Rainer Zendron

Zu deiner Person, Geburtsdatum und Geburtsort?

Rainer Zendron: 27. Oktober 1955 in Linz.

Du lebst in Linz?

Rainer Zendron: Ja.

Seit wann?

Rainer Zendron: Seit meiner Geburt.

Neben deiner Tätigkeit als Vizerektor für Studien und Lehre an der Kunstuniversität, welche kunst- und kulturbezogenen Funktionen übst du sonst noch aus?

Rainer Zendron: Ich habe eigentlich fast alles abgebaut in den letzten sechs 6 Jahren, aktuell arbeite nur noch beim OK mit. Und in Jurys bin ich tätig, wenn sie in irgendeinem Verhältnis zur Universität stehen.

Wenn dein Name in einem Bericht aufscheint, was soll dann danach stehen? Vizerektor für Studien und Lehre an der Kunstuniversität reicht? Oder auch die Tätigkeit im OK?

Rainer Zendron: Nein, Vizerektor reicht.

Ich würde mit einem kurzen Assoziationsspiel weitermachen. Wenn du dir vorstellst, es steht irgendwo „Kulturstadt Linz“, was würdest du frei damit assoziieren?

Rainer Zendron: Bei den Neuen Medien internationale Bedeutung, und nationale Bedeutung im Bereich von zeitgenössischer bildender Kunst.

Wenn du die letzten höchstens zehn Jahre dir vor Augen führst, was ist deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung dieser Stadt gelaufen?

Rainer Zendron: Es sind sehr flache Hierarchien im kulturellen Bereich, das heißt, der Zugang zu Entscheidungsträgern im kulturellen Bereich für einfache Aktivisten in der Kultur ist deutlich einfacher als in anderen Städten. Im Wesentlichen ist es gelungen, die Bedeutung im Bereich der Neuen Medien zu halten, und ich glaube, dass es gelungen ist, dass die Kunstuniversität einen Einfluss auf das Kulturgeschehen dazu gewonnen hat.

Gibt es kulturelle Entwicklungen der letzten höchstens zehn Jahre, mit denen du überhaupt nicht zufrieden bist in der Stadt?

Rainer Zendron: Die Bedeutung der Freien Szene ist durch eine Schwerpunktsetzung auf Institutionen deutlich zurückgedrängt worden. Das hat etwas damit zu tun, dass Linz extrem auf eine Normalisierung des Kulturbetriebes setzt, das heißt, dass ungeheuer viel Geld in einen Nachholbedarf von hochkulturellen Einrichtungen gesetzt worden ist, was man als positiv auch sehen könnte. Ich selber sehe es negativ, weil es dazu führt, dass es viel weniger frei verfügbares Geld für innovative Projekte gibt.

Weil du Hochkultur ansprichst, ein schwieriger Begriff, oder? Steht er im Gegensatz zur Sub- oder Alternativkultur?

Rainer Zendron: Besser ist vielleicht institutionalisiert und nicht institutionalisiert. Das mit Hochkultur trifft eigentlich nicht richtig zu, weil zumindest im Bereich der Neuen Medien und der bildenden Kunst die Leiterinnen und Leiter der Institutionen einen breiten Kulturbegriff haben und auch eine große Durchlässigkeit gegeben ist, da sehe ich keine Abgehobenheit. Also nicht mehr Abgehobenheit als eine Institution per se zwangsläufig hat.

Ich würde trotzdem noch mit dem Begriff der Hochkultur operieren, was immer du darunter verstehst. Mich würde der Stellenwert, den die Hochkultur in dieser Stadt hat, interessieren. Wie würdest du den einschätzen? Hat Hochkultur überhaupt einen Stellenwert in dieser Stadt?

Rainer Zendron: Ich glaube, dass klassische Hochkultur in Linz noch immer einen relativ geringen Stellenwert hat. Das halte ich für ein Glück, im Verhältnis zu vergleichbaren österreichischen Städten. ich glaube das am ehesten noch, aber auch auf einem schlechten Niveau, im Bereich des Theaters, also des Landestheaters und des Konzertbetriebs, wo zum Beispiel im Konzertbetrieb auf ein sehr konservatives Programm gesetzt wird. Und so ein konservatives Programm setzt natürlich auch wieder auf eine Bevölkerungsschicht, die viel eher Kunst als Schmuck ihres soziales Status sieht und weniger als Anregung zur Diskussion.

Wenn es eine Hochkultur gibt, dann gibt es meistens auch eine widerständige Kultur, eine Subkultur, eine Alternativkultur, die sich an dem reibt. Wie würdest du den Stellenwert von Subkultur oder Alternativkultur in Linz einschätzen?

Rainer Zendron: Wenn man das auch über die letzten zehn Jahre sieht, dann glaube ich, dass subkulturelle Äußerungen generell in der Gesellschaft am zurückfluten sind, also nicht gerade ihre beste Zeit haben. Parallel zu einer anderen Schwerpunktsetzung der Kultur in Linz, hat das noch einmal einen zweiten Schlag erhalten, subkulturelle Äußerungen. Deswegen glaube ich – bei großteils positiver Haltung der Träger der Institutionen – führt das halt dazu, dass Subkultur extrem an den Rand gedrängt wird, aber nicht in einen Widerstand geht. Eben durch diese gesellschaftliche Erscheinung, dass die Kultur, all diese kulturellen Äußerungen viel schneller von Institutionen aufgesaugt werden, ist es ganz schwierig dass sich subkulturelle Gruppen und Äußerungen überhaupt noch herausbilden können. Das halte ich aber für äußerst bedauerlich, weil das natürlich dazu führt, dass die etablierte Kultur tendenziell im eigenen Saft ein bisschen dahinköchelt. Eine Frontstellung und eine autonome Definition von subkulturellen Äußerungen befruchtet aber letztendlich auch immer die etabliertere Kultur und diese Wechselwirkung findet halt in Linz sehr wenig statt, im Verhältnis zu früheren Zeiten.

Wenn ich noch einen Begriff einbringen darf, nämlich den der Volkskultur: Wie schätzt du den Stellenwert der Volkskultur in Linz ein? Was fällt dir da dazu ein?

Rainer Zendron: Wenn ich Volkskultur höre, dann sage ich vor allem, dass sehr viele wichtige Erscheinungen von Volkskultur faktisch nicht öffentlich präsent sind. Das ist zum Beispiel migrantische Kultur, auch Migrant_innen haben ein Bedürfnis, sich darzustellen und zu äußern, und da glaube ich, gibt es irrsinnig große Defizite.

Wenn wir unseren Blick über Linz hinaus wandern lassen. Was man gerne tut, ist Linz mit anderen Städten zu vergleichen. Jetzt finde ich es immer vermessen, einen Vergleich mit Wien oder Berlin einzugehen, aber mit Graz oder Innsbruck oder Salzburg beispielsweise, mit ähnlich großen Städten geht das durchaus. Womit kann Linz deiner Meinung nach in kultureller Hinsicht punkten gegenüber diesen Städten? Ist es nur die Ars Electronica?

Rainer Zendron: Ich glaube, dass zum Beispiel im Verhältnis zu Graz, wo man sehr deutlich sagen kann, dass Graz, das sich seit den 1960er-Jahren damit schmückt, dass es für zeitgenössische bildende Kunst – einen sehr breiten Begriff von bildender Kunst – Avantgarde sein will, von Linz völlig abgehängt worden ist. Sowohl was institutionelle Zusammenhänge betrifft als auch die Tätigkeit der lokalen Künstlerinnen und Künstler, institutionell sogar ganz stark. Beide Städte waren in den letzten Jahren Kulturhauptstadt, und Graz ist auf jeden Fall zurückgefallen. Im Bereich der Musik – jetzt rede ich nicht von Pop oder Rock oder Punk – sehe ich das anders, insbesondere bei der so genannten zeitgenössischen E-Musik, da ist Linz vollkommen im Argen. Da ist Graz zumindest durch die Musik-Protokolle relativ weit vorne, aber auch Salzburg bietet da, am Rande der Salzburger Festspiele, immer sehr viel. Man muss es also nach Sparten sehr unterschiedlich betrachten. Ich meine, insgesamt glaube ich, dass Linz einen ziemlichen Aufholprozess gemacht hat, als klassische Industriestadt die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Städte im Wesentlichen abgehängt hat.

Der Wandel von der Industriestadt zur Industrie- und Kulturstadt. Über diesen Wandel ist auch bei Linz09 viel gesprochen worden. Thema war dort auch, wie weit denn diese Kulturstadt Linz ausstrahlt? Was ist deine Meinung dazu: Wie weit strahlt das überhaupt aus? Wird Linz international außerhalb der Ars Electronica als Kulturstadt wahrgenommen?

Rainer Zendron: Ich glaube, international wird Linz außerhalb der Medienkompetenz nicht wahrgenommen. Punktuell natürlich immer, das ist überhaupt keine Frage – bei Crossing Europe oder bei wichtigen Ausstellungen des OK – dass das international wahrgenommen wird, aber das bleibt immer punktuell. Ich sage, es ist nach wie vor so, dass international ernsthaft nur das mit den Neuen Medien wirkt.

Linz09 würde mich auch interessieren. Was war Linz09 für dich? Kannst du ein kurzes Resümee anhand von höchstens drei Punkten geben?

Rainer Zendron: Linz09 war in manchen Teilen ein interessantes Feuerwerk, wo man tatsächlich viele Sachen gesehen hat, die man vorher nicht in Linz gesehen hat, insbesondere im Bereich des Theaters und der Neuen Musik. Allerdings ist genau in diesen zwei Bereichen für die Nachhaltigkeit überhaupt nichts getan worden, obwohl es dort weniger notwendig gewesen wäre, dass man nicht Gesehenes zeigt, sondern es wäre notwendig gewesen, dass man Basisarbeit macht. Zweitens hat es ein paar wirklich lohnenswerte Ansätze gegeben, wo vielleicht eine Chance besteht, dass man daran ansetzt. Das ist zum Beispiel die Stadtteilarbeit in Bezug auf das Gelbe Haus oder eventhafte Großprojekte beim OK, wobei das natürlich auch immer ein gefährliches Ding ist, jetzt in Bezug auf die sehr erfolgreichen Großausstellungen beim OK, ob dadurch die wichtige Arbeit des OK in der Vorführung und im Zeigen und in der Produktion von zeitgenössischen Produktionen nicht auf unerlaubte Weise weggedrängt wird. Das ist meiner Meinung nach noch offen. Insgesamt glaube ich, dass von der Kulturhauptstadt nicht viel übrig geblieben ist, dass aber die touristischen Erwartungen im Wesentlichen erfüllt wurden. Man muss einfach sagen, Kulturhauptstadt heißt Tourismusförderung und nicht Kunstförderung oder Kulturförderung. Das hat es erfüllt. Und dass ganz wesentliche Anschubfinanzierungen für wichtige Sachen ausgeblieben sind. Positiv ist daran, dass Linz dadurch nicht bankrott gegangen ist, jetzt im Verhältnis zu Graz, und ich nicht glaube, dass die Erscheinung, die es in vielen anderen Städten, wie vor allem in Graz, gegeben hat, dass es nachher viel mieser aussieht als vorher, das kann man meiner Meinung nach von Linz nicht sagen. Sondern es hat sich wieder auf die Normalität eingepegelt ohne dass wegen der Kulturhauptstadt irgendetwas vernichtet wurde.

Wenn wir uns ein Kaleidoskop an künstlerischen Disziplinen vor Augen führen, von der Musik über Literatur, Film, Fotografie, die bildende Kunst mit Malerei, Grafik, Bildhauerei, darstellende Kunst, Tanz, Theater, Medienkunst, Comic, was es auch immer ist. Jetzt könnte man mit Blick auf Linz meinen, dass überall mehr oder weniger Entwicklungspotenzial vorhanden wäre. Mich würde interessieren, wo deiner Meinung nach besonderes Entwicklungspotenzial vorhanden ist, wo du in einer Reflexion oder Diskussion der letzten Monate oder Jahre gedacht hast, da sind junge Talente da, das würde zur Stadt passen, das würde auf der Hand liegen, das entsprechend weiter zu entwickeln? Oder kann man das nicht festmachen?

Rainer Zendron: Das kann man schon sagen. Ich glaube, eine der zentralsten Aufgaben wird sein – weil ich immer an „Leithammel-Funktionen“ glaube – dass es eine konsequente Förderung im Bereich von Medienkunst- und -kultur jenseits der Ars Electronica geben muss. Freie Mediengruppen müssen gegründet und nach Kräften gefördert werden, weil man wird den Status nicht halten können, wenn es nicht Contra-Parts zur Ars Electronica gibt. Das zweite, was ich für mindestens genauso entscheidend halte, weil wir bewegen uns ja nicht nur in der Kunst, sondern in der Kultur, dass man in theoretische, kunstwissenschaftliche, kulturwissenschaftliche Initiativen sehr viel hineinbuttern muss, weil der ganzen Szene fehlt irgendwie das Unterfutter, das Kulturwissenschaftliche, die kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung. Das ist ziemlich hohl und da muss man etwas tun, dass da etwas passiert. Das lässt sich wahrscheinlich mittelfristig nur universitär regeln. Und ich glaube, dass es im Bereich der zeitgenössischen, bildenden Kunst und der Fotografie ein sehr gutes Potenzial gibt, allerdings glaube ich, dass die Förderung – ich meine, es kann immer mehr geben – im Wesentlichen sehr gut in dem Bereich ist. Da glaube ich nicht, dass man sehr viel tun muss. Dort wo man wirklich viel tun muss und wo ich es aber zur gleichen Zeit zum Teil sehr schwierig finde, dass man das Richtige tut, ist in dem Bereich, der in Linz traditionell Freie Szene genannt wurde und wird, weil dort gibt es kein Geld für neue Innovationen und im Wesentlichen ist das auf das Durchhalten der vorhandenen Strukturen hin orientiert. Nachdem in Linz alles kulturell und künstlerisch halbwegs bedeutende für die Stadt im Wesentlichen früher aus der Freien Szene gekommen ist und ich glaube, dass da tatsächlich noch ein Potenzial neu zu gründen und zu schöpfen wäre, müsste man sicher sehr viel tun. Aber dort muss man Animationsarbeit leisten, weil da scharren nicht hunderte Kulturschaffende in den Startlöchern, aber wenn das noch mehr weg bricht, dann schaut es schlecht für Linz aus.

Du bewegst dich in deiner Antwort schon in Richtung der nächsten Frage, nämlich weg von den Disziplinen, in Richtung Themen. Welche drei kulturellen Themen würdest du mit den KünstlerInnen und Kunst- und Kulturschaffenden gerne diskutieren, wo du sagen würdest: Liebe Leute, diese kulturellen Schwerpunktthemen, kulturpolitischen Schwerpunktthemen werden es sein, welche die Stadt vor die größten Herausforderungen stellen, wir brauchen Ideen, Lösungen, wie wir mit dem umgehen.

Rainer Zendron: Einbeziehung der Migrantinnen und Migranten ins Kulturschaffen von Linz. Ein schwieriges Thema, aber da muss man durch. Dann: Wie kann man eine unabhängige Medienszene sozusagen neu gebären? Also es geht da um lauter Geburten. Und was mir persönlich ein Anliegen ist, wo ich mir unsicher bin, ob das den Stellenwert hat, wie man das Brucknerhaus bzw. auch das Opernhaus vollkommen neu noch einmal denkt, weil beides halte ich für ein gefährliches inhaltliches und finanzielles drohendes Desaster.

Zu den einzelnen Themenbereichen. Zu Gender und Frauen würde mich interessieren, welche Rolle deiner Meinung nach das Thema Gender derzeit im kulturpolitischen Diskurs in Linz einnimmt?

Rainer Zendron: Ich glaube, das einzige was der letzte Kulturentwicklungsplan, wo das ja als eine der ganz wichtigen Sachen genannt worden ist, geschafft hat, ist, dass man so tut, als wenn man sich darum kümmern täte. in Wirklichkeit, glaube ich, ist extrem wenig passiert. Ein bisschen etwas ist passiert, aber nur weil gesamtgesellschaftlich etwas passiert ist. Aber jetzt spezifisch, dass man in Linz sagen könnte, dass es ein anderes Geschlechterverhältnis insgesamt in der Kunst und Kultur gibt als in jeder anderen Stadt, das glaube ich nicht, und das halte ich für bedauerlich.

Jetzt ist es oft noch immer so, wenn es um Gender-Themen geht, dass dann der Kunst- und Kulturbereich ein bisschen ausgeklammert wird, weil gesagt wird: „Bei uns ist das ja eh nicht so der Fall.“ Da würde mich deine Einschätzung interessieren, was würde dir dazu einfallen, wo im Kunst- und Kulturbereich Frauen nach wie vor benachteiligt werden? Welche Beispiele fallen dir da ein?

Rainer Zendron: Ich glaube, man muss das auf zwei Ebenen anpacken, auf einer inhaltlichen und auf einer förderungsstrategischen. Auf einer inhaltlichen ist faktisch nichts passiert, muss man ganz banal sagen, in den letzten zehn Jahren, weil thematisch hat sich keiner der zahllosen Kulturbetriebe mit der Frage auseinander gesetzt. Wenn ich nur sozusagen zwei Eckpunkte, einen wichtigeren und einen unwichtigeren, nehme in der Vergangenheit, dann hat es in Linz die „Andere Avantgarde“ als großes Festival gegeben und hat es zehn Jahre später im OK auch eine thematische Gender-Ausstellung gegeben, – eine große. Beides ist lange vor dem Kulturentwicklungsplan gewesen. Ich meine, natürlich könnte Linz ohne Probleme ausrufen, es gibt ein Monster-Festival, einen Schwerpunkt zur Frauen- und Gender-Frage und alle Institutionen – das wäre zum Beispiel eine kulturpolitische Vorgabe – müssen in zwei Jahren ihr Programm ein halbes Jahr oder ein ganzes Jahr nur auf das festlegen. Da mache ich etwas, das tatsächlich eine internationale Bedeutung hat. Das heißt, das Brucknerhaus muss sich damit beschäftigen, das Salzamt muss sich damit beschäftigen, das Lentos muss sich damit beschäftigen, das AEC muss das als Thema nehmen, und dann hast du da drinnen wahrscheinlich noch einen Festivalschwerpunkt, und da hast du dann tatsächlich alles, was Rang und Namen hat und auch internationale Bedeutung auf einmal. In ganz wenigen Bereichen ist es so einfach wie in diesem Bereich, dass du internationale Bedeutung erlangst, ohne dass ein Cent zusätzliches Geld hineingesteckt wird. Es bedarf nur einer Abstimmung. Und das zweite ist natürlich – ich habe es nicht statistisch aufgearbeitet – eher eine Frage von FIFTITU%, die sich darum kümmern. Jetzt nehme ich einmal an, dass es in zwei Institutionen – im OK weiß ich es und ich nehme auch an, dass es im Lentos so ist, das OK gehört zwar nicht der Stadt, aber es agiert da – halbwegs bei den Ausstellungen eine Ausgewogenheit der Geschlechter in der Präsentation gibt. Ich sage, bei der Ars Electronica gibt es das ganz sicher nicht, ohne das statistisch aufbereitet zu haben, und im Brucknerhaus, also im ganzen Musikbereich, haben wir Zustände wie im 19. Jahrhundert. Da finde ich es geradezu kleinkariert, wenn dann bei den Förderungen das Kulturamt sagt, sie haben irgendwelche Quoten erreicht, weil das gefordert wird, dass sie Gender-Budgeting bei den Förderungen machen, weil ja das Peanuts sind im Verhältnis zum gesamten Kulturbereich. Natürlich bin ich dafür, dass gleich viel von Künstlerinnen wie von Künstlern angekauft wird, aber für den Gender-Bereich im gesamten Kulturbereich ist das vollkommen minimal in Wirklichkeit. Nicht, dass man deswegen zurück muss, aber natürlich spiet es hundert Mal mehr Rolle, wenn ich an den Musikbereich denke. Das ist ein Tausendstel von den Geldausgaben, die im Musikbereich sind. Das ist irgendein Festival, das ist 4020 oder so vielleicht, oder die freie Förderung, wo das kontrolliert wird, während im Brucknerhaus nichts kontrolliert wird, und das gehört aber dem Magistrat. Wenn bei inhaltlichen, thematischen Fragen die Politik sich nicht durchringt, dass sie in den ausgegliederten, aber in ihrem Besitz stehenden Institutionen thematische Fragen einbringen, dann brauchen sie überhaupt nichts tun.

Du hast die nächste Frage damit gleich mit beantwortet, nämlich die Maßnahmen, welche die Stadt setzen soll. Darum gehe ich gleich zum nächsten Themenbereich. Internationalität, Linz09. Vorher haben wir schon kurz über den Begriff „Kulturstadt“ diskutiert. Inwieweit ist das deiner Meinung nach überhaupt wichtig, dass sich Linz international als Kulturstadt positioniert? Ist das sowieso nur ein PR-Marketing-Gag oder ist es wichtig?

Rainer Zendron: Na ja, Linz, glaube ich, wird nie eine Kulturstadt werden, jetzt im internationalen Format. Alleine der Anspruch erscheint mir vollkommen abstrus. Linz ist eine Provinzstadt und Internationalisierung kann in Linz nur heißen, dass du sehr punktuell internationale Aufmerksamkeit erregst. Das, glaube ich, ist sehr wohl imagemäßig für Linz gut. Es gibt kaum einen Bereich, wo das so billig ist. Wenn du im Bereich der Forschung internationale Bedeutung erlangen willst, kostet das sicher das Hundertfache als wenn du das in der Kultur erlangen willst. Ich meine, Linz ist ganz banal eine Industriestadt. Natürlich will ich, dass im internationalen Rahmen die Kultur bedeutsam ist, aber dass du meinst, Linz kann sich mit Berlin oder New York oder mit Wien matchen, ist einfach lächerlich. Bei der Studie zu 2010, zur Zukunftsentwicklung von Linz, hat es auch einen Kulturteil gegeben, und da ist von mir, aber auch der ganzen Arbeitsgruppe, sehr vehement die Forderung nach mehr „Mut zur Lücke“ gestellt worden. Das, glaube ich, gilt natürlich bei der Internationalität noch hundert Mal stärker. Im Wesentlichen muss ich im Medienbereich schauen, dass ich die Internationalität halte, und dann kann es immer wieder wenige, wichtige Punkte geben, entweder sehr geballt, indem ich auf ein international wichtiges Thema, was aber kulturell noch nicht mit einer irrsinnigen Konkurrenz besetzt ist, alle Kräfte bündle. Das wäre zum Beispiel die Gender-Frage gewesen. Das glaube ich, dass du das jederzeit schaffst, nicht mit jeder beliebigen Frage, aber wenn ich wirklich alle Kräfte bündle, dann kommt schon ganz schön viel Geld zusammen und ganz schön viel Kompetenz, und wenn es gelingt, das zu bündeln, dann kann ich für einen Augenblick internationale Bedeutung erringen oder ich kann in einem ganz schmalen Segment Bedeutung erringen, mit einer ganz bestimmten Ausstellung oder weiß ich was. Aber dass Linz wahrgenommen wird als internationale Kulturstadt, ist natürlich einfach per se vom Anspruch her ein Blödsinn. Es wird zwar oft in Diskussionen gesagt, Kassel ist ein noch größeres Kaff, aber Kassel hat es geschafft, weil sie 1949 auf Kultur gesetzt haben. 2011 oder 2012 dasselbe zu tun, ist ein lachhaftes Unternehmen, weil wahrscheinlich 500 Städte auf der Welt mit mehr finanzieller Potenz das seit 20 Jahren probieren. Jeder baut ein Museum und macht eine Biennale und weiß ich was, also der Geldeinsatz ist schon so gigantisch, wenn du die Documenta schlagen wolltest oder dass man eine Biennale von internationalem Format hinbekommt, das kann sich Linz sowieso nicht leisten. Am besten kenne ich mich in der bildenden Kunst aus. Wo du etwas machen kannst, ist, dass du mit größtem Engagement dafür kämpfst, dass die Manifesta zum Beispiel nach Linz kommt, also ein bestehendes Format einkaufst. Dann hast du europäische Beachtung dadurch, aber eine Neugründung ist unmöglich meiner Meinung nach, außer ein winziges Segment oder sehr punktuell.

Die Frage nach dem Beitrag von Linz09 zu dieser internationalen Positionierung hast du vorher schon angeschnitten. Deine Aussage war in etwa so: Relativ gering ist, es gibt schon einen Zusatz, aber es hält sich in Grenzen. Mich würde noch das, was du jetzt gerade gesagt hast, interessieren, welche sonstigen Maßnahmen die Stadt deiner Meinung nach setzen könnte, um sich im Kunst- und Kulturbereich weiter international zu öffnen?

Rainer Zendron: Da gibt es schon noch etwas. Ich kann vollkommen undemokratisch – und Internationalisierung einer Provinzstadt ist immer undemokratisch, sage ich – zum Beispiel ein sehr avanciertes Import- und Export-Programm von bedeutenden Künstlern machen. Es gibt LinzEXPOrt zum Beispiel, und was ich natürlich machen kann, ist, dass ich einzelne ausgewählte Personen internationalisiere. Das ist zwangsläufig eine sehr harte Maßnahme, weil es heißt von 100 Künstlerinnen und Künstlern werden drei ausgesucht und die werden über fünf Jahre gefördert mit Reisestipendien usw. Mit zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit kann ich dann Künstler international positionieren und das kann durchaus einen Sinn machen, brauche ich aber eine sehr genaue kulturpolitische Vision letztendlich, weil da muss ich wissen, in welcher Sparte investiere ich das, mit was für einem thematischen Hintergrund, weil es gibt ungefähr 100 Zielrichtungen von zeitgenössischer Kunst, also hat das eine thematische Aufladung, das hat eine Spartenaufladung, das kann nur … da brauche ich zuerst eine kulturpolitische Vorstellung. Aber was weiß ich, eine Katharina Gruzei kann ich natürlich, wenn ich fünf Jahre sozusagen in ihre Karriere investiere, wahrscheinlich im Bereich der Fotografie zu einem internationalen Aushängeschild von Linz machen. Aber das ist ja schon eine Entscheidung, wenn ich das sage, das heißt Frau, Fotografin, und ich setze auf dich. Ich kann natürlich genauso sagen Mann, Medien, oder was weiß ich, Hip-Hop-Sänger. Es muss natürlich ein Bereich sein. An was ich nicht glaube, dass ich zehn Bereiche abdecken kann. Wenn ich so ein Internationalisierungsprogramm mache, dann muss ich zum Beispiel setzen auf Frau, Fotografie und weiß ich was, und dann muss ich ein Programm fünf Jahre lang durchziehen, wo nur die Kategorie drankommt, weil eine von fünf oder zehn kommt durch. Das heißt, damit wieder die Rückkoppelung an Linz ist, dass man auf einmal sagt: „Hey, da gibt es ja drei Fotografinnen in Linz.“ Erst dann wird Linz als wesentlich für Fotografie wahrgenommen, wenn ich zehn Fotografinnen auf die Welt loslasse, oder es kann auch im Medienbereich sein, oder es kann auch im Bereich der bildenden Kunst sein. Ich brauche erstens einmal ein nachhaltiges Potenzial, Zulieferanten, damit ich immer wieder auf dasselbe Pferd oder auf ein ähnliches Pferd setzen kann, und dann kann ich schon international wieder eine Reputation für Linz zurückholen. Wie gesagt, das ist ein extrem undemokratisches Programm, aber das ist zielorientiert, das schlägt durch. Aber jedes Unternehmen, jede Universität macht das natürlich. Die Universität setzt sich einen Schwerpunkt, der nach reichlicher Überlegung aber auch anders ausfallen könnte, und dann sagt unsere Universität, aber auch die Kepler-Universität: „Ok, da setzen wir jetzt drauf.“ Dann sagen sie: „Ok, da investieren wir jetzt sieben Millionen.“ Das ist natürlich genau so, und dann erhofft man sich halt einen internationalen oder überregionalen Durchbruch. Das kannst du in der Kunst auch machen.

Der dritte Themenbereich war Schule und Bildung, Wissenschaft. Ich würde gerne mit dem Schulbereich anfangen, mit einer sehr allgemein gehaltenen Frage. Wie schätzt du das Interesse von Schülerinnen und Schülern am bestehenden Kunst- und Kulturangebot in Linz ein? Ist da irgendetwas für dich wahrnehmbar, dass sich etwas getan hat in der letzten Zeit?

Rainer Zendron: Nein. Ich glaube, das ist ein Dahindümpeln auf einem ziemlich schlechten Niveau. Da muss ich mich und meine Institution bei der Nase nehmen, weil immerhin bin ich seit zehn Jahren für die Ausbildung an der Kunstuniversität zuständig und nach zehn Jahren müsste man eigentlich schon an der Schule etwas merken. Wir bilden faktisch alle Kunsterzieher und Kunsterzieherinnen in Oberösterreich aus. Jetzt meine ich, zumindest fünf Prozent der Kunsterzieherinnen, die an Linzer Schulen arbeiten, sind in den letzten zehn Jahren ausgebildet worden, und ich glaube, dass es keinen wesentlichen Fortschritt der Anteilnahme am Linzer Kulturleben gibt. Ich weiß, man könnte riesige Gegenbeispiele nennen, aber ich glaube, die schulden sich etwas anderem. Der Höhenrausch vom OK hat, glaube ich, 2.000 Führungen gehabt, und davon waren wahrscheinlich 1.000 Schulführungen á 15 Schüler, das ist, glaube ich, die Teilungsziffer. Das heißt, da sind unendlich viele Schülerinnen und Schüler in die Ausstellung gegangen. Jetzt glaube ich aber, das hat nichts damit zu tun, dass die Lehrer offener sind, Ausstellungen zu besuchen als zehn Jahre davor, sondern das hat etwas damit zu tun, dort wo alle hinrennen, rennen die Lehrer halt auch hin, das hat etwas mit dem Hype vom Höhenrausch zu tun und nicht mit dem Hype einer Auseinandersetzung mit außerschulischen Programmen in der Schule. Und ehrlich weiß ich auch nicht, wie man das knackt, aber ich weiß, dass in Wirklichkeit nichts weitergegangen ist. Oder eine Toulouse-Lautrec-Ausstellung ist dasselbe, da sind auch ungeheuer viele Schüler durchgetrieben worden, aber das Spannende wäre ja, wenn es in schwierigen Ausstellungen einen Kontakt gibt oder einen deutlich gehobenen quer durch alle Ausstellungen. Und das, glaube ich, hat es nicht gegeben, noch dazu, wo man sagen muss, dass ja in den letzten zehn oder 15 Jahren Kunst und Kultur extrem boomt, international, als alltägliches Freizeiterlebnis, das sieht man gerade bei Großevents, da haben sich die Besucherzahlen in den letzten 15 Jahren wahrscheinlich verfünffacht, wenn man die Großausstellungen nimmt, und im Alltag in Linz merke ich da keinen Unterschied.

Den außerschulischen Bereich hast du gerade in einem Zwischensatz angesprochen. Wenn man Schule sagt, dann denkt man immer nur an das Schulgebäude, aber es passiert ja auch sehr viel an Auseinandersetzung im außerschulischen Bildungsbereich, von Musikschulen angefangen bis zu den Jugendzentren und den Jugendclubs. Wie ist da deine Einschätzung, auf Linz bezogen? Ist da etwas zu verbessern in dem Bereich, um die Kinder und Jugendlichen verstärkt mit Kunst und Kultur zu konfrontieren?

Rainer Zendron: Da tue ich mir deswegen extrem schwer, darauf zu antworten, weil ich ständig in mir selbst irrsinnig hin und her geworfen bin, ob ich das überhaupt für ungeheuer bedeutsam halte, dass sich alle mit Kunst und Kultur beschäftigen. Ich meine, nachdem ich in dem Geschäft drinnen bin, freue ich mich natürlich, wenn viele Leute kommen. In Wirklichkeit muss ich natürlich sagen, dass Kunst verdammt weit von Alltagserfahrungen von normalen Arbeiterjugendlichen oder Migrantenjugendlichen entfernt ist und ob das tatsächlich das wichtigste kulturelle Ziel ist oder eines der wichtigsten ist, dass ich die Türken-Jungs durch das Lentos oder durch das OK treibe, da bin ich tatsächlich extrem im Zweifel. Und zwar immer deswegen, weil ich natürlich glaube, dass alles, was dieser institutionelle Kulturbereich in Wirklichkeit leistet und prägt, ist trotzdem zu 80 Prozent die Phantasie oder der Ausfluss einer Mittelstandskultur, und ich ja auch insgeheim immer davon träume, ohne zu wissen wie das geht, dass man zu einer originären Äußerung von Kulturen kommen müsste, aber das ist ein Traum. In Wirklichkeit fällt mir nicht ein, wie das sein könnte. Am ehesten gibt es solche Ansätze noch, die ich positiv finde, im Bereich der Musik, aber auch da fällt mir nicht aktuell etwas ein. Aber Rockmusik oder Punkmusik hat eine Nähe geschaffen, aber wo bildende Kunst oder ein Opernhaus oder weiß ich was irgendeine erstrebenswerte Nähe zwischen der Arbeiterklasse und adäquaten Kulturformen findet, da sind wir derartig weit entfernt momentan. Es gibt irrsinnig viele Künstlerinnen, die wollen echte Linke sein, an dem mangelt es nicht, aber die Ausdrucksform und die Institution sind einfach Mittelstandserscheinungen oder bourgeoise Erscheinungen.

Wenn es um Arbeiterkultur geht, dann denke ich in erster Linie an die traditionellen Erwachsenenbildungseinrichtungen. Da gibt es ja auch eine ganze Reihe davon in Linz und es gibt dazu einen Schwerpunkt in Linz. Ich meine, der Wissensturm ist nicht umsonst gebaut worden, aber es gibt dazu noch Arbeiterkammer, bfi, WIFI-Kurse, Bildungszentren usw.

Rainer Zendron: Ja, aber dabei geht es immer ganz viel um richtiges Lernen. Jetzt meine ich nicht, dass du von Kultur oder von Kunst nichts lernen kannst, aber trotzdem wird der Arbeiterklasse das Lernen sozusagen immer hinaufgedrückt. Und das tun sie eh meistens brav, die gehen ins bfi und ins WIFI und dann werden sie bessere Arbeiterinnen. Darum habe ich auch die Musik hergenommen. Beim Punkrock, da geht es wenn dann um „Widerstand lernen“ oder die meisten tun ja nicht einmal Widerstand machen, sondern einfach um adäquate Unterhaltung für diese sozialen Gruppen. Die ganze bildende Kunst, der Rest von der Musik, die Medien, die sind irrsinnig weit von all dem entfernt, kommt mir vor. Da hätte ich schon eine Sehnsucht danach. Eigentlich will ich die Jugendlichen vom Bindermichl erst dann ins OK ziehen, wenn mir einfällt, was ich ihnen dort bieten kann, was mit ihrer Lebensrealität was zu tun hat und nicht im Sinne von dem, dass sie gescheiter werden oder sich mehr angleichen an die Vorstellungen der Mittelklasse.

Nochmals nachgefragt. Wie sieht es im Erwachsenenbildungsbereich aus? Die klassische Vorstellung ist teilweise noch immer der VHS,-Kurs wo man sich dann ein bisschen mit Kunst auseinandersetzt, da lernt man dann ein wenig fotografieren und …

Rainer Zendron: Das finde ich noch schlechter. Da bin ich mir relativ sicher, dass ich das echt schlecht finde. Es soll tun, wer es will, ich bin gegen ein Verbot von solchen Sachen, aber letztendlich verharmlosen solche volksbildnerischen Auseinandersetzungen sehr oft die Kunst, weil eine scharfe Kunst ist ja extrem kompliziert und nicht leicht konsumierbar. Jetzt sagt man, die sind so weit weg, jetzt zeige ich ihnen halt Toulouse-Lautrec, weil der ist wenigstens schön. Das ist aber schlecht. Oder ich male selber Blumenbilder oder Pferde. Das hat überhaupt nichts mit Kunst zu tun, sondern das ist wirklich die Ausgeburt von irgendwelchen kleinbürgerlichen, unausgefüllten Menschen, die halt irgendwie meinen, Kreativität ist geil und darum sollen sie halt ein bisschen malen für den seelischen Ausgleich. Für den seelischen Ausgleich für die Leute, meine ich, können sie schon etwas tun, das ist halt so wie wandern, aber ich glaube nicht, dass das irgendeine Sprengkraft hat, da wird Kunst vollkommen verharmlost, glaube ich.

Letzte Frage in dem Themenblock. Neben Schule und Bildung ist Wissenschaft dabeigestanden. Es gibt eine Frage dazu: Welche weiteren Maßnahmen sollte die Stadt Linz deiner Meinung nach setzen, um die Verbindung zwischen dem Kunst- und Kulturbereich mit dem Wissenschaftsbereich zu stärken?

Rainer Zendron: Ich glaube, der Schlüsselpunkt, und den halte ich für extrem wichtig, ist, dass man in die Kulturwissenschaften noch viel mehr Geld hineinbuttert. Wenn ich mir dieses Kulturwissenschafts-Bachelor-Studium anschaue, dann halte ich das für einen Witz, vor allem deswegen, weil es im Wesentlichen davon lebt, dass man vorhandene Lehrveranstaltungen, die ja alle verdienstvoll sind, zusammenkleistert, die eh alle irgendeinen Sinn haben, und nach Hagen geht und ein Fernstudium macht. Das hat ja nichts mit kulturwissenschaftlichen Schwerpunkten zu tun. Wenn ich im Bereich der Kulturwissenschaften etwas tun will, und das glaube ich, dass man etwas tun muss, weil ich nicht daran glaube, dass es eine geisteswissenschaftliche Universität geben wird, – also da ist der Zug abgefahren, das kommt nach Linz nicht mehr -, muss ich zumindest so ein Ding schaffen und da bieten sich die Kulturwissenschaften deswegen an, weil es so eine wabernde Masse ist. Da gibt es sehr viele Anschlussmöglichkeiten, wie das Bachelor-Studium zeigt, aber ich muss einen Kern schaffen. Das heißt, da müssen 20 Dienstposten geschaffen werden, nicht zugeteilt werden, sondern neu geschaffen werden, damit es einen tatsächlichen Schwerpunkt gibt. Das Studium dazu ist gut, aber ich meine nicht, dass das Studium das Entscheidende ist, sondern die WissenschafterInnen müssen vor Ort in Linz sein mit einem Vertrag, der sie verpflichtet, da in Linz zu existieren. Das Wesentliche ist, dass es ganz reale Menschen gibt, die den geistigen Hintergrund haben, dass sie sich mit solchen Fragen auseinandersetzen und die müssen in Linz sein. Das ist ja ein vollkommener Jammer, ständig werden Dilettanten aus anderen Sparten dazu herangezogen, dass sie die fehlende geisteswissenschaftliche Kapazität hinten und vorne ausgleichen. Ich tue die ganze Zeit so, als wenn ich ein Theoretiker, ein Philosoph, ein Kulturwissenschafter wäre, aber ich bin überhaupt nichts, ich habe Kunst studiert, aber es schaut so aus, als ob ich mich auskennen täte, was ja ein vollkommener Blödsinn ist. Das geht ja nur in Linz. Du bist Soziologe, oder?

Ich bin eigentlich Sozialwissenschafter, aber kann mich aus dem von dir genannten Grund genauso gut als Kulturwissenschafter verkaufen.

Rainer Zendron: Ja genau, alle die irgendein Interesse für das Metier haben, aber ganz andere Fachmenschen sind, werden als Philosophen in Linz gehandelt. Das ist einfach ein Blödsinn.

Danke, das war es. Ist dir irgendetwas abgegangen?

Rainer Zendron: Nein, ich glaube nicht.

Hast du noch irgendwelche Tipps für die weitere Vorgehensweise bei der Erstellung des neuen Kulturentwicklungsplans?

Rainer Zendron: Was ich wirklich eine entscheidende Frage finde und das weiß ich überhaupt nicht, wie man das schafft, dass man mit den Migrantinnen einen Kontakt findet, ohne nur auf diese Dachverbände zu setzen. Im Bereich der Kultur ist das einfacher oder kommt es mir einfacher vor, vielleicht nur deswegen, weil ich mich besser auskenne, aber was man jenseits der Funktionärsebene machen kann, wie man sozusagen Basisinitiativen mit einbezieht, das weiß ich nicht, wie man das bei den Migranten schafft. Ich habe einfach Angst, wenn du dann an die ganzen Dachverbände herantrittst, dass sozusagen lauter Multi-Kulti-Blödsinn als Forderung daherkommt.

Danke.

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