Peter Androsch

Geburtsdatum und Geburtsort?

Peter Androsch: 12. Jänner 1963 in Wels.

Du lebst in Linz?

Peter Androsch: Ja.

Seit wann?

Peter Androsch: Ich glaube, seit 1983, vorher in Puchenau, also quasi auch in Linz.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus?

Peter Androsch: Ich bin Komponist, also hauptberuflich Künstler und bin auch Präsident vom Verein Hörstadt und in der Phonographischen Gesellschaft tätig.

Wie würdest du deine eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen: Komponist, ist das ok?

Peter Androsch: Das ist eine große Frage, an der ich auch immer scheitere. Wie soll ich das zusammenfassen, was ich alles mache? Vielleicht kommst du auf etwas drauf. An sich würde ich Künstler hinschreiben, aber leider glauben ja die meisten, dass Künstler bildender Künstler heißt. Ich glaube, dass Musiker und Komponisten auch Künstler sind. Wenn ich meinem Gefühl folge, dann würde ich Künstler hinschreiben.

Dann schreiben wir Künstler, Komponist und Musiker. Zu den zwei von dir genannten Einrichtungen, Phonographische Gesellschaft und Hörstadt. Kannst du mir nacheinander die Gründungsjahre der Einrichtungen nennen?

Peter Androsch: Die Phonographische Gesellschaft ist ein Verein, der 2004, 2005 gegründet worden ist. Hörstadt wurde 2008 gegründet.

Die Phonographische Gesellschaft fördert ausschließlich das Schaffen von dir?

Peter Androsch: Das Ziel der Phonographischen Gesellschaft ist ein ganz einfaches. Eine kontinuierliche, vernünftige, künstlerische Arbeit zu finanzieren. Und das Werkzeug, das die Phonographische Gesellschaft dafür hat, sind Bilder, die ich aus meinen Partituren entwickelt werden. Und die nennen sich eben Phonographien.

Die Phonographische Gesellschaft als solches tritt dann nicht nach Außen in Erscheinung?

Peter Androsch: Nein. Die lebt eigentlich von einem ganz engen Verhältnis zwischen mir und meiner Frau, welche die Präsidenten ist, und den Förderern und das sind ja ganz wenige Leute. Da gibt es ein Auf und Ab in der Entwicklung, zwischen zehn und 30 Leuten.

Welche Zielgruppen werden deiner Meinung nach durch die Arbeit von Hörstadt angesprochen?

Peter Androsch: Hörstadt bezeichnet sich inzwischen als Labor für Akustik, Raum und Gesellschaft. Die Zielgruppe ist recht heterogen, muss man sagen. Es geht von politischen Institutionen bis hin zu Architekten, sehr viel Forschung und Wissenschaft – ich war jetzt gerade ein paar Tage in Paris an der EHESS – bis zu künstlerischen Institutionen. Das sind die Zielgruppen. Und Medien. Eigentlich alles. Nach dem Vortrag und der Diskussion an der EHESS sagt Michael Werner, der das Institut leitet: „Eigentlich arbeitet ihr an der Revolution.“ Und das ist vielleicht gar nicht so falsch. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht, was unsere Zielgruppe ist.

Es scheint ziemlich klar in welchen künstlerischen Disziplinen Hörstadt hauptsächlich tätig ist, aber vielleicht willst du auf ein paar Verschränkungen hinweisen, die aktuell sind, also vom Audiobereich ausgehend.

Peter Androsch: In künstlerischen Disziplinen sind wir eigentlich nirgends tätig. Viel sind wir tätig in der Beratung. Was wir zum Beispiel sehr viel machen, ist Städte beraten im Gesundheitswesen, Krankenhausbau u.ä. Forschung. Für das bmvit machen wir jetzt zum Beispiel eine Studie über akustische Raumplanung. Für die Internationale Bauausstellung Hamburg machen wir einen Klangkataster, das ist auch Forschung. Künstlerische Aktivitäten spielen zurzeit wenig Rolle. Es kann sein, dass sich das entwickelt.

Gibt es in Bezug auf die vorhandene räumliche und technische Infrastruktur aktuell einen Handlungsbedarf, d. h. den Wunsch nach quantitativer Erweiterung oder qualitativer Verbesserung?

Peter Androsch: Könnte ich jetzt im Moment nicht sagen. Wir haben sehr schöne Räumlichkeiten. Was vielleicht wünschenswert wäre auf Dauer, dass wir wieder ins Zentrum der Stadt kommen.

Aber Zentrum und Sichtbarkeit, wenn man so will? Das Akustikon war ja sehr sichtbar.

Peter Androsch: Das sind wieder zwei paar Schuhe. Das Akustikon war ein Hörmuseum. Das ist geschlossen und das hat mit dem, was wir jetzt tun, wenig zu tun. Keiner von uns ist jetzt irgendwie heiß drauf, dass es ein zweites Akustikon gibt. Was uns wichtig im Moment ist, das hat sich verschoben. Die Aufgaben, die wir im Moment erfüllen müssen, sind andere.

Wie viele Personen sind für Hörstadt aktuell tätig?

Peter Androsch: Fünf und fallweise mehr, wenn es ein Projekt erfordert. Zurzeit sind es fünf, eine Angestellte, vier Werkverträge, wo ich dazu gehöre.

Und gibt es ehrenamtliche Tätigkeit eigentlich auch?

Peter Androsch: Ja klar, zurzeit ist noch ein großer Teil ehrenamtlich, weil wir in letzter Zeit nicht annährend so hohe Einkünfte haben, dass wir angemessene Zahlungen tätigen können.

Über die kulturelle Entwicklung, Situation und Zukunft von Linz. Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an „Kulturstadt Linz“ denkst?

Peter Androsch: Das ist eine schwere Aufgabe, da scheitere ich fast daran, weil es gibt Wörter, die ich fast nicht mehr hören kann. Das ist Kunst und Kultur vor allem. Also erstens einmal dieses dauernde … das ist witzig, das muss ich sagen, dass du mich fragst nach den künstlerischen Aktivitäten von Hörstadt und dann sind wir wieder bei der Kultur. Das ist eines der großen Mankos, glaube ich auch, dass das Kulturamt selber glaubt, dass Kunst Kultur ist. Ich tue mir schwer.

Kunststadt ist leider kein Begriff, der im politischen Diskurs verwendet wird.

Peter Androsch: Ich bin natürlich bei dieser Argumentation auch bei der Kulturhauptstadt auf breiter Front gescheitert. Aber es ist trotzdem interessant, wie platt die Argumentation ist. Also wenn man jetzt sagt, bei der Kulturhauptstadt, wenn es eine politische Kultur gäbe, dann würde ich eine Fünf, Nicht genügend, dazu schreiben, als Assoziation. Im künstlerischen Bereich täte ich durchaus dazu schreiben, was alle dazu schreiben, was auch politisch in den Vordergrund gestellt wird. AEC, Lentos, damit würde ich es einmal lassen. Und was, glaube ich, auch erwähnenswert ist, dass die Museumsszene massiv unterschätzt ist. Sowohl das Landesmuseum, aber auch das Nordico. Ich halte das für eine Tragödie, wie das Nordico abmoniert worden ist. Also bürgerliches, städtisches Museum. Und die Landesgalerie. Das sind für mich positive Assoziationen zu einer Kulturstadt Linz.

Wenn wir die letzten zehn Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, genauer betrachten: Was lief deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Peter Androsch: Das ist auch wieder die Frage, was betrachten wir da? Meine ich damit eine künstlerische Entwicklung oder meine ich eine kulturelle Entwicklung.

Du kannst beides nehmen.

Peter Androsch: Kulturell finde ich sehr gut – weil ich gerade persönlich, familiär sehr betroffen bin – den Umgang mit den Alten. Meine Mutter lebt zum Beispiel im betreubaren Wohnen und hat einen dritten Frühling erlebt. Also ich glaube schon, was Bürgermeister Dobusch dazu immer sagt. Die sozialen Aktivitäten haben wirklich massive Auswirkungen gehabt auf große Teile der Bevölkerung, auf die alten Leute. Das halte ich für einen ganz großen kulturellen Fortschritt. Im künstlerischen Bereich, wenn man jetzt diese künstlerischen Tempel ansieht, finde ich trotzdem, mit allem Bauchweh, das ich dabei habe, das AEC natürlich als einen großen Impulsgeber, auch wenn immer die Gefahr ist, dass alles andere erdrückt wird. Besonders mit diesen gegebenen politischen Verhältnissen in der Stadt halte ich trotzdem die Lokomotivfunktion für wichtiger als die negative Funktion. Was mich gefreut hat, ist die Entscheidung, dass ein neues Musiktheater gebaut wird. Also für meinen Beruf natürlich etwas sehr positives, trotz aller Gefahren, die damit verbunden sind. Was mich nach wie vor freut, ist die im Prinzip sehr positive Rolle des Landes, was die Kulturbudgets betrifft. Wenn man das mit anderen Ländern vergleicht …

Und mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten zehn Jahre bist du überhaupt nicht zufrieden?

Peter Androsch: Das ist ganz klar die Konzentration der städtischen Kultur- und Kunstpolitik auf das AEC. Wir werden das ja – ich hoffe, dass ich mich täusche – sehen am Neuen Musiktheater, wo ohne einer Szene dahinter kein vernünftiger Betrieb von so einem Haus möglich ist. Ich halte diese Dichotomie zwischen modernen, digitalen Künste und den altmodischen alten, für bescheuert. Das ist auch gefährlich, so ein riesiges Kulturfeld unbearbeitet zu lassen, das aber für große Teile der Gesellschaft identitätsstiftend ist. Linz hat kein Bürgertum, aber das Bürgertum, das es gibt, ist trotzdem der einflussreichste Faktor der Stadt. Ohne mit diesem Bürgertum zu arbeiten, gibt man gestalterisch einen riesigen Teil des gesellschaftlichen Feldes auf. Wir sehen diese Problematik auch beim Nordico. Das Nordico war meiner Meinung nach bei aller Kritik ein funktionierender, kleiner Museumsbetrieb. Ich war selber jemand, der ganz rege am Leben vom Nordico teilgenommen hat. Gerade diese Tradition, sei das jetzt in der Zeichnerei, im Diskurs, in einem regionalen, lokalen Diskurs, ist diskreditiert. Wie wenn ein regionales oder ein lokales Kunstmuseum keine Berechtigung hätte. Das halte ich für eine ganz falsche Entwicklung.

Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck, oder auch Kassel und Münster? Ist das nur die Ars Electronica oder ist das mehr?

Peter Androsch: Ich fürchte, dass es zurzeit nur das ist. Ich bin ja sehr viel unterwegs, ganz stark seit 2006 bis heute und das AEC ist unbestreitbar das, was alle kennen, auch weit über die Kultur- und Kunstszene hinaus. Das halte ich auch wieder problematisch, weil viele Chancen der Entwicklung weg sind. Wenn ich mich jetzt nochmals konzentriere auf das, wo ich selber am meisten Einblick habe, Musik, da ist es noch viel tragischer. Weil Oberösterreich und Linz sind überdurchschnittlich stark im Musikalischen. Wenn man es jetzt unabhängig betrachtet von den Klischees der so genannten Freien Szene. Es gibt eine musikalische Entwicklung, die von weit vor Bruckner bis heute auf höchstem Niveau nachweisbar und auch da ist. Aus dem wird gar nichts gemacht. Wir haben von Johann Nepomuk David angefangen bis heute noch grandiose Komponisten, die links liegen gelassen werden. Aber es ist interessant, dass trotzdem sehr viel Musik da ist, jetzt nicht nur in der Underground-Szene, in der populären Szene, sondern auch in der so genannten ernsten Musik. Da ist sehr viel da, was nicht genützt wird. Was natürlich nicht nur mit der Stadt zusammen hängt, sondern auch mit dem Zusammenspiel der Landesinstitutionen, mit der Anton Bruckner Universität. Da ist noch gar nichts darüber gesagt, wo die Probleme liegen, aber es ist eigentlich ein trauriger Befund, dass das Know-how und die Potenz nicht gehoben werden. Wir haben ja mit dem Landesmusikschulwerk im Umkreis von Linz ein Weltunikat. Es gibt keine Gegend auf der Welt, wo jedes Kind die Garantie hat auf Instrumentalunterricht. Delegationen aus der ganzen Welt kommen her, um sich dieses Modell anzusehen. Übrigens ist auch das berühmte südamerikanische Modell von Venezuela von dem inspiriert worden. Die Bautätigkeit im Landesmusikschulwerk hat übrigens zu einem Führer geführt, dem „Leitfaden zum Musikschulbau“. Da ist zusammengefasst, wie Akustik und Bauen zusammen hängt. Und das Dokument wird bis heute nirgends genutzt. Die öffentlichen Verwaltungen haben sogar Angst, dass das Know-how, das es da gibt, im Regelschulbau genutzt wird. Also sie fürchten, dass es zu teuer ist. Das hat nicht unbedingt mit der Stadt Linz im engeren Sinn zu tun, aber ich glaube schon, dass da viele Chancen drinnen wären.

Beschreibe bitte dein Resümee von Linz09 anhand von drei Punkten. Was war Linz09 für dich?

Peter Androsch: Für mich war natürlich Linz09 eine riesige Chance, unter ganz außergewöhnlichen Bedingungen etwas zu machen, was ich für richtig halte. Zweitens war Linz09, glaube ich, auch für die Stadt wichtig, weil es übliche Zustände außer Kraft gesetzt hat, zumindest für zwei oder drei Jahre. Das dritte ist natürlich etwas, was mich ein bisschen schmerzt, dass vieles, was eigentlich von Linz09 angestoßen worden ist, nicht übergegangen ist in eine städtische Kultur. Und ich habe sogar das Gefühl, dass man der Stadt unrecht tut, wenn man sagt, nur die Stadt, ich glaube durchaus, dass das auch beim Land so ist. Es gibt ja sogar eine innere Anweisung in der Landeskulturabteilung, dass Projekte, die bei Linz09 entstanden sind, keine Förderungen mehr bekommen dürfen oder überhaupt nicht bekommen dürfen. Das ist schade, dass man das feststellen muss. Für eine Kulturhauptstadt ist doch der einzige Grund, dass nachher die Stadt anders ist als vorher. Die Reaktion ist voll im Gange, die bestehenden Verhältnisse wieder herzustellen. Ist ja, glaube ich, schon gelungen.

Wie schätzt du den Stellenwert von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein?

Peter Androsch: Also das sind Begriffe, die ich eigentlich nur aus der Diskussion mit Landesdienststellen kenne, weil da gibt es sogar ein Institut für Kulturförderung und Volkskultur. Das hat für den Linzer Raum, glaube ich, überhaupt keine Bedeutung, die Volkskultur. Hochkultur habe ich im Bereich der Stadt noch nie gehört und Subkultur auch nicht. Ich weiß nicht, ich halte natürlich Hochkultur für etwas unglaublich Wichtiges. Eine witzige Anekdote. Ich bin Mitglied einer Arbeitsgruppe an der Hochschule für Technik in Stuttgart und dort hat eine Bevölkerungsschicht ein politisches Erdbeben ausgelöst, die es angeblich gar nicht mehr gibt. Das Bildungsbürgertum. Alle Universitätsstädte in Baden Württemberg haben bei der letzten Wahl entweder relativ oder in absoluter Mehrheit Grün gewählt. Das ist zum Beispiel etwas, was für mich in der städtischen Politik total unverständlich ist, dass wir eine beachtliche bürgerliche Schicht haben, wenn wir die ganzen Universitäten dazu zählen. Das sind ja alles Bürger, ob sie wollen oder nicht, die einen sehr hoch entwickelten Kulturbegriff haben, die aber überhaupt nicht berücksichtigt sind in der Kulturarbeit, die gar nicht existieren. Und da werden Entwicklungschancen massiv brach liegen gelassen, aus einer völlig überkommenen Überzeugung heraus, dass das Bürgertum überlebt ist. Das ist auch, glaube ich, ein großer Irrtum. Die Baden Württemberger Wahl hat mich da sehr bestätigt. Insofern ist Hochkultur als eine Marke sehr wichtig, weil die Hochkultur sehr selbstbewusst definieren kann, dass Kultur viel Geld wert ist und dass sie sehr teuer ist. Und eine Gesellschaft, die für kulturelle Dinge sehr viel Geld ausgibt, hat mehr Chance zivilisiert zu sein als eine andere. Das fällt mir ein zu diesem Hochkulturthema. Ich halte von einer Frontstellung zwischen Subkultur und Hochkultur überhaupt nichts. Ich bin ein typisches Beispiel für das Hin- und Hergleiten in allen Sphären. Ich komme aus der neuen Szene, Rockmusik, Jazzmusik, dann so in die komponierte Musik hinein und wieder zurück. Das ist ja das Positive, was du an diesen Kulturdampfern siehst, dass halt dann doch wieder eine große Szene mitgeschleppt wird, dass viel Input von dieser Szene kommt. Die Hochkultur kann ohne diesen Input überhaupt nicht existieren. Die Volkskultur nochmals, da wüsste ich jetzt nicht, was das ist. Oder gehört dann in eine Volkskultur die Popmusik hinein? Weil das ist das, was das Volk konsumiert, musikalisch zum Beispiel. Das wäre dann Teil einer Volkskultur. Ich habe da nie eine Diskrepanz zwischen den Bereichen gesehen. Das gehört eh alles zusammen. Schau dir das Theater in Wien an, wo kommen denn diese neuen Strömungen, wo kommen die Leute her, die heute das Theater, selbst das Burgtheater prägen? Die kommen sehr viel aus dem so genannten Subkulturbereich oder aus der Avantgarde oder wie immer wir die verschiedenen Bereiche nennen.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachtest: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch Entwicklungspotenzial vorhanden? Musik hast du vorher schon genannt.

Peter Androsch: Das ist eine sehr schwierige Frage, weil ich natürlich einen sehr eingeschränkten Blick auf die Stadt habe. Ich kann nur sagen, dass ich verwundert bin, was trotz allem aus der Kunsthochschule raus kommt, welche Leute. Ich habe ja in den letzten Jahren unterrichtet bei den Audiovisuellen Medien, habe jetzt gewechselt zur Architektur, da kann ich noch nicht so genau meine Eindrücke zusammen fassen, aber ich sage nur ein Beispiel: Richard Eigner zum Beispiel ist ein Musiker, wo ich mir denke, das ist überregional von Bedeutung, was der macht. Vielleicht kann man sich so weit aus dem Fenster lehnen, dass man sagt, dass diese Zwischenbereiche etwas sind, was die Stadt sehr anzieht oder hervorbringt, also Leute, die interdisziplinäre Zugänge haben, die zwischen den Stühlen sitzen. Denk dran, es studiert jemand an der Bruckneruniversität, dann hat er eigentlich nur drei Wahlmöglichkeiten, in der Musik natürlich, bleiben wir bei der Musik, der kann ja dort auch tanzen. Aber sagen wir jetzt, es studiert jemand Musik an der Bruckneruniversität, dann kann er in das Orchester gehen, wenn er Glück hat, ins Brucknerorchester oder in ein anderes Orchester außerhalb, Musikschullehrer werden oder wenn das beides nicht funktioniert, dann muss er sich auf die eigenen Füße stellen und dann wird er einen Platz nur finden zwischen den Disziplinen. Weil alles andere zu wenig entwickelt ist bei uns. Oder er geht nach Wien. In Wien hast du natürlich als Weltstadt so viel Reservoir, dass du irgendwie deine Nischen finden kannst, aber in Linz … die Stärke ist schon das, dass du die Leute fast zwingst, interdisziplinär zu denken. Ein Musiker muss viel Musik denken können und den Übergang zu anderen Feldern. Ich glaube, das ist am ehesten, was die Stadt hervor bringt. Das ist auch immer das, was ich höre, dass die Stadt so offen ist, wenn Leute aus anderen Städten kommen. Da bekommst du ja Meldungen, wo du selber verwundert bist, wie die Leute die Stadt sehen, das wird dir nicht anders gehen. Wenn Grazer da sind oder Salzburger. Ich glaube, dass die Stärke ist, dass du Leute hervorbringst, die abseits dieser tradierten Disziplinen denken können.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen?

Peter Androsch: Na ja, um zurückzukommen auf das, was wir zuerst diskutiert haben. Ich glaube, dass Kultur und Alter ein ganz ein brennendes Thema ist. Was heißt Kultur- und Kunstarbeit im Alter und nicht mit Alten, sondern im Alter? Ich glaube, dass wir auf ein ziemliches Diskriminierungsproblem schön langsam zusteuern, dass Alte ausgeschlossen werden aus dem gesellschaftlichen Leben. Übrigens ein Thema, das besonders akustisch von Interesse ist. Das ist sicher ganz vorne dabei. Umgekehrt kann man, wenn du das als einen Pol siehst, den anderen Pol mit Kindern und Jugendlichen sehen. Wir wissen ja, dass die Schere auseinander geht und ich würde die kulturelle Kinderarbeit, wo auch künstlerische Arbeit ein Teil davon ist, genauso wichtig erachten. Und logisch ergibt sich aus dem dritten Kultur und Migration. Wenn das gesellschaftliche Gleichgewicht halbwegs gehalten werden soll, dann führt kein Weg an einer vernünftigen Migration vorbei. Da bleibt auch nichts anderes übrig, als diesen Prozess halbwegs vernünftig zu gestalten und dann gehört Kulturarbeit in diesem Bereich auch gemacht. Das sind die drei, die ich forcieren würde.

Zu den Themenbereichen. Arbeitsbedingungen, Arbeitsverhältnisse, Soziale Lage. Wenn du dein näheres kulturelles bzw. künstlerisches Umfeld betrachtest: Welche Arbeitsverhältnisse (Vollzeit, Teilzeit, Freie Dienstverträge, …) dominieren hier?

Peter Androsch: Na ja, in meinem Umfeld ist es relativ klar. Entweder es sind Freischaffende so wie ich, klassische Komponisten, klassische Maler oder Literaten oder Angestellte, also sei es jetzt im Orchester, Theaterleute, die halt in relativ traditionellen Arbeitsverhältnissen stehen. Die Freelancer und so, das ist eher eine Ausnahme in meinem Feld.

Und wie würdest du die Arbeitsbedingungen beschreiben, unter denen du arbeitest oder in denen dein Umfeld arbeitet?

Peter Androsch: Na ja, die Arbeitsverhältnisse, in denen ich jetzt stehe, die kannst du durchaus als prekär sehen. Nach Linz09 finde ich nun wieder in den Alltag des Komponierens und künstlerischen Dasein. Das ist halt ein schwieriger Übergang. Aber auch bei den anderen kann man sehen, dass die Arbeitsverhältnisse zunehmend prekär werden, auch zum Beispiel bei den Leuten, die im Theater angestellt sind. Der Druck wird immer weiter nach unten gezogen. Interessieren tut mich das Thema aber durchaus aus einem anderen Impuls, weil für mich die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse eine grundlegende kulturelle Frage ist. Also wie werden grundlegende Beziehungen in der Gesellschaft gestaltet. Und das alleine ist ein kulturelles Thema.

Du meinst jetzt über den Kunst- und Kulturbereich hinaus?

Peter Androsch: Ja, überall.

In der Arbeitsgesellschaft?

Peter Androsch: Eine der größten Niederlagen, glaube ich, eines emanzipatorischen Zugangs ist die völlige oder zunehmende Auflösung von Sicherheitsstandards in den Arbeitsverhältnissen. Dem aber alle ohnmächtig gegenüber stehen. Das ist ein kulturelles Desaster für mich. In Österreich ist es noch für einen internationalen Vergleich relativ harmlos, aber es greift natürlich auch immer mehr um sich.

Da wird Linz schwer dagegen ankämpfen können, oder?

Peter Androsch: Wenn du dir die Geschichte des AEC ansiehst, dann ist das schon ein Schuss ins eigene Knie. Das wäre gar nicht notwendig gewesen. Ich war jetzt gerade in Paris und war da bei Peter Szendy, ein Philosoph und ein Musikologe. Er ist Hochschulprofessor an der Sorbonne, seine Frau Laura Odello, ebenfalls Philosophin, sie haben zwei Kinder und leben in einer 53 m2 großen Wohnung, wo das Kinderzimmer vielleicht 7 m2 hat. Das ist alles nur deshalb so perfekt gemacht, weil sie einen befreundeten Architekten haben, der ihnen das eingeteilt hat. Viele hundert tausend Euro hat die Wohnung gekostet. Obwohl sie in privilegierten Verhältnissen leben, haben sie Mühe, dass sie das packen. Und das sind Leute, wo wir dann in den Medien lesen, das sind Stars. Das ist die Zukunft.

Inwieweit sind diese Arbeitsverhältnisse, denkst du, typisch für den Kunst- und Kulturbereich in Linz?

Peter Androsch: Ich habe da schon das Gefühl – ich habe da keinen Beleg dafür, was ich jetzt sage – dass die Zuspitzung nicht so weit geht bei uns. Ich kann jetzt natürlich für die Jungen unter 30 gar nicht mehr reden. Der Druck von der politischen Seite ist wahrscheinlich nicht so hoch ist wie zum Beispiel in Frankreich.

Kann eine Stadt wie Linz überhaupt was machen bei den Arbeitsverhältnissen?

Peter Androsch: Ich glaube schon. Wir haben ja schon über meine Phonographische Gesellschaft gesprochen und die lebt im Grunde von einer Idee, dass eine dauerhafte, aber dafür niedrige oder eher niedrige Zuwendung viel wirkungsvoller ist als vielleicht kurzfristige hohe Zuwendungen. Wenn man über das wirklich nachdenken will, dass man Leute da hält, dass man Leute in der Stadt halten will, dann sind dauerhafte Zusagen das Richtige, dass man sagt: „Ok, du bekommst zum Beispiel zehn Jahre lang pro Monat 400 Euro.“ Das ist das wirkungsvollste Mittel und man könnte sich sogar fragen, ob das nicht auf Dauer sogar billiger kommt. Weil jedem von uns ist dann leicht, mit so einer Grundfinanzierung die zusätzlichen Mittel zu erwirtschaften. Nur diese dauernde Existenzangst prolongierend, das treibt ja die Leute weg und treibt sie in die Verzweiflung und zum Teil noch mehr. Ich weiß nicht, wie es in deiner Szene ist, aber ich kenne viele meiner Kollegen, die dem Alkohol dann irgendwann zum Opfer gefallen sind oder anderen Symptomen, die von der Belastung ausgehen. Ich glaube, dass eine Stadt mit diesem intelligenten Einsatz der finanziell zur Verfügung stehenden Mittel viel machen kann. Mit so Dauerzusagen verliert man natürlich wieder ein politisches Einflussmittel, das ist problematisch, das dann durchzusetzen, aber ich glaube, dass im Wissenschaftsbereich, im künstlerischen Bereich, eine dauerhafte Förderung, die vielleicht dann relativ niedrig ist, viel mehr hilft. Ich kann jetzt nur von meiner Erfahrung reden, wenn ich jetzt zum Beispiel 400 Euro im Monat hätte, dann traue ich mir, alles andere dazu zu erwirtschaften. Wenn ich geschickt bin, bringe ich halt 2.000 im Monat noch dazu, wenn ich an etwas länger arbeiten will, dann müßte leiser treten und noch 700 dazu verdienen. Du hast einfach eine intellektuelle Grundsicherung, wenn wir es so nennen wollen.

Statt der Stipendien und Preise, die immer auf einmal ausgeschüttet werden?

Peter Androsch: Ich suche ja für jedes Projekt um Geld an, wenn wir bei meinen musikalischen Projekten bleiben. Da könnte die Stadt sagen, spar dir das in Zukunft, gibt es für uns nicht mehr, CD-Förderung, Kompositionsförderung, was weiß ich, was es da alles gibt. Wir bieten dir an, dass du jetzt einmal fünf Jahre eine Grundsicherung bekommst. Das kannst du dir ja relativ leicht ausrechnen, wie viel das wäre, machst du das oder machst du das nicht?

Ein langfristiges Arbeitsstipendium im Prinzip.

Peter Androsch: Genau. Und wichtig wäre natürlich die Möglichkeit, durch die Formulierung dieser Zuwendung die Steuerfreiheit sicherzustellen. Die Subvention einer öffentlichen Einrichtung ist unter Umständen ja steuerfrei. Dann kannst du eigentlich sagen, dass das nur um ein Drittel mehr wert ist, also wenn du 400 Euro gibst, sind das für den Empfänger eigentlich 600 Euro, weil er muss keine Sozialversicherung dafür zahlen, keine Krankenversicherung, keine eigene Steuer.

Nächstes Thema. Interkulturalität, Migration, Integration. Wie schätzt du die Entwicklung der migrantischen Kulturarbeit in Linz in den letzten zehn Jahren ein? Ist dir da irgendetwas aufgefallen?

Peter Androsch: Gar nichts, ich habe mit dem Bereich auch relativ wenig zu tun.

Vielleicht denkst du an Personen oder Initiativen, die einen Migrationsbezug haben …

Peter Androsch: Ich habe einen anderen Zugang. Ich arbeite ja sehr viel für das Theater. Die hauptsächlichen Dinge, die ich produziere, sind Opern oder Musiktheaterproduktionen. Und es gibt kein noch so kleines Theater auf der ganzen Welt, wo du nicht eine migrantische Gesellschaft hast. Die ganze Gemeinschaft, die im Theater arbeitet, Sänger, Schauspieler, Bühnenbildner, Sounddesigner, wie immer das heißt, ist auch interdisziplinär, wo sich diese völlig überholte Trennung zwischen neuen Medien und alten Medien schon längst aufgelöst hat. Das gibt es ja nicht einmal im Stadttheater mehr, sondern es ist bei jeder Durchschnittsproduktion alles versammelt. Und du hast ein ganz normales Zusammenwirken, von allen möglichen Völkerschaften. Ob das Österreicher sind, eingewandert oder dazugekommen, es ist der Normalzustand, dass du einen multikulturellen Zugang hast. Darum glaube ich, dass diese Integration im kulturellen Bereich noch viel mehr Chancen bietet als man jetzt schon nützt. Es bleibt uns auch nichts anderes übrig. Beim letzten oder vorletzten Spiegel haben das alleine die Zahlen gezeigt, die Deutschland pro Jahr an Einwohnern verliert und was da für ein Druck herrscht, um dieses Gleichgewicht zu halten. Ich glaube, dass es in Österreich nicht viel anders aussieht.

Auf Linz noch einmal bezogen. Was kann die Stadt machen, um – jetzt nicht nur demographisch betrachtet, also auf den demographischen Aufbau ausgelegt – interkulturelle Maßnahmen verstärkt zu fördern?

Peter Androsch: Da bin ich ziemlich überfragt, was das betrifft. Das ist ein fernes Feld von mir. In der alltäglichen künstlerischen Arbeit ist das für mich normal, mit Leuten von allen möglichen Gegenden umzugehen, aber …

In gewissen einzelnen künstlerischen Bereichen sind das dann die Personen, die sich kosmopolitisch orientieren, offen sind, Toleranz üben. Das sind alles Werte, die mit den Bereichen in Verbindung stehen. Wenn man sich die Bereiche dann strukturelle ansieht, Vereine, Initiativen, Kultureinrichtungen, sieht man, dass es ähnlich wie in anderen ökonomischen, sozialen oder sonstigen Feldern läuft. Du brauchst dir nur die Führungsebene der Kunst- und Kultureinrichtungen ansehen und dann einmal fragen, ob dort jemand Migrationshintergrund hat. Und auf der Publikumsebene siehst du es auch. Das klassische Beispiel ist dann die internationale Company vorne auf der Bühne und im Publikum die „eingesessenen, alten grauen Herren und Damen“.

Peter Androsch: Ja, aber interessant ist, dass es die Stadt schafft, dass sie das Bürgertum nicht bedient und die auch nicht. Das ist schon ein Kunststück, dass du da dazwischen so durchfährst. Das ist nicht gerade mein Bereich, obwohl es mich ja direkt … ein kurzer Exkurs, was uns bei der Hörstadtarbeit besonders interessiert. Wir haben zum Beispiel jetzt gerade ein Thema „Spracherwerb“. Wenn du da das Thema Lärmthema und Akustikthema mit Migration verbindest, dann kommst du zu ganz horriblen Zusammenhängen, die oft gar nichts mit dem Zuwanderungshintergrund zu tun haben, sondern dass der Spracherwerb alleine durch eine verlärmte Umgebung per se verzögert ist, weil ein Kind, das so aufwächst, nicht einmal die Konsonanten lernen kann, weil das genau die Frequenz hat von Verkehrslärm. Das ist schon drei Monate Verzögerung und für ein Kleinkind heißt das, dass du dein Leben lang nachhängen wirst. Da sind spannende Themen dabei.

Also auch, was wird als Lärm wahrgenommen, was wird nicht als Lärm wahrgenommen?

Peter Androsch: Das spielt gar nicht so eine Rolle, weil zum Beispiel wenn du jetzt das Lärmthema in wissenschaftliche Beziehung setzt zu dem Entwicklungsstand von Kindern, dann ist es unerheblich, wie der Lärm wahrgenommen wird, sondern du hast ein Kind, das eine gewisse Verkehrslärmbelastung hat und es ist nachgewiesen, dass dadurch so und so lange der Spracherhalt verzögert wird. Ob die das als angenehmem empfinden, den Lärm, oder als normal empfinden, ist unerheblich.

Letzter Themenbereich. Publikum, Zielgruppen, altersspezifische Kulturangebote. Die Kulturpolitik in Linz ist seit vielen Jahren durch das Schlagwort „Kultur für Alle“ geprägt. Inwieweit denkst du, dass die Stadt Linz diesem Anspruch gerecht wird?

Peter Androsch: Ich bin von dem Schlagwort natürlich geprägt, alle in der Generation, aber inzwischen glaube ich, wenn man alles will, will man nichts. Es ist schon auch ein problematischer Zugang. Ich weiß allerdings bis jetzt keinen besseren, muss ich dazu sagen. Was auf jeden Fall die Lehre der letzten Jahre ist, dass es nicht sehr klug ist, wenn man einen Widerspruch konstruiert zwischen einer Hochkultur und einer Kultur für Alle. Wenn man glaubt, man kann Kultur für Alle ohne Hochkultur machen, dann hat man am Schluss gar keine Kultur mehr. Das wäre so, wie wenn man Wissenschaft ohne einen wissenschaftlichen Anspruch machen will. Irgendwo muss man gewisse Kriterien einführen oder einen gewissen Willen zumindest zu einem künstlerischen Ausdruck, der dann halt bis zu einem gewissen Grad elitär ist. Ohne den gibt es sonst langfristig auch keine Kultur für Alle, weil viel von dem, was wir unter Kultur für Alle verstehen, war irgendwann einmal Hochkultur. Es ist ja, zumindest wenn du die Musikgeschichte ansiehst – der Bereich, wo ich vielleicht am ehesten darüber reden kann – die Inspiration viel mehr von der Hochkultur in die Alltagskultur hinein als umgekehrt. Noch mal zur Frage zurück. Ich glaube schon, dass dieser Anspruch einer Kultur für Alle richtig war für die Stadt Linz und auch viel gebracht hat. Allerdings glaube ich, hält er den jetzigen Verhältnissen nicht mehr Stand. Denn es ist die Gesellschaft viel fragmentierter. Vielleicht erreichst du mit Kultur für Alle gar niemanden mehr?

Wie würdest du das dann beurteilen, wenn die Stadt Linz eine stärkere Fokussierung von kulturellen Angeboten auf einzelne Zielgruppen betreiben würde, auch wenn dies unter Umständen auf Kosten anderer Zielgruppen geht?

Peter Androsch: Es gibt einen Unterschied zwischen zwei Feldern. Wenn man jetzt eine engere Kunstproduktion ansieht, dann ist die zum Glück von den politischen Verhältnissen her nicht beeinflussbar. Wenn einer ein Gedicht schreiben will, dann schreibt er ein Gedicht, wenn er ein Bild malen will, malt er ein Bild und wenn er ein Musikstück schreiben will, dann schreibt er das Musikstück. Wir haben das Glück, dass der innerste künstlerische Impetus relativ unbeeinflussbar ist von politischen Verhältnissen. Das hat, glaube ich, auch viel gerettet in Linz. Ich glaube, dass man die Sorge, dass der künstlerische Ausdruck möglich ist, und die kulturelle Arbeit auseinander halten muss. Wenn ich sage, ich mache einen Schwerpunkt in der kulturellen Arbeit für Alte, kann das nicht heißen, dass ich jetzt zum Beispiel dem Dichter XY sage, er darf jetzt nur Gedichte für Alte schreiben.

Nein, aber es könnte heißen, dass man Gelder abzieht, zum Beispiel aus Museen, aus den zeitgenössischen Museen in Linz und dafür die Gelder nimmt und in Projekte umlenkt, die Kunst in Alten- und Pflegeheime bringt.

Peter Androsch: Ich traue das der Stadt Linz zu, nur dann können wir gleich die Museen zusperren, weil die haben jetzt schon so wenig Geld, dass eine vernünftige Arbeit fast nicht möglich ist. Das ist ein sehr simpler Zugang zur Realität, glaube ich. Das Manko bei dem Zugang ist wieder die Verwechslung von Kunst und Kultur. Ich glaube, dass ein innerster Kern einer aufgeklärten Kulturarbeit die Sicherung des künstlerischen Ausdrucks sein muss. Also Künstler. Ich meine jetzt nicht Künstlergruppen und Kulturinitiativen, das ist wieder ganz etwas anderes. Künstler. Das sind die Frau XY, der Herr Z. Die brauchen eine gewisse öffentliche Fürsorge, wie auch immer die aussehen kann. Dann haben wir Kulturarbeit, die in einem strukturellen Zusammenhang steht, institutionalisiert ist, ob das jetzt ein Verein ist oder eine Genossenschaft oder eine öffentliche Einrichtung, das ist dann wieder ein anderes Kapitel. Die können Zielvorgaben haben. Wenn ich der künstlerischen Produktion Zielvorgaben gebe, dann haben wir ein demokratisches, ziemlich grundlegendes Problem. Bei der Kulturarbeit sehe ich das nicht so, da kann man schon andere Weichenstellungen stellen und wenn das zum Beispiel in Richtung der Alten geht, da habe ich dagegen gar nichts einzuwenden.

Wenn du an Kunst und Kultur für ältere und alte Menschen denkst, wie schätzt du diesbezüglich das Angebot ein?

Peter Androsch: Wenn ich jetzt aus meiner persönlichen Erfahrung schöpfe, ist das viel größere Problem jenes, dass die Alten nichts zu tun haben. Ich glaube, dass wir einer völligen Chimäre aufgesessen sind, dass die Alten dann daheim sitzen und irgendetwas konsumieren. Viel wichtiger, als sich Angebote für Alte zu überlegen, ist es, dass die etwas machen. Ob das jetzt ein schwedisches Modell ist, dass die drei Stunden in der Woche an der Supermarktkasse sitzen oder meine Mutter die Kinder von mir versorgt und ihre Selbsthilfegruppen organisiert, das ist Kultur. Was sollen die denn in 24 Stunden tun? Da verkommen ja die meisten. Also viel eher geht es darum, städtische Aufgaben den Alten zu geben, die das wollen. Das ist die viel größere Kulturleistung aus meiner Sicht. Weil wenn du nichts tust, bist du in Kürze kaputt. Ich sehe das bei den Leuten, die in demselben Haus leben, wo meine Mutter lebt. Es ist ein völlig falscher Gedanke, sich zu überlegen, was man Alten bietet. Die sind ja nicht blöder als wir, die sind genauso normal wie jeder volljährige Mensch. Die können alles nutzen, was da ist, die brauchen nichts besonders, sondern sie müssen die Möglichkeit haben, dass nutzen zu können und sich selbst als Teil der aktiven Bevölkerung zu fühlen. Das ist die viel größere Herausforderung. Ich halte das die Fragmentierung von Angeboten für problematisch. Am Schluss hast du im Lentos dann die Führung für die 1- bis 5-Jährigen, 5- bis 10-Jährigen, 10- bis 15-Jährigen, 15- bis 20-Jährigen usw., dann bis zu den 95- bis 100-Jährigen. Ein Irrsinn. Also ich glaube, dass gar nicht die Frage ist, was angeboten wird, sondern was sie tun können. Das ist die Kulturleistung einer Stadt.

Wie schaut es mit Kunst und Kultur für Kinder und Jugendliche aus? Ist das für dich genau das gleiche wie bei den alten und älteren Menschen?

Peter Androsch: Würde ich schon sagen. Zum Beispiel es war auch bei mir eines der größten Probleme, dass ich keinen Platz hatte und keine Fläche, um mich auszudrücken. Und wenn ich es dann einmal wollte – ich habe ja bis zu meinem 25. Lebensjahr sicher sieben Stunden am Tag E-Gitarre gespielt, also ein Horror für die Umgebung – ja, wo willst du das tun? Ich habe nie Hilfe gebraucht für das, was ich tun will, sondern ich habe nur den Platz gebraucht und eine Entfaltungsmöglichkeit. Ich glaube, dass das heute noch nicht recht viel anders ist. Sonst bin ich kein Spezialist für junge Leute. Vielleicht könnte man das Hilfe zur Selbsthilfe nennen oder Ermöglichungskultur ist ja, glaube ich, auch so ein Modewort, das ist vielleicht angebrachter. Was mich stört an diesem Ansatz ist diese paternalistische Attitüde. Wir müssen die armen „Tschapperl“, ob sie jetzt jung sind oder alt sind, an der Hand nehmen, weil sie zu blöd sind, dass sie ihr eigenes Leben leben. Das ist überhaupt ein Zug, der unsere Gesellschaft zunehmend durchzieht. Das ist eine mir äußerst unsympathische Attitüde. Leider werden die ökonomisch nicht genutzten Räume immer weniger. Also ich kann mich noch erinnern, dass wir lange Jahre spielen haben können in dieser Lederfabrik, die keinen Menschen interessiert hat. Da war kein Kalkül dahinter, da hat keiner Geld verdient, das ist halt dahingemodert, aber irgendwie hat es doch funktioniert. So einen Platz heutzutage finden, ist wahrscheinlich noch viel schwieriger.

Letzte Frage. Welche Maßnahmen sind dir bekannt, um einzelnen Zielgruppen den Zugang zu Kunst und Kultur in Linz zu erleichtern? Wie bewertest du diese Maßnahmen? Gibt es Barrieren?

Peter Androsch: Das kann ich nicht beurteilen. Ich komme immer wieder auf ähnliche Themen zurück. Wir dürfen bei diesen Themen den Kulturbereich auch nicht zu wichtig nehmen, den Kunstbereich. Es ist das Publikum, das künstlerische Äußerungen überhaupt besucht, verschwindend gering. Ich weiß nicht, wie viel Prozent der Gesellschaft das sind, drei oder wenn man es hoch ansetzt sind es vielleicht fünf? Ich glaube, wenn man in so grundlegenden kulturellen Fragen etwas beitragen will, dann kann man sich nicht auf diesen Prozentbereich beschränken, sondern dann ist die Kultur, zum Beispiel Barrierefreiheit, ganz anders zu denken und nicht auf den Kunstbereich zu beschränken. Und wenn man es so denkt, dann gibt es, glaube ich, nach wie vor einen riesigen Nachholbedarf. Ganz konkrete Beispiele, da brauchst du nur einmal mit Gunther Trübswasser zu sprechen, wo noch immer mit dem Rollstuhl in der Stadt Linz stopp ist. Dann ein bisschen ein komplexeres Problem, wo die Leute mit Hörgeräten nicht mehr teilnehmen können. Dass so eine ehemals reiche Stadt wie Linz es nicht schafft, Induktionsanlagen überall in öffentlichen Gebäuden einzubauen. Das wäre wahrscheinlich das kleinste Problem und es wird für die verschiedenen Arten von Beeinträchtigungen noch viele dieser Themen geben. Das würde ich wirklich für einen zivilisatorischen Fortschritt halten, dass man diese öffentlich zugänglichen Bereiche erstens einmal durchforstet, wo gibt es noch einen Bedarf und Punkt zwei, dass man Private animiert, dem Beispiel zu folgen. Und da ist gar nicht so wichtig, ob man jetzt zu so einer Tanzveranstaltung vielleicht gut hin kann, ich glaube eher, das der grundsätzliche Zugang ein kulturelles Thema ist.

Danke für das Interview.

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