe das Gefühl, es bleibt dann irgendwo immer stecken in etwas, das dann eine relativ brave Oberfläche hat. Mir kommt auch vor, dass die Kulturhauptstadt das eher verschlechtert hat, weil es immer in einer Außenpräsentation hängen bleibt, wo es doch relativ um eine Oberfläche geht, die vor allem nach Außen wirken muss. Und da sollte gerade in der Kultur und überhaupt in der Kunst viel mehr Spannung da sein und viel mehr Ungleichgewicht. Weil da werden ja Sachen verhandelt. Und Kunst und Kultur ist ein Freiraum, wo man sich gerade das noch leisten können müsste. Wo man das festmachen soll, weiß ich nicht. Es hat sicher auch etwas mit einem allgemeinen Trend zu tun. Es hat sicher etwas damit zu tun, dass alles immer sauberer und sicherer werden muss und man sich nicht einmal an einem Kunstort auf etwas einlassen darf, sich traut. Aber es hat auch etwas mit der kleinen, mittelgroßen Stadt zu tun, schätze ich einmal, wo sich nicht so ausgeprägte Sachen formieren können oder in einer sehr mittelmäßigen Wahrnehmung stecken bleiben.

Du hast gesagt, verstärkt durch Linz09. Mich würde ein kurzes Resümee zu Linz09 interessieren, anhand von drei Punkten.

Tanja Brandmayr: Es waren eh schöne nette Sachen, es ist nichts oder kaum etwas übrig geblieben und ich habe den Eindruck eines irrsinnig glättenden Effekts.

Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb kulturell punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck? Kann Linz gegenüber diesen Städten überhaupt punkten?

Tanja Brandmayr: Ja, das denke ich eigentlich schon. Touristisch, weiß ich nicht. Kulturtouristisch, ja. Ich glaube, dass da einiges gemacht worden ist in diese Richtung. Wenn ich mir meine Arbeitsfelder ansehe, also wenn ich den Tanz hernehme, kann der in Linz definitiv nicht punkten. Das ist schon ganz klar.

Inwieweit denkst du, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird? Und welche geografische Reichweite hat die internationale Wahrnehmung deiner Meinung nach?

Tanja Brandmayr: Ich kann das schwer sagen. Ich glaube, eine internationale Wahrnehmung funktioniert nur über spezielle, kunst- und kulturtechnische Ausrichtungen wie die Ars Electronica. Ich war letztes Jahr in Turin. Linz: keine Ahnung, Ars Electronica haben wir schon einmal zumindest gehört. Aber gut, die Ars Electronica ist ein riesiges Festival. Das funktioniert sicher bei kleinen Festivals auch. Ich weiß von einem Bekannten von mir, von der Künstlervereinigung Maerz, mit dem Poesiefestival „Für die Beweglichkeit“, dass das im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus gut verankert ist. Ich sage einmal, das ist ein Mini-Festival, das gut verankert ist und damit auch die Stadt. Das „Festival für die Beweglichkeit“ ist eine Sache von Christian Steinbacher und seinen Leuten und da würde ich natürlich auch sagen, das liegt an ihm und nicht an Linz. Das jetzt nur als Beispiel für viele andere aktive Personen, die wichtige Projekte umsetzen, die nicht unbedingt damit immer an Mainstream kratzen.

Wie schätzt du das Verhältnis von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein?

Tanja Brandmayr: Volkskultur habe ich gar keine Ahnung, was da in Linz ist. Das muss ich komplett weglassen, weil ich über das gar nichts weiß. Hochkultur, Subkultur. Den Stellenwert innerhalb der Stadt. Ja, da weiß ich jetzt gar nicht, was ich genau sagen soll. Ich weiß nicht, was soll das sein, Hochkultur in der Stadt? Landestheater, Brucknerhaus? Ich assoziiere da am ehesten die etablierten, großen Häuser damit. Ich würde die aber jetzt vom Programm her gar nicht unbedingt als Hochkultur bezeichnen. Das ist eine schwierige Frage, wirklich. Ich kann da jetzt nur ein Beispiel aus dem Tanz bringen. Der Tanz ist zum Beispiel hochkulturell in Linz mit Ja und Nein verankert. Es gibt ein Ballett im Landestheater, das ist deklariert in der romantischen Geste verankert. Das findet auch ein super Publikum und genug Publikum, was natürlich wichtig ist. Und im Posthof gibt es die Tanztage. Das ist aber ein minimaler Ausschnitt von dem riesigen Zirkus. Es ist auch mengenmäßig schlecht verankert. Ich habe mir letztes Jahr im Herbst in Salzburg etwas angesehen, auf der Perner-Insel, eine Tanzgeschichte, super etabliert eigentlich im zeitgenössischen Tanz. Ich bin mir sicher, das kannst du in Linz nicht programmieren, weil dir das Publikum fehlt. Es war mit neuer Musik und von der Tanzsprache dementsprechend auch ausgerichtet und das ist eine Geschichte, die wird in Salzburg ganz selbstverständlich aufgenommen. Ich bin mir sicher, das funktioniert da nicht. Wenn man den Tanz und die Kunst so auslegen würde, auf so einen explizit zeitgenössischen Fokus, dann habe ich das Gefühl, da ist der Boden gar nicht da. Also insofern ist es schwierig, da von Hochkultur zu sprechen. Auch wenn die Häuser das gerne hätten. Und zur Subkultur, das ist halt für Linz genau aus diesem Grund immer sehr wichtig gewesen, dass es eine Subkultur gegeben hat, um die kulturelle Identität aufzubauen. Meiner Meinung nach wäre auch nach wie vor wichtig, auf so etwas wie Subkultur zu setzen, auch wenn sich der Begriff im Laufe der Zeit vielleicht verändert haben mag.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachtest: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch Entwicklungspotenzial vorhanden?

Tanja Brandmayr: Jeder hat so seinen Ausschnitt. Ich fange wieder bei meinem näheren Umfeld an, beim Tanz. Ich muss sagen, für den Tanz ist es ziemlich schwierig, weil über die Jahre war eigentlich extrem viel los. Wenn auch nach Außen kaum wahrnehmbar, weil das alles zu punktuell ist. Was noch zusätzlich da ist, mit der Ausbildung an der Bruckneruniversität für zeitgenössischen Tanz ist eine Ausbildungsstätte in der Stadt, die auch im deutschsprachigen Raum besonders gut ist. Da wäre es eigentlich fast logisch, man knüpft daran an. Vor allem hat das so ein Potenzial, weil das für die Stadt doch etwas relativ Frisches ist und ich habe das Gefühl, man kann das dann noch einmal wirklich neu aufstellen, einfach von vorneherein wirklich als zeitgenössische Geschichte deklarieren. Das inkludiert natürlich den Performance-Bereich. Das ist zum Beispiel auch ein Bereich, wo ich glaube, dass da ganz viel Potenzial da ist. Weil jede Kunstparte hat ihre eigene Performancebegrifflichkeit und -tradition und da denke ich mir, auch für diese Stadt, obwohl sie das so lange verschlafen hat zu präsentieren, gibt es eine Möglichkeit, gerade aus dem heraus das auf einen guten, zeitgenössischen Stand aufzunehmen und weiter zu betreiben oder aufzustellen, imagemäßig. Ansonsten ist wirklich relativ viel da und ich glaube auch nach wie vor, obwohl zum Beispiel der Freie-Szene-Begriff immer dubioser wird, auch wie er benutzt wird, dass das eigentlich eines von den Potenzialen für die Stadt ist. Ich glaube, auf Stadtseite hat man immer den Eindruck, da sind ein paar Chaoten am Werk, die irgendetwas machen, aber eine gewisse Seite vergisst immer, dass das meistens Leute sind, die x Ausbildungen haben, jahrelang in einem Bereich arbeiten und super kompetent sind, in dem, was sie machen, und dass nur diese Oberfläche nicht funktioniert, weil zuwenig Geld da ist. Und letzten Endes wirst du nach Außen immer an der Oberfläche beurteilt, oder wird das gemessen.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen?

Tanja Brandmayr: Ganz allgemein werden diese prekären Bedingungen ein Thema sein, unter denen die Leute arbeiten müssen. Das ist schon ein Thema, natürlich ein großes. Das fällt irgendwie immer ein bisschen unter den Tisch, bei mir oder bei uns, weil wir schauen, dass wir die Projekte irgendwie durchbekommen. Aber de facto leben wir alle in dem. Die Frage ist auch, so wie das teilweise gehandhabt wird … Ich glaube schon, dass einerseits eine Wertschätzung da ist, gegenüber den freien Kunst- und Kulturschaffenden, andererseits denke ich mir aber, man müsste das schon mehr erkennen, was wollen die jetzt überhaupt von uns. Du kannst nicht erwarten, dass die freien Gruppen einerseits großartig etwas machen und für die Stadtentwicklung da stehen sollen, aber im Endeffekt irgendwie total hängen gelassen werden mit so kleinen Projektförderungen. Da denke ich mir schon, vielleicht ist die Frage generell, was will man überhaupt mit dem freien Kulturschaffen? So lange das nichts kostet oder so lange man nicht sagen muss, dass man kein Geld hat, kann man es irgendwie wertschätzen. Wenn ich mir den Tanz ansehe, da wird uns zum Beispiel gesagt, für die Tabakfabrik können wir uns eh vorstellen, dass da etwas reinkommt wie das Tanzquartier. Aber das soll dann gleichzeitig 20.000 Euro im Jahr kosten. Die Aussage hat es wirklich gegeben und das Tanzquartier kostet Millionen jedes Jahr. Da ist überhaupt keine Auseinandersetzung da, was sich im freien Bereich schon getan hat, in Wien zum Beispiel, mit Finanzierungen auch. Das zweite Thema, was ich auch wichtig fände, das sind so Sachen, wie wir mit spotsZ gemacht haben, was im weitesten Sinn unter Kulturvermittlung im Medienbereich fällt. Erstens wollten wir diese freien Produktionen – relativ jetzt zu den etablierten Häusern – in eine Öffentlichkeit bringen und die einfach besprechen, so wie sie sind. Das hat eine Verortung, wenn man so will. Und es hat sehr stark einen vermittelnden Charakter, weil diese sehr fachspezifischen Arbeiten, wenn du künstlerische Auseinandersetzungen machst … also da sehr viel Auseinandersetzung notwendig ist. Und wenn man wirklich interessante – wie auch immer man das klassifizieren möchte – Kunst macht, dann wird die Kluft zum Publikum immer größer, das ja nicht immer die ganze Zeit mit wächst. So eine Vermittlung fände ich schon sehr wichtig, auch im medialen Bereich. Ich finde, dass die Stadt da wirklich etwas vertan hat. Da wird zwar immer von Vermittlung geredet, aber werden solche Projekte dann überhaupt nicht gefördert.

Zu den einzelnen Themenbereichen. Arbeitsbedingungen, Arbeitsverhältnisse, Soziale Lage. Wenn du dein näheres kulturelles bzw. künstlerisches Umfeld betrachtest: Welche Arbeitsverhältnisse (Vollzeit, Teilzeit, Freie Dienstverträge, …) dominieren hier?

Tanja Brandmayr: Freie Dienstverträge.

Und wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen aus. Wie würdest du die Arbeitsbedingungen beschreiben, unter denen du arbeitest?

Tanja Brandmayr: Ich bin eine Freiberuflerin, mit allen Vor- und Nachteilen. Bei FIFTITU% haben wir einmal eine Diskussion gehabt und die haben auch das gefragt und ich habe spontan dann auf einen Zettel geschrieben: „Zwischen Avantgarde und Katastrophe.“ So ist es auch. Es hat natürlich seine Problematiken, was diese ganze negative Avantgarde anbelangt, was die Absicherungen anbelangt. Aber ich empfinde andererseits, so zu arbeiten, wie ich arbeiten kann, als größten Luxus überhaupt.

Inwieweit sind diese Arbeitsbedingungen typisch für den Kunst- und Kulturbereich in Linz?

Tanja Brandmayr: Das betrifft sicher viele Leute, auch wenn sie vielleicht nicht genauso arbeiten wie ich, in einem freiberuflichen Feld, sondern vielleicht kleine Anstellungen haben, Teilzeit, Vollzeit im Kunst- und Kulturbereich. Ich glaube, dass hat schon seine wahnsinnigen Seiten, weil die Burn-Out-Rate in dem Bereich ist über dem durchschnittlichen Wert.

Welche Maßnahmen könnte die Stadt Linz setzen, um die Arbeitsbedingungen und die soziale Lage für Kunst- und Kulturschaffende zu verbessern?

Tanja Brandmayr: Ich habe das Gefühl, dass oft, wenn man wo anfragt, um Informationen zu bekommen, es einfach ganz wenig Wissen gibt – über die allgemeine Lage der freien Kulturschaffenden. Ich glaube, es würde nicht schaden, wenn sich die Stadt vielleicht einmal generell überhaupt informiert, was insgesamt im Zusammenhang möglich ist. Weil ich glaube, da hapert es schon. Ich habe von der IG Freie Theater in Wien mitbekommen, die ja diese sozialen Verbesserungen maßgeblich mitbetrieben haben, dass das ganz schwierig war. Im Endeffekt hängt das immer an Personen. Die haben eine produktive, kommunikative Ebene erreicht, mit der Gebietskrankenkasse und haben dann dementsprechend viel weitergebracht. Aber für konkrete Sachen weiß ich wirklich zu wenig Bescheid, weil man sich da sozialversicherungsrechtlich und von den Krankenkassen her wahrscheinlich sehr speziell auf die Lage der Künstler einlassen oder sich damit befassen müsste. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass da zu wenig Information überhaupt da ist und vielleicht wäre eine Information an die Kunst- und Kulturschaffenden ganz gut, einfach einmal, was möglich ist. Weil das wissen die wenigsten. Das ist immer so hinter vorgehaltener Hand: „Wie machst denn du das?“ Und viele Leute kennen das, weil sie irgendwie dort versichert sind, aber dann doch ein bisschen zu viel verdienen, für das, dass sie es angeben können. Vielleicht einfach einmal informieren, würde ich jetzt in erster Linie sagen.

Nächster Themenbereich. Kunst- und Kulturvermittlung. Inwieweit bist du mit dem derzeitigen Angebot an Kunst- und Kulturvermittlung in Linz zufrieden? Was gefällt dir besonders gut? Und was überhaupt nicht?

Tanja Brandmayr: Kunst- und Kulturvermittlung wird, glaube ich, schon halbwegs gut betrieben, innerhalb von den Häusern. Da hat es in den letzten Jahren einen totalen Run auf die Kinder- und Jugendschiene gegeben. Das ist überall massiv aufgestockt worden. Ich glaube, dass das eher ein ständiges Thema ist und auch das Bewusstsein dafür jetzt schon ziemlich gut gegriffen hat. Warum mich das interessiert, ist eigentlich wegen der Verbindung zu den Medien, da ist der Hintergrund mit spotsZ einfach. Dahingehend glaube ich, ist ein riesiges Manko zwischen dieser totalen Nivellierung in den Massenmedien oder in den größeren Landeshauptblattmedien und einer wirklichen Kulturvermittlung, die gleichzeitig immer eine Art von Verortung betreiben muss. Das tun ja die größeren Medien kaum, zumindest nicht die oberösterreichischen.

Also in dem Bereich könnte die Qualität der Kunst- und Kulturvermittlung erhöht werden? Was würde noch dazu benötigt?

Tanja Brandmayr: Das Klima für Auseinandersetzung. Vielleicht kann man es genereller so benennen. Ein Klima für Auseinandersetzung. Vermittlung ist ja nicht etwas, wo man oben etwas in einen Trichter hinein gibt und dann soll genau unten das ankommen, was man oben hineingeschüttet hat, sondern eine Vermittlung ist eigentlich ein Kompetentmachen zu einer Auseinandersetzung. Und ja, ich weiß auch nicht, ich meine damit, dass alles immer irgendwie so brav läuft trotzdem. Obwohl es viel Angebot eigentlich gibt und die machen eh alle total nette Sachen, die Häuser, oder größtenteils, wie auch immer das dann konkret ist. Aber es ist trotzdem alles irgendwie immer so irrsinnig nett und brav und eine Auseinandersetzung, eine gewisse Kultur, um von mir aus auch einmal „Nein“ zu sagen oder eine Positionierung zu schaffen oder so etwas in der Art, das geht ab, das stelle ich mir da eher vor.

Also etwas, das in Richtung Diskurs geht?

Tanja Brandmayr: Ja, warum nicht. Ich persönlich würde mir ein gutes Kunst- und Kulturprintmedium wünschen. Das ist einfach persönliches Interesse.

Inwieweit sollte die Stadt Linz besondere Anreize schaffen, um die Kunst- und Kulturvermittlung zu verbessern? Inwieweit würde zum Beispiel die Einführung eines eigenen Preises für Kunst- und Kulturvermittlung helfen?

Tanja Brandmayr: Von so einem Preis würde ich mir jetzt nicht besonders viel versprechen. Ich glaube, man hat dann eher die Krise, wo man jedes Jahr ein Projekt herbekommen soll, das den Preis dann verdient. Ich meine, meistens ist es ja nicht so, dass eines besonders out-standing wäre. Ich habe das Gefühl, da wird eher auf Rezepte zurückgegriffen, die gut funktioniert haben. Das ist auch legitim so.

Welche neuen Formate und Programme der Kunst- und Kulturvermittlung würden deiner Meinung nach benötigt?

Tanja Brandmayr: Vielleicht kann man das eine oder das andere bei der Kulturvermittlung im engeren Sinn verbessern. Mir fehlt eher die Ebene, auch als Konsumentin, wo ich dann einmal etwas lese, wo ich mir denke, jetzt habe ich wirklich etwas erfahren oder es war amüsant, das einmal so zu sehen, auch wenn es jetzt nicht ganz genau so stimmt. Das ist meiner Meinung nach eine fruchtbarere Vermittlung als immer nur zu erklären in diesem von oben nach unten, wie etwas verstanden werden soll. Mir geht es, wie gesagt, eher um ein Printmedium und damit um eine breitere, öffentliche, nicht direkt an die jeweiligen Institutionen gebundene Ebene. Es ist ja nicht nur spotsZ, es könnte ja andere Projekte auch geben. Die beste Vermittlung passiert immer dort, wo Leute etwas machen wollen und wo wirklich eine Auseinandersetzung passiert und ich glaube, die Stadt macht da wirklich einen Fehler, wenn sie das nicht fördert. Das ist die allerbeste Vermittlung, auch jetzt bei einem Kunst- und Kulturbegriff, der lebt, wo du etwas machen kannst. Und das meine ich damit, dass man alles immer in die eigene Sphäre ziehen will, als Eigenveranstalter, alles muss irgendwie auf so einer kontrollierbaren Ebene bleiben. Da gehört meiner Meinung nach ein bisschen mehr Mut zu etwas Wildem auch.

Wie schätzt du die Vernetzung der verschiedenen Kunst- und KulturvermittlerInnen in Linz ein? Was könnte hier verbessert werden?

Tanja Brandmayr: Dazu kann ich nichts sagen, weil ich mich im engeren Kulturvermittlungsbereich nicht so gut auskenne.

Neue Infrastruktur, neue Formate. Wie beurteilst du die vorhandene kulturelle Infrastruktur in Linz? Inwieweit siehst du noch quantitativen oder qualitativen Ausbaubedarf?

Tanja Brandmayr: Ich bleibe bei meinen Feldern mit den Medien. Da könnte man sich wirklich etwas überlegen. Und dann bleibe ich auch beim Tanz natürlich, was ich vorher gesagt habe, da liegt eigentlich ziemlich etwas brach, weil die Ausbildungsstätte da ist und da könnte man in Richtung Tanzperformance sicher etwas machen.

Wie sieht es im Softwarebereich aus, bei Formaten wie Festivals und Biennalen in Linz: zu viele, genau richtig, zu wenige? Gibt es eine Leerstelle?

Tanja Brandmayr: Wenn es noch etwas geben sollte, würde ich eher zu kleineren Formaten tendieren, eben gerade nicht zu so etwas geblocktem wie Festivals, sondern eher zu kleinen Formaten, die eher als Showings oder als Work in Progress, eher kontinuierlich passieren. Das ist etwas, was ich mir schon wünschen würde.

Wie beurteilst du die Qualität der Festivals in Linz?

Tanja Brandmayr: Ich glaube, dass die alle top, super, qualitativ ausgestattet sind. Ich sage es deswegen ein bisschen komisch, weil mich persönlich das schnell langweilt. Ich sehe mir lieber etwas „Unfertiges“ an, hin und wieder, weil das ist für mich mehr Auseinandersetzung. Das weiß ich ja nicht, durchschaut mich der auf der Bühne in meiner Position, verarscht er mich nur, weil ich das schlecht finde? Das ist für mich spannender. Das ist kein Plädoyer für schlechte Kunst jetzt, aber ich persönlich wünsche mir nicht noch ein perfektes Ding mehr, das wieder einmal gute Kunst präsentiert, das irgendjemand von irgendwo zusammenträgt. Das ist meine persönliche Meinung.

Sind dir irgendwelche kunst- und kulturbezogene Formate aus anderen Städten bekannt, deren Umsetzung auch für Linz interessant sein könnte?

Tanja Brandmayr: Ich habe schon einiges gesehen. Mir gefällt auch viel, aber so, dass ich mir direkt gedacht hätte, das will ich jetzt in Linz haben, genau das: Nein. Meistens funktioniert so eine Übertragung auch nicht, dass man etwas wo reinimplementiert. Das Problem bei solchen Sachen ist ja, was man sich für Linz wünscht, da müsste man dann gleich das gesamte Publikum auch mit kaufen. Wie manche Sachen, ein bisschen schrägere Sachen aus dem Performancebereich oder in der Musik. Ich denke mir, wenn es eine Szene gäbe, würde es das alles schon geben in der Stadt, oder nicht? Keine Ahnung. Ich habe auch kein Problem, für etwas, was ich unbedingt sehen will, woanders hinzufahren. Es ist ja auch eine Bereicherung, wenn man nicht alles vor der Haustüre findet, sondern einmal tatsächlich ein paar Kilometer sich außerhalb der Bundesgrenzen umsieht. Das ist auch ein Beitrag zur Internationalität.

Wir sind am Ende angelangt. Willst du noch irgendetwas Wichtiges mitteilen?

Tanja Brandmayr: Nein, ich glaube, ich habe alles gesagt. Ich darf vielleicht noch eines ergänzen, zu diesen kleinen Formaten oder diesen Work-In-Progress-Sachen. Ich habe das Gefühl, diese Sachen können relativ leicht passieren, indem man auch die Leute, die vor Ort arbeiten, unterstützt. Das sind keine Formate, die man groß von irgendwo herholen muss. Das ist schon etwas, wo ich mir denke, was auch insgesamt für das Klima gut ist, einfach auf das Bestehende zurückzugreifen, vor allem was die Freien machen, das besser zu unterstützen, weil diese Formate dann von selber entstehen. Das ist nichts Großartiges, was man irgendwo herzaubern muss.

Auf was sollte bei der Erstellung des neuen Kulturentwicklungsplans besonders geachtet werden?

Tanja Brandmayr: Ich habe so das Gefühl, so etwas geht relativ schnell wieder unter, bei mir zum Beispiel. Wenn ich da nicht extra herkommen muss und befragt werde. Ich würde mich jetzt von selber nicht großartig melden. Da vielleicht noch einmal Rückfragen machen oder einen Aufruf, wo man dezidiert angesprochen wird, dass das nicht untergeht. Dass der Prozess andauert mit dem Austausch.

Danke für das Interview.

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