Franz Huber

Geburtsdatum und Geburtsort?

Franz Huber: Ich bin am 25. August 1955 in München geboren, dort aufgewachsen, habe dort Literatur- und Kommunikationswissenschaften studiert, jahrelang Rundfunkarbeit gemacht und bin dann in den Theaterbereich eingestiegen und mittlerweile seit 13 Jahren hier in Linz am Landestheater. Vorher war ich an fünf anderen Theatern, in unterschiedlichster Größenordnung, beschäftigt.

Sie leben in Linz? Seit 13 Jahren?

Franz Huber: Ja genau. Ich bin hier im Haus Chefdramaturg, das heißt ich leite die Abteilung der Dramaturgie und der Presse und Öffentlichkeitsarbeit.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen üben Sie sonst noch aus, außer der Leitung der Abteilung Dramaturgie, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing? Irgendwelche sonstigen Tätigkeiten, Jurys oder Gremien?

Franz Huber: Ich arbeite noch an der Bruckneruniversität.

Wie würden Sie Ihre eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen? Wenn dann wo steht, Franz Huber, Chefdramaturg des Landestheaters, ist das ok? Oder soll noch etwas dabei stehen?

Franz Huber: Nein, das ist ok. Ich bin noch Dozent für Dramaturgie an der Bruckneruniversität, aber das ist ok.

Da das Landestheater gerade stark im Wandel ist, durch das neue Musiktheater, würde es mich interessieren, welche Zielgruppen gerade durch die neue Arbeit besonders angesprochen werden sollen?

Franz Huber: Zielgruppen sind eigentlich alle. Ein so riesiger Kulturdampfer wie das Landestheater hat alles in seinem Programm hat, aufgrund seiner Größe und seines Angebotes, von der Kinderoper über Theaterstücke für ein ganz junges Publikum bis hin zur Operette, Musical, vom Klassiker bis zum zeitgenössischen Sprechstück. Unser Spielplan und unsere Zielgruppen sind quer durch die Bevölkerungsschichten an alle gerichtet, die kulturelles Interesse zeigen und signalisieren. Was das neue Haus betrifft, wird es natürlich notwendig sein, dass man bestimmte Akzente weiter setzt. Es wird eine eigene Musicalsparte geben, das heißt es werden vermehrt, zwei, drei Musicals dort am Volksgarten stattfinden. Und natürlich ist klar, dass man in vielen Bereichen auch in Kooperation mit anderen Instituten und Institutionen tritt. Es gibt zum Beispiel Spielclubs, die wir selbst angefangen haben, ins Leben zu rufen oder es gibt eine enge Zusammenarbeit, z. B. mit dem Oberösterreichischen Amateurtheaterverband, der drei bis vier Produktionen im Halbjahr präsentiert. Wir haben ein spezielles Gewicht auf die Kinderoper gesetzt, es gibt bestimmte Abo-Reihen für Kids ab acht, die mit den Eltern kommen. In dieser Richtung gilt es, immer wieder ein Angebot zu schaffen, das über das gängige, traditionelle Theaterpublikum, das wir hier haben, hinausgeht. Aber es ist nicht so, dass sich das Theater in seiner Gesamtheit da speziell positionieren müsste.

Es gibt sehr viele disziplinäre Verschränkungen, wenn man das Landestheater und das neue Musiktheater ansieht, also nicht nur musikalische. Wohin bestehen sonst noch aktuell Verschränkungen und in Zukunft, die verstärkt angegangen werden sollen?

Franz Huber: Sicher wird man schauen, Gastspiele in diesen Bereichen zu bekommen: Oper, Tanz, Schauspiel, Musical, Kinder- und Jugendtheater, Kinderoper. Aber es ist klar, dass es immer mehr Verschränkungen gibt, mit anderen Genres, mit anderen Sparten, natürlich für uns die Möglichkeit, da wir ja vier Sparten haben, also Oper, Schauspiel, Ballett und Kinder- und Jugendtheater, verstärkt noch einmal in so einem großen Haus Gemeinschaftsproduktionen unterschiedlicher Sparten anzustreben. Also wo Sänger dabei sind, wo Schauspieler dabei sind, wo Tänzer dabei sind. Das wird mit Sicherheit auch kommen, das wird man anstreben. Und was das Außerhäusliche betrifft, sicher immer wieder Gastspiele. Das ist aber nicht unsere Kernaufgabe. Unsere Kernaufgabe ist selber zu spielen, das ein oder andere attraktive Gastspiel zu holen, klar, aber wir sind ja kein Gastspielbetrieb . Wir werden auch nicht bezuschusst als Gastspielbetrieb, sondern wir haben mit dem Geld eigenständig zu produzieren.

Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen Ihnen ein, wenn Sie an „Kulturstadt Linz“ denken? Was würden Sie dazuschreiben, wenn Sie irgendwo „Kulturstadt Linz“ lesen?

Franz Huber: Erstens einmal erinnert man sich sofort an Linz09, das ist das Erste. Dann kann man mit dahinter schreiben: „Ja“. Weil es eine Menge an Dingen gibt, jetzt am Wochenende ist gerade das Crossing Europe Filmfestival zu Ende gegangen. Das sind tolle Sachen, dass es die gibt. Dass es so etwas wie den Posthof gibt, ist wichtig. Der Posthof war mir immer schon, selbst zu meiner Münchner Zeit, ein Begriff. Ich bin in München bei Rockkonzerten in die Alabama-Halle gegangen und die Bands sind als nächstes von der Alabama-Halle in München in den Posthof nach Linz getourt. Als ich hierhergekommen bin, wusste ich schon, dass das eine gute Adresse ist. Es ist wichtig, dass es so etwas gibt. Jazz ist ein großes Thema, zeitgenössische Musik, was es nicht gibt. Was es scheinbar einmal gab, aber das muss vor meiner Zeit gewesen sein. Die programmatische Ausrichtung des Brucknerhauses ist sicher nicht einfach.

Wenn Sie die letzten zehn Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, betrachten: Was lief Ihrer Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Franz Huber: Es ist gut, dass es das Lentos gibt. Und das auch dezidiert so einen Weg geht, in seiner Programmatik, das muss man positiv vermerken. Das Ars Electronica Center, diese Neubauten, die da entstanden sind, die Programmerweiterung, die damit auch stattgefunden hat. Kino habe ich schon angedeutet. Das ist nicht so selbstverständlich für eine Stadt wie Linz, die 200.000 Einwohner hat. Also das sind schon so ein paar Punkte, wo man sagen kann, da hat sich das, was schon vorhanden war, weiter gefestigt und weiter ausgebaut.

Womit kann Linz Ihrer Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck?

Franz Huber: Ich habe den Eindruck, was für mich auch interessant ist, hier weiter am Theater zu arbeiten, dass etwas in Bewegung ist, dass es Ziele gibt. Also es gab Linz09, jetzt gibt es das neue Musiktheater. Wenn es das neue Haus gibt, wird hier an der Promenade der Schwerpunkt Schauspiel sein, mit einem Umbau im Großen Haus, mit Kinder- und Jugendtheater und Schauspiel in den Kammerspielen. Da sind Programme zu entwickeln. Das macht es aus, da ist Luft nach oben da und die Luft wird einem auch gewährt, sodass man da wirklich hinarbeiten kann. Das, glaube ich, macht Linz attraktiv, also macht es für mich attraktiv. Bei Graz kenne ich das nicht. Ich kenne Graz viel zu wenig, nur von Besuchen, aber bei Graz hätte ich den Eindruck nach 2003 – aber das ist vielleicht nur ein Vorurteil – dass es gesättigt ist. Weiß ich aber nicht, vielleicht ist das völliger Quatsch. Hier für mich zu arbeiten als Kulturschaffender ist wichtig. Da gibt es immer noch Dinge, die sich entwickeln, die entstehen, man ist nicht gesättigt, man macht nicht einfach sein Business as usual und das ist eigentlich ganz gut. Es gibt ein Phänomen: ich habe den Eindruck, die Kulturpolitik ist fast Avantgarde, also die ist weiter, auch in den Vorstellungen und in der Entwicklung, und das Publikum muss erst noch mitziehen.

Und mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten zehn Jahre sind Sie überhaupt nicht zufrieden?

Franz Huber: Wo ich mir immer ein bisschen denke, ob da nicht ein größerer Spielraum wäre … das heißt ja hier nicht Literaturhaus, es heißt ja hier StifterHaus. Vielleicht liegt schon da der Knackpunkt. Es gibt in anderen Städten Literaturhäuser, die eine attraktivere Ausstrahlung haben, das hat das StifterHaus nicht so. Was ich bedaure, was ich schmerzlich bedaure, wo auch die Vernetzung, die Zusammenarbeit größer noch sein könnte.

Liegt es auch an der Literaturszene? Auch im Gegensatz zu Graz?

Franz Huber: Na ja, in Graz gibt es zwei Mythen. Das ist einmal der steirische herbst, der ist ein großer Mythos, von dem ich eigentlich schon immer gesagt habe, dem müsste man etwas entgegensetzen mit einem Linzer Frühling.

Einen Linzer Frühling gibt es, das ist eine Initiative im Literaturbereich.

Franz Huber: Nein, ich meine jetzt im Theaterbereich. Und dann gibt es als zweiten Mythos „manuskripte“, diese Literaturzeitschrift, und das fehlt hier. Und der ORF Oberösterreich, da weiß ich nicht, was für Literatur getan wird. Sie nehmen das Theater als selbstverständlich wahr, das ist klar, aber das ist auch kein Kunststück. Aber wenn wir bei der Literatur sind, könnte ich mir vorstellen, dass da schon einmal mehr da war. Wenn ich denke, dass da Symposien über Thomas Bernhard in den 1980er-Jahren stattgefunden haben, da war der ORF treibende Kraft. Zumindest hat sich da etwas in der Literatur abgespielt, da gibt es nicht mehr so viel. Das kann ich aber nicht beurteilen, weil es sicher mit Stellenabbau und Schrumpfungen der Etats zusammenhängt.

Linz09 war Ihre erste Reaktion auf die Assoziationsfrage nach Kulturstadt Linz. Können Sie ein kurzes Resümee von Linz09 anhand von höchstens drei Punkten geben? Was war Linz09 für Sie?

Franz Huber: Das ist schwierig zu fassen. Wir hatten ja selbst Koproduktionen mit Linz09. Die Kepler-Oper war ein großer Erfolgt, die Zusammenarbeit im Schauspiel war in Ordnung, hat aber eigentlich das Haus nicht weiter befruchtet. Ich glaube, ein Jahr darauf war es Pécs in Ungarn. Da war ich dort in der Stadt. Die haben unheimlich viel Geld investiert in die Restaurierung und Renovierung von alten Bauten. Ich habe gedacht, das ist ok. Vielleicht ist es zwar jetzt nicht unbedingt das erste Ziel, aber wahrscheinlich ist es notwendig. Das andere läuft doch sehr stark auf den Punkt hinaus, dass man halt ein paar attraktive Geschichten herbringt und die feiern sich da ab. Das ist wie ein Feuerwerk, das gibt es in allen Bereichen, das macht man zwei Tage und dann sind sie wieder weg. Es gibt gewisse Dinge, die nicht geklappt haben, die nicht funktioniert haben. Da hätte man schon weiter gehen können. Es gibt keinen „Falter“ in Linz, es gibt aber einen in Graz. So etwas gibt es nicht, so etwas ist hier nicht entstanden. Ich sehe eher die Defizite, was dieses schicke und tolle Wort der Nachhaltigkeit betrifft. Was ist denn Nachhaltigkeit? Das ist ja wirklich schwierig, eine aufgeschlossenere Rezeption von zeitgenössischer Literatur oder zeitgenössischer Opernliteratur. Was bewegt man in den Köpfen und Herzen der Leute? Das hängt auch mit Nachhaltigkeit zusammen und da muss man, glaube ich, sehr realistisch sein, dass die Bewegungen, die sich da abspielen, minimal sind. Das ist lange Kärrnerarbeit, bis ein traditionelles Theater- und Kunstpublikum wirklich im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Und im darstellenden Bereich, hat sich da Ihrer Meinung nach durch Linz09 nachhaltig etwas ergeben?

Franz Huber: Nein, gar nicht. Ich glaube auch nicht, dass es für die lokale Theaterszene, mit denen wir alle – ich nehme jetzt das Theater Phönix – amikal verbunden sind, nachhaltig etwas bewegt hat. Für die anderen, glaube ich, auch nicht wirklich.

Inwieweit denken Sie, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird? Und welche geografische Reichweite hat die internationale Wahrnehmung Ihrer Meinung nach?

Franz Huber: Nun, es wird schon mehr wahrgenommen, es wird mehr wahrgenommen zwischen Salzburg und Wien. Aber ob das jetzt als internationale Kulturstadt gilt, weiß ich nicht. Dinge wie das Crossing Europe Filmfestival oder der „Höhenrausch“, das sind schon Dinge, die gehen wirklich raus, über Leonding hinaus, vielleicht sogar über Oberösterreich hinaus. Das sind schon Dinge, die haben sicher das Bild von Linz verändert, da hat auch Linz09 dazu beigetragen. Eines ist ja klar, man hatte einfach ein Jahr lang eine internationale Presse über die Stadt. Und Leute – das weiß ich selbst aus Bekanntes- und Freundeskreisen – kommen über das Wochenende nach Linz. Man muss halt schauen, wo man am Sonntag zum Essen hingeht. Man kann einem Besucher etwas bieten, einem kulturell interessierten Besucher.

Wie schätzen Sie das Verhältnis von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein? Welchen Stellenwert glauben Sie, dass diese Bereiche in der Stadt haben?

Franz Huber: Ich gehöre ja mit dem Landestheater zur Hochkultur, das sehe ich zuerst bei uns angesiedelt. Das hat seinen Stellenwert, glaube ich. Dass der noch stärker verankert werden soll in der Stadt Linz ist wünschenswert. Wir haben eine starke Präsenz in der Region und im Land Oberösterreich. Für mein Theater würde ich mir noch eine stärkere Verankerung in der Stadt wünschen. Subkultur, da bin ich aus dem Alter heraus, da weiß ich zu wenig, da müsste ich meinen Sohn fragen. Da gibt es virulente Nester. Volkskultur, das ist traditionell, glaube ich, immer da gewesen und das gibt es auch. Festival der Regionen zum Beispiel, also nicht nur der Trachtenverein und die Blasmusikkapelle, sondern auch das Festival der Regionen, das ist immer eine spannende Geschichte. Ich nenne jetzt nur diese eine Geschichte, als ein Dorf eine Woche lang Urlaub gemacht hat, so etwas ist großartig, das zähle ich unter Volkskultur. Insofern sind Dinge vorhanden.

Wenn Sie einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachten: Wo würden Sie meinen, wäre in der Stadt noch besonderes Entwicklungspotenzial vorhanden? Abgesehen von der Literatur?

Franz Huber: Da fällt mir ein, es gibt kein tolles Antiquariat in Linz, oder ich kenne keines. Aber ich kann jetzt keine Disziplin nennen. Eine Neugierde wäre da, was passiert an der Kunstuniversität? Wie weit ist da kreatives Potenzial vorhanden, was noch weiter rauskommen könnte, also auch in Kombination mit der FH Hagenberg. Da gibt es ein neugieriges Nachfragen und Beobachten meinerseits. Das sind Dinge, die kann man stützen, unterstützen und fördern. Wird da daraus etwas? Das weiß man vorher nicht, das ist klar.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen? Welche maximal drei Themen würden Sie gerne mit den Kunst- und Kulturschaffenden in der Stadt diskutieren?

Franz Huber: Ein Thema, das mich interessiert, wäre auf jeden Fall das 20. Jahrhundert, auch mit dem historischen Blick, mit der Entwicklung der Stadt von einer Industriestadt zu einer – ich weiß nicht wie man das nennt – Dienstleistungsstadt. Auch die Aufarbeitung des Faschismus. Es gibt ganz in der Nähe ein ehemaliges Konzentrationslager, in Mauthausen. Es gibt aber auch ein Ding – das traue ich mich jetzt als zugewanderter Deutscher zu sagen – das ein österreichisches Politikverständnis sehr stark geprägt hat: das war die Auseinandersetzung in den 1930er-Jahren, die auch sehr heftig in Linz stattgefunden hat und die das Politikverständnis bis in die heutige Zeit prägt. Das wären zwar eher historische Themen, aber Themen die man … also ich würde gerne jemanden … oder ich werde mich auf die Suche machen, einen Autor zu finden, der für das Theater darüber schreiben kann.

Sonstige Themen?

Franz Huber: Stadtentwicklung ist vielleicht auch ein Thema, also wie geht man, wie radelt man durch eine Stadt? Wie grün kann eine Stadt sein? Sonst wird es jetzt zu kleinteilig.

Wenn Sie ihr näheres kulturelles bzw. künstlerisches Umfeld betrachten: Welche Arbeitsverhältnisse (Vollzeit, Teilzeit, Freie Dienstverträge, …) dominieren hier?

Franz Huber: Am Haus natürlich die Festanstellung von künstlerischem Personal mit Zeitverträgen. Aber die Frage ist natürlich, die interessiert, für Künstler, die nicht fest angestellt sind, die frei arbeiten, welche sozialen Absicherungen gibt es? Gibt es so etwas wie die Künstlersozialversicherung in Deutschland? Andererseits muss man auch aufpassen, was das neue Schauspielgesetz und Kollektivverträge betrifft. Ich bin mir von den Auswirkungen her nicht klar, ob das wirklich zur Verbesserung des künstlerischen Personals beiträgt, unter Umständen hat das einen Bumerangeffekt, dass man dann auf kürzere Produktionszeiten zurückgehen muss und dann eigentlich wiederum im kreativen Prozess unter Druck gerät, der von außen kommt und nicht von innen heraus. Das ist eher eine heikle Geschichte.

Welche Maßnahmen könnte die Stadt Linz setzen, um die Arbeitsbedingungen und die soziale Lage für Kunst- und Kulturschaffende zu verbessern? Abseits von bloßen Förderungen?

Franz Huber: Ich weiß nicht, wahrscheinlich weil das wirklich zum Teil Regelungen über den Bund sind, kann das gar nicht auf Stadtebene gelöst werden. Ich wüsste nicht, wo man da ansetzen könnte.

Also bleibt nur der Appell der Stadt an den Bund, wenn man so will, für Regelungen, Sozialregelungen oder Arbeitszeitregelungen, die dem gerecht werden?

Franz Huber: Das ist natürlich auch kompliziert, die Interessen von freischaffenden Künstlern, seien das jetzt Autoren, Schauspieler oder Tänzer mit Künstlern zu vergleichen, die ein Engagement haben, auch wenn es nur ein Zeitvertrag ist. Das sind unterschiedlichste Interessen, die da auch kollidieren miteinander, selbst innerhalb der künstlerischen Bereiche, weil einfach jemand, der ein festes Engagement hat, aber Mutter ist und zwei kleine Kinder hat, manchmal ganz andere Interessen wie möglicherweise eine gleichartige Schauspielerin hat, die kein Engagement hat, die in der Freien Szene arbeitet und sich von Projekt zu Projekt hangeln muss. Die Fragestellung, ist so etwas möglich wie eine Teilzeitarbeit im Theater oder ein Halbtagsjob im Theater als Künstler, stellt sich der freischaffenden, gleichaltrigen Künstlerin, die hofft, von einem Projekt zum nächsten zu kommen, überhaupt nicht. Beides sind Schauspielerinnen, aber die Bedürfnisse sind völlig unterschiedlich. Das ist, glaube ich, schwierig auf einen Nenner zu bekommen.

Können Sie noch eine kurze Einschätzung des freien Theaterbereiches, der Off-Szenen wenn man so will, in Linz geben, und zwar hinsichtlich des Entwicklungspotenzials. Ich mache es vielleicht so auf: Es gibt zwei widersprüchliche Positionen. Ich höre sehr viel in den Interviews, in dem freien Tanz- und Theaterbereich gibt es großes Potenzial in Linz, die Gegenposition sagt dann, Entwicklungspotenzial ist vielleicht vorhanden, aber ob das in Linz wirklich so zu entwickeln ist, das sei dahingestellt oder fraglich.

Franz Huber: Das hängt immer sehr individuell von den Leuten ab, die das machen. Deswegen ist das schwer zu beurteilen. Also qualitativ und von den Projekten her gäbe es da Luft bzw. Dinge, die hier nicht vorkommen. Andererseits ist das tatsächlich eine Frage, wenn sich so ein Theater wie das Schauspielhaus in Wien ganz genau fokussieren kann auf zeitgenössische Literatur, auf deutschsprachige Erstaufführungen, auf Uraufführungen, ob so etwas realisierbar ist in Linz. Das kann man auch ganz gut ablesen an dem Programm, was das Phönix macht. Im Grunde macht das Phönix im Kleinen nichts anderes wie wir, sie machen ihren Klassiker zur finanziellen Abdeckung so wie wir hier die Operette oder das Musical machen, und man macht dann eine Uraufführung von einem österreichischen Autor so wie wir eine Uraufführung von einem zeitgenössischen Autor machen. Also im Kleinen ist das Mischprogramm ähnlich. Da ist die Frage, ob es da nicht auch interessant wäre, irgendwie stärkere Impulse noch von außen zu erhalten. Wenn man dann doch immer im selben Suppentopf schmort, aber ob das jemanden interessiert, da bin ich skeptisch. Es heißt aber nicht, dass man es nicht trotzdem machen sollte.

Thomas Philipp: Zum Thema Kunst- und Kulturvermittlung. Inwieweit sind Sie mit dem derzeitigen Angebot an Kunst- und Kulturvermittlung in Linz zufrieden? Was gefällt Ihnen besonders gut? Und was überhaupt nicht?

Franz Huber: Da kann ich Ihnen etwas Aktuelles sagen. Da gibt es dieses 4020, dieses Musikfestival. Ich habe mir jetzt das Programm mitgenommen, um das anzusehen. Oder gerade jetzt beim Filmfestival, da gibt es schon so Dinge, die vorhanden sind, aber vielleicht in ihrer Programmatik und dem was sie machen, gar nicht so dezidiert nach außen treten. Und manchmal habe ich schon den Eindruck, wenn ich wieder auf das Brucknerhaus komme und Jazzmusik, natürlich gibt es einen ganzen Bereich von Jazz, der überhaupt nicht vorkommt.

In Ulrichsberg oder im Schlachthof in Wels vielleicht.

Franz Huber: Da vielleicht, aber warum hier nicht? In Ulrichsberg bekomme ich es dann vielleicht nicht mit, im Schlachthof durch Zufall. Vielleicht gibt es die Dinge, aber die kommen irgendwie nicht durch, und vielleicht gäbe es dann auch nur 30 oder 50 Leute, die dort hingehen. Aber das ist egal, nach dem kann man ja nicht immer gehen. Da ein paar Akzente zu setzen, wäre vielleicht schon notwendig. Klar, auch beim Brucknerfest, was ist das, auch mit der Klangwolke und so. Da habe ich den Eindruck, da müsste man prinzipiell noch einmal nachgehen, was ist das, was macht man da eigentlich, wie schreibt man das fort?

Wie schaut es im darstellenden Bereich aus, wenn es um Kunst- und Kulturvermittlung geht, in Bezug auf Linz, auf die Stadt? Wie ist Ihre Einschätzung dahingehend?

Franz Huber: Auch da sind Impulse von außen möglich, absolut. Die Frage ist natürlich immer, was für einen Response findet das bei dem Publikum und wie weit kann man Dinge da ausloten.

So was versucht man auch zum Beispiel im Haus mit dem Blick hinter die Kulissen, oder? Mich würde hier interessieren, wie es hier aussieht mit dem Response. Ist der entsprechend da, sodass man sich motiviert fühlt, um das weiterzuführen? Und das zweite, was mich interessiert, Sie waren an verschiedenen Bühnen, sie haben Einblick in andere Häuser der darstellenden Kunst. Gibt es sonstige Formate der Vermittlung, wo Sie gesagt hätten, das wäre etwas, das auch für unser Haus oder für den darstellenden Kunstbereich dieser Stadt interessant wäre?

Franz Huber: Wir haben für ein unbekanntes Theaterstück von einer unbekannten Autorin, deutschsprachige Erstaufführung … das wäre unter normalen Bedingungen ein Theaterstück gewesen, das würde durch die Abo-Reihen laufen und hätte seine Theaterfreunde, die nicht im Abo-Bereich sind, gefunden, das wäre überschaubar gewesen. Wir haben dann eine Kunstaktion dazu im öffentlichen Raum gemacht, in der Fußgängerzone. Seitdem sind die Vorstellungen fast immer alle ausverkauft. Das ist ein Phänomen, wie Dinge andere Wege suchen müssen, damit sie an ein Publikum kommen, und dann ist das ja auch ein Response, dass da plötzlich Publikum zur Vorstellung kommt, das nicht kommen würde, das ist erstaunlich. Und das freut einen, das ist natürlich positiv und erstaunlich.

Jetzt ist das keine einfache Geschichte. Erstmals muss sich das jemand ausdenken und dann muss das jemand umsetzen. Wenn jetzt im Haus solche Ideen geboren werden, wenn man auf die Vermittlungsebene geht, kann man da auf Fachpersonal zurückgreifen, auf Kunst- und KulturvermittlerInnen, die von der Vermittlungstätigkeit eine Qualifikation haben?

Franz Huber: Also wir haben Theaterpädagogen, die so etwas machen, in der Vermittlung von Theaterarbeit allgemein, aber auch unsere Theaterproduktionen außerhalb des Hauses bei Vereinen, bei anderen Institutionen, in Schulen usw. Das gibt es, das ist natürlich ein Feld, das ist unerschöpflich, aber es ist auch nicht nur unerschöpflich, sondern da gibt es auch ein großes Interesse, eine Neugierde daran, etwas mehr davon zu verstehen, wie Theater funktioniert. Ansonsten ist es natürlich so, dass man da personell sehr eingeschränkt ist und solche Aktionen entwickelt dann eine Bühnenbildassistentin. Das sind auch immer Dinge, die in einem relativ kurzen Zeitraum passieren, also planerisch natürlich einen viel größeren Vorlauf bräuchten, vielleicht umgesetzt werden sollten einer Künstlerin, die Kunst im öffentlichen Raum macht. Da könnte man natürlich schon Dinge entwickeln, Leute in Kunstaktionen einzubinden. Das sind schon Impulse, die man von außen braucht, glaube ich. Ich denke, diese Gefahr ist immer da, dass man in dem eigenen Suppentopf ist, auch mit den Förderpreisen. Ich selber habe zum Beispiel ein Thomas-Bernhard-Stipendium hier installiert, das verschafft einem jungen Dramatiker die Möglichkeit, drei Monate in Linz zu leben, mit einem kleinen Salär, und zu arbeiten. Davon habe ich mir immer Impulse vorgestellt, aber das kann man auch nicht planen, das ergibt sich manchmal, wenn man so eine Struktur schafft. So etwas wäre natürlich schon interessant: Writer-In-Residence. Aber dass man das auch mitbekommt, das ist immer die Frage, wie vermittelt sich das dann wirklich, real. Du kannst einerseits wirklich attraktive Leute von außen hier herholen und du sagst, die sind jetzt drei Monate in Linz, dann kannst du sagen, schön, dass die da sind, anderseits wie kommst du jetzt mit so Jemanden in Berührung, über Lesungen, Ausstellungen, Theater oder wie funktioniert das? Da gibt es schon Nachholbedarf.

Die jungen, guten, oberösterreichischen Literaten sind ja da, man sieht sie in Leipzig, und dann gehen sie nach Wien.

Franz Huber: Ja das stimmt, und stimmt aber auch nicht: Franzobel haben wir hier gespielt, da stand er noch nicht auf der Auftragsliste der Wiener Bühnen, Andreas Jungwirth ebenfalls, vielleicht bald Thomas Arzt, unseren heurigen Thomas-Bernhard-Preisträger.

Herzlichen Dank.

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