Erwin Dorn und Ingrid Rathner

Zu euren Personen, Geburtsdatum und Geburtsort?

Erwin Dorn: Erwin Dorn, 1954, Linz.

Ingrid Rathner: Ingrid Rathner, 1963, Grieskirchen.

Und ihr lebt beide nicht in Linz, oder?

Ingrid Rathner: Ich lebe in Oftering.

Erwin Dorn: Und ich lebe in Traun.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übt ihr derzeit aus, also ausgehend vom Verein Kukusch bitte kurz beschreiben, was eure Tätigkeit ist und sonstige kunst- und kulturbezogene Funktionen, die ihr noch ausübt. Bitte auch an Jurys, Gremien und ähnliches denken?

Erwin Dorn: Ich bin beratendes Mitglied der VEST GesmbH, Mitglied des Kulturausschusses der Stadtgemeinde Traun und AHS-Lehrer. Am Bundesrealgymnasium Traun zeichne ich verantwortlich für alle musischen und kulturellen Projekte. Und ich bin Stellvertreter des Vereins Kukusch.

Ingrid Rathner: Ich bin Obfrau des Vereins Kukusch. Das ist die derzeitige Haupttätigkeit im kulturellen Bereich. Kukusch hat als zentrale Aufgabe, Kunst und Kultur an Schulen zu bringen, in Schulen zu verstärken, und Schulen darin zu unterstützen, neue Ideen und neue Projekte zu entwickeln. Und ich bin Lehrerin in der Hamerlingschule und betreue dort verschiedene Projekte.

Wie würdet ihr die eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen?

Ingrid Rathner: AHS-Lehrerin und Obfrau des Vereins Kukusch.

Erwin Dorn: Das stimmt für mich auch. Aber eben „Stellvertreter“ des Vereins Kukusch.

Wann ist Kukusch gegründet worden?

Ingrid Rathner: Kukusch wurde im September 2010 gegründet.

Welche Zielgruppen werden durch die Arbeit besonders angesprochen?

Erwin Dorn: In erster Linie SchülerInnen und LehrerInnen im gesamten oberösterreichischen Raum, weil die Fördergeber unseres Vereins das Land, die Stadt und der Bund sind. Der Fokus liegt naturgemäß auf Linz, weil wir ja ein Nachfolgeverein von Linz09 sind. Trotzdem endet unsere Arbeit nicht an den Stadtgrenzen.

Ingrid Rathner: Und wir versuchen alle Schultypen, also Volksschulen, Hauptschulen, AHS, BHS, Berufsschulen etc. abzudecken und anzusprechen.

In welchen künstlerischen Disziplinen bzw. kulturellen Arbeitsfeldern ist Kukusch hauptsächlich tätig?

Ingrid Rathner: Vor allem im Theaterbereich. Das ist ein großer Schwerpunkt und sonst ist das Spektrum ein breites, umfasst Fotografie ebenso wie Literatur.

Erwin Dorn: Und auch Malerei. Daneben gibt es aber auch eine Projektschiene, die so etwas wie kulturelles Geschichtsverständnis und intensive Erinnerungsarbeit vereint. Vielleicht kann man an dieser Stelle sagen, dass es für uns es wichtig ist, Kunst und Kultur auseinander zu halten. Und dass für uns die Kunst nicht so wichtig ist wie zum Beispiel die Alltagskultur. Oder sagen wir so, dass wir in Wirklichkeit den Anspruch haben, kulturelle Bildung zu fördern und die darf nicht elitär sein. Das ist, glaube ich, ganz etwas Wesentliches. Darum sind unsere Projekte so gut wie fast alle so angelegt, dass sie immer eine ganze Schulklasse betreffen und nicht eine Gruppe von hochbegabten und megainteressierten Schülerinnen und Schülern.

Ingrid Rathner: Genau. Wir bedienen keine Talentförderungsgeschichten.

Jetzt sind wir da am Vereinssitz in Oftering. Hat es auch Überlegungen gegeben, das in Linz anzusiedeln oder gibt es da noch Überlegungen?

Ingrid Rathner: Wir haben überlegt, gleich nachdem die Büromöglichkeit von Linz09 nicht mehr gegeben war, doch in Linz zu bleiben. Aber wir waren in der Situation, dass wir relativ schnell etwas Neues suchen mussten. Es hat sich dann zufälliger Weise ergeben, dass in diesem umgebauten Haus zwei Räume frei waren, zur gleichen Zeit, als wir auf der Suche nach einem Vereinssitz waren. Die Nähe zu Linz ist gegeben, wir sind nicht im Zentrum, das wissen wir. Derzeit haben wir keine Probleme damit und derzeit sind wir zufrieden und haben nicht vor, nach Linz zu übersiedeln. Aber wer weiß, wenn sich der Tätigkeitsbereich verändert …

Erwin Dorn: Wenn Leute zu uns kommen, empfinden sie es sogar als wohltuend, mal nicht mitten in der Stadt zu sein. Quasi in eine fast „unkulturelle“, eine natürliche Umgebung einzutauchen, das gefällt den Leuten. Ein weiteres Argument: Unser Weg zur Arbeit ist außerdem deutlich kürzer, als würden wir nach Linz pendeln. Rein ökologisch gesehen ist das also gescheiter.

Wie sieht es aus mit den personellen Ressourcen bei Kukusch? Gibt es Beschäftigungsverhältnisse, ist das alles ehrenamtlich derzeit, gibt es ehrenamtliche Tätigkeiten auch?

Ingrid Rathner: Es ist grundsätzlich so, dass wir beide die Hauptarbeit machen. Wir sind vom Unterrichtsministerium für diese Arbeit teilfreigestellt. Wir beide haben gemeinsam eine ganze Lehrer-Freistellung und die teilen wir uns. Jeder ist also zur Hälfte seiner Arbeitszeit in der Schule und die andere Hälfte ist für Kukusch vorgesehen. Darüber hinaus haben wir mit Katrin Leisch eine Mitarbeiterin, die geringfügig bei uns beschäftig ist. Sie ist sowohl für die Buchhaltung als auch für administrative Angelegenheiten, aber auch für Workshops mit Kindern zuständig. Wir haben ein Projekt, das „Blickgedichte“ heißt. Da geht es darum, dass Volksschulkinder ihre Sicht der Stadt Linz durch selbstgemachte Fotos die von ihnen mit Zweizeilern versehen werden, zeigen. Wir machen daraus „Ansichtskarten“ sogenannte Blickgedichte, die an einzelnen Kulturinstitutionen zur freien Entnahme aufliegen. Und unsere Mitarbeiterin organisiert alles, da ist sie die Projektleiterin.

Gibt es ehrenamtliche Tätigkeiten auch noch?

Erwin Dorn: Das ist eine gute Frage. In Wirklichkeit ist es so, dass ganz viele Projekte in Schulen ehrenamtlich laufen, sie gehen ja über die reguläre Unterrichtstätigkeit und Unterrichtszeit hinaus. Und da alle Lehrer, die in Projekten beteiligt sind, von uns keinen „Lohn“ bekommen, gibt es sehr viele ehrenamtliche Tätigkeiten. Ich denke dabei zum Beispiel an das Projekt „Gerettete Familiengeschichten“, das wir in Schulen initiieren, dann aber bei den LehrerInnen belassen. Es gibt noch mehr Bereiche, wo man sagen kann, da wird ehrenamtlich gearbeitet.

Ingrid Rathner: Und was die Projekte betrifft, da erleben wir das, was man immer bei Projekten erlebt. Ohne das Zutun von verschiedensten Leuten funktioniert ein Projekt nicht. Also der Lead ist eindeutig bei uns, auch bei „Gerettete Familiengeschichten“, das Konzept ist von uns und die Durchführung ist von uns, aber wenn da nicht eine Korrespondenz entsteht oder ein gemeinsames Tun in den konkreten Schulen, kann man das ganze Projekt vergessen.

Erwin Dorn: Ich glaube auch, dass es wichtig ist, dass man bei so einem Projekt trotzdem jemanden hat, von dem man weiß, der ist verantwortlich und der wird auch zumindest teilweise bezahlt, auch wenn er mehr tut, als von ihm oder ihr erwartet wird.

Zum Hauptblock im Interview. Über die kulturelle Entwicklung, Situation und Zukunft von Linz. Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen euch ein, wenn ihr an „Kulturstadt Linz“ denkt? Was würdet ihr da dazuschreiben?

Erwin Dorn: Ich würde Klangwolke dazu schreiben.

Ingrid Rathner: Theaterbereiche, alle.

Erwin Dorn: Pflasterspektakel.

Ingrid Rathner: StifterHaus.

Erwin Dorn: Theater Phönix.

Ingrid Rathner: Brucknerhaus.

Erwin Dorn: Dann würde ich dazu schreiben: Keine Räumlichkeiten. Keine Räumlichkeiten für Schulen, die etwas produzieren, die außerschulisch zeigen wollen, was sie erschaffen. Da gibt es ganz große Barrieren.

Ingrid Rathner: Ich würde schreiben: Fragezeichen, Rufzeichen, Fragezeichen, Rufzeichen zur Tabakfabrik.

Erwin Dorn: Gsöllpointner. Und Kunstuniversität.

Ingrid Rathner: AFO.

Erwin Dorn: Gut, dass das Nordico jetzt eine neue Leitung hat.

Ingrid Rathner: In dem Zusammenhang: Gut, wie die Vermittlung im Lentos gestaltet ist.

Erwin Dorn: Ja, Lentos, das gehört vorgereiht. Das ist architektonisch gesehen ein Spitzenreiter von Linz – vermutlich sogar der Spitzenreiter. Das ist in Wirklichkeit ein Wahrzeichnen. Ein neues Wahrzeichen von Linz. Mir fallen dann schon noch Institutionen ein. Salzamt usw. usf.. Aber ich würde sagen, wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, würde ich als Erstes das Lentos nennen und von dem, was mich eigentlich als Person weiter gebracht hat, das Theater Phönix.

Ingrid Rathner: Und die Kinos, die haben wir jetzt außen vor gelassen. Und das AEC.

Erwin Dorn: Die haben moderne Technik und moderne Medien und genau so schnell, wie wir alle mit dem Computer jetzt umgehen müssen und das ist ja auch eine Notwendigkeit, das geht gar nicht anders, sind die im Umgang mit denen, die mit ihnen etwas machen wollen. Und das ist meines Erachtens ein kleines Manko am AEC. Also so lässig das AEC ist und so gerne da Jugendliche rein gehen, aber es ist eine Spur zu sehr exaltiert.

Wenn wir die letzten zehn Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, betrachten: Was lief eurer Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Erwin Dorn: Besonders gut ist meines Erachtens gelaufen, dass es einige Kunst- und Kulturprojekte gibt, die sehr niederschwellig sind. OK zum Beispiel – quasi ein Postulat dieses Hauses. Da gehören sogar die letzten 15 Jahre dazu, die Klangwolke, die ja noch viel älter ist. Und das Pflasterspektakel und so weiter. Das sind lauter Formate, die versucht haben, an die Menschen ranzukommen. Da gehört auch das Schultheaterprojekt „Zündstoff“ dazu. Jede Schule, die wollte, konnte mit ihrer Produktion teilnehmen. Konnte sich präsentieren. Also die Niederschwelligkeit, ohne auszusortieren oder zu bewerten, ist eine ganz große, positive Komponente der Linzer Kulturgeschichte. Und noch etwas: Linz hat sich auch in den Bereichen der Computerkunst einen Namen in der Welt gemacht hat. Aber diese Kunstrichtung erschließt sich mir nicht so wie andere. Hat auch vermutlich was mit meinem Alter zu tun.

Und die andere Seite der Medaille. Mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten zehn Jahre seid ihr überhaupt nicht zufrieden?

Ingrid Rathner: Mir fallen zwei Sachen ein. Das eine ist, dass die Kulturhauptstadt Linz09 – und das geht ja nicht zehn Jahre zurück! – „abmontiert“ wurde, im wahrsten Sinn des Wortes, sobald 2010 begonnen hat. Es gab meiner Meinung nach ein paar hervorragende Projekte im Kulturhauptstadtjahr. Aber nur ganz wenige haben überlebt. Und das hat nichts mit der Qualität der Projekte zu tun. Mir kommt vor, im Bewusstsein der Stadt und im Bewusstsein der Stadtbevölkerung war alles, was Linz09 war, ganz schnell wieder weg. Das war wie ein großes Strohfeuer, das sich eben relativ schnell wieder gelegt hat. Und das halte ich für sehr bedenklich, das ist sehr, sehr schade, weil ich glaube, dass ganz viel verloren gegangen ist.
Das ist das eine. Und das zweite, da rede ich jetzt als Lehrerin, ist, dass ich den Eindruck habe, dass die Kommunikation zwischen Kultur und Schule – und nicht zufällig beschäftigen wir uns ja mit dem Thema „Kultur an die Schulen“ nicht gar so gut funktioniert. Die Niederschwelligkeit, da gebe ich Erwin Recht, gelingt in vielen Bereichen ganz gut, aber es gibt trotzdem eine – ich weiß nicht, woran das genau liegt – Barriere zwischen Schulen und kulturellen Einrichtungen. Wobei ich niemandem vorschnell die Schuld zuschreiben möchte, also weder den kulturellen Einrichtungen noch den Schulen. Dem muss man nachgehen.

Da kommen wir nachher noch mal dazu. Linz09 ist vielleicht gleich das nächste Thema. Könnt ihr resümierend noch weitere Punkte zu Linz09 sagen, vielleicht zusätzlich zu dem genannten Punkt der fehlenden Nachhaltigkeit?

Erwin Dorn: Linz09 war vor allem ein Motor, der keine Kurbelwelle hatte, der die Kraftübertragung nicht geschafft hat. Das kann jetzt an Linz09 liegen. Ich weiß, dass in anderen Kulturhauptstädten auch ganz oft über die Leistung des Motors der jeweiligen Kulturhauptstadt diskutiert wurde, also: wie viele Nächtigungen gab es, wurde ein neuer Flugplatz gebaut, was passierte im kollateralen Infrastruktursektor? Aber ich behaupte, Linz09 hat nur marginal in die kulturelle Maschinerie der Stadt hineingewirkt. Dem OK ist es irgendwie gelungen, die Linz09-Geschichte weiter wirken zu lassen. Höhenrausch 2. Natürlich gibt es auch noch andere Beispiele: Zum Beispiel Deja Vu. Schade, dass sich Martin Heller und Ulrich Fuchs nicht durchsetzen konnten mit ihrem Vorschlag, den sie am Anfang ihrer Arbeit unterbreitet haben, nämlich einen Teil des Gesamtbudgets, das für Linz09 vorgesehen war, nicht im Kulturhauptstadtjahr zu verwenden, sondern dafür, dass Projekte entwickelt werden und dann schaut man, wie diese Projekte weiterleben können. Oder wie sogar neue nach 2009 entstehen könnten. Was jetzt quasi „zufällig“ im kleinen Rahmen mit den Restmitteln von Linz09 passiert. Jedenfalls hätte man mit dem ursprünglichen Heller-Fuchs Plan neue Wege beschreiten können. Politisch ist die Sache klar: die Kulturverantwortlichen hätten damit einen Teil ihres Einflusses abgegeben. Geld wäre ja dann mehr oder minder zweckgebunden an spezielle Projekte angekoppelt gewesen. Jetzt hat man wieder die Situation, dass man zu den Verantwortlichen gehen und fragen muss: „Kannst du mir Geld für dieses oder jenes Projekt geben?“ Das wäre mit dem Heller-Fuchs Plan nicht so leicht möglich gewesen, weil man ja eine Struktur schaffen hätte müssen, wer mit welchem Einfluss was verwaltet. Es hätte quasi eine Fortführung der Kulturhauptstadt gegeben.

Was willst du noch dazu sagen?

Ingrid Rathner: Es gibt leider nur ein paar Geschichten, die gut weiter laufen. Der Kepler Salon fällt mir ein. Das ist sicher etwas, was für uns ganz wichtig und wesentlich ist. Und es ist auch ganz offensichtlich, dass da etwas gelungen ist. Das ist ein Format, das funktioniert. Selten genug. Der Kepler Salon spricht ganz viele Leute an und erlangt durch die Regelmäßigkeit der Veranstaltungen eine große Selbstverständlichkeit in der Stadt. Interessante Themen sind eben die Grundlage dafür. Mir kommt der Kepler Salon fast wie eine kleine Ausnahmeerscheinung vor. Ich habe – das ist aber auch verständlich, wir waren ja beide involviert – Linz09 genossen, aber mir kommt vor, das ist von vielen Seiten wie ein Abenteuerjahr gesehen worden. Und Abenteuer hören eben wieder auf. Wenn der Sommer vorbei ist, wird das Zelt abgebaut, und dann kehre ich wieder zu meinem Alltag zurück und so habe ich Linz09 und die Zeit danach erlebt, eben mit diesen Ausnahmen.

Erwin Dorn: Man kann eine Geschichte dazu erzählen, vermutlich mehrere. Eine Geschichte geht so: Wir fahren im Jänner 2010 an der Linz09 Halle vorbei, der berühmten und vielbespielten schwarzen Box. Und was sehen wir? Ein Kran steht im Jänner 2010 vor der Halle und entfernt das Linz09 Logo. Es konnte nicht schnell genug gehen, die Zeichen der Kulturhauptstadt im wörtlichen Sinn abzumontieren. Das Einzige, was stehen bleibt, das sind die Schilder auf der Autobahn, die auf die Kulturhauptstadt hinweisen. Das heißt, was außerhalb der Stadt an die einstige Kulturhauptstadt erinnert, das gibt es noch. In der Stadt selbst wird demontiert.

Ingrid Rathner: Zum Beispiel auch die mehrsprachigen Ortsschilder, die wunderschön waren, die wirklich in allen Sprachen gezeigt haben, wie man „Linz“ schreibt. Die waren weg. Kaum war das neue Jahr da und das 2009er-Jahr abgeschlossen, waren sie weg. Das sind Dinge, die für mich schwer verständlich sind.

Erwin Dorn: Das heißt nicht, dass sich nicht unsere Leute von Linz09 bemüht hätten, dass zum Beispiel die mehrsprachigen Ortstafeln länger bleiben sollen.

Aber es ist diese Differenz, die ihr gesagt habt, zwischen der politischen Verantwortlichkeit, die in der Stadt besteht und der Intendanz, die sich politisch nicht in das Spiel so einbringen konnte, dass das wirklich ineinander gegriffen hat.

Ingrid Rathner: Und das heißt auch nicht, dass nicht Einzelbereiche etwas gestaltet hätten, was weiter wirkt. Wir brauchen nur an uns zu denken. Also wir haben zum Beispiel das Archiv der Zukunft im Kulturhauptstadtjahr intensiv kennen gelernt, Kontakte geknüpft, die heute noch wichtig sind für uns und für unsere Arbeit. Wir bekommen ganz wesentliche Impulse davon.

Erwin Dorn: Ja, das ist keine Frage. Es gibt auch keine Kulturhauptstadt, die für den schulischen Bereich eigene verantwortliche LehrerInnen hatte. Mit einem eigenen Budget. Und es gab keine Kulturhauptstadt, die so viel Energie und Budget in Schulprojekte investiert hat wie Linz. Und das Besondere: Uns gibt es nach dem Kulturhauptstadtjahr weiter. Und das schon das zweite Jahr. In Essen wurde ein ähnlicher Posten nach dem Ende des Kulturhauptstadtjahres sofort gestrichen. Und wir können annähernd so weiterarbeiten wie im Kulturhauptstadtjahr.

Ingrid Rathner: Ohne die Infrastruktur von Linz09. Die haben wir uns selber basteln müssen.

Womit kann Linz eurer Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck?

Erwin Dorn: Ich glaube, mit einem kann Linz sehr wohl punkten. Das ist die Medienkunst, alles was sich darum rankt. Und Linz punktet mit der Niederschwelligkeit seiner Projekte. Linz ist ein Hammer und da glaube ich, diffundiert – ich sage es einmal so – der Arbeitermythos aus dem 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert und 21. Jahrhundert in die Kultur hinein. Auch wenn es den „klassischen“ Arbeiter nicht mehr so gibt, wie wir uns den vorstellen. Trotzdem: Arbeiter sind eben Masse, nicht umsonst sagt man, der Arbeiterstand war der stärkste Stand und hat die politische Situation im 20. Jahrhundert verändert. Das ist zum Beispiel schon etwas, mit dem man sich wirklich auch als etwas andere Kulturstadt positionieren kann. Und ich sage, obwohl wir so negativ über die Zeit nach Linz09 gesprochen haben, es hat auch die Kulturhauptstadt Linz einiges gebracht. Wenn auch unseres Erachtens zu wenig.

Ingrid Rathner: Die Vergangenheit. Also die Vergangenheit als Stahlstadt, die VÖEST als Symbol, mit dem kann Linz tatsächlich punkten und das ist meiner Meinung nach als spürbares Thema während der Kulturhauptstadt immer wieder debattiert worden. Das hat mir gefallen, das hat vieles zu einer niederschwelligen Sache und Angelegenheit gemacht und dafür gesorgt, dass wirklich, das behaupte ich jetzt, alle angesprochen worden wären. Ob sie sich dann ansprechen ließen, ist eine andere Geschichte. Das finde ich das Zentralste von Linz. Diese Vergangenheit ist wirklich spannend.

Erwin Dorn: Wenn man sich zum Beispiel das Theater ansieht, im Sommertheater, das unter den Brücken oder irgendwo statt gefunden hat. Da kann man eine ganze Reihe von Beispielen anführen. Jetzt kann man gleich sagen, ja in Essen haben sie die Autobahn gesperrt und haben auf 60 Kilometer ein Volksfest gemacht, was auch total lässig ist. Aber trotzdem glaube ich, dass für die Größe von Linz und für das Bewusstsein von Linz oder das Selbstbewusstsein für Linz, das etwas ist, wo Linz punkten kann, meines Erachtens. Niederschwelligkeit und Nischen. Und eine Nische ist diese Cybergeschichte. Aber die Nischen musst du halt finden. Es könnte in Zukunft noch mit etwas ganz anderem punkten. Als Bildungshauptstadt. Das sagen wir schon die ganze Zeit. Das gibt es noch nicht, das ist noch nicht erfunden worden, eine Stadt, die sich ein Ziel setzt, zu sagen, wir zeigen, wie Bildung gehen kann und zwar im Kontext von kultureller Bildung. Und da buttern wir Geld und Energie und Kraft rein und auch räumliche Ressourcen.

Ingrid Rathner: Die da fehlen.

Medienkunst hast du gerade genannt, Erwin. Mich würde interessieren, wenn man einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachtet: Wo würdet ihr meinen, wäre in der Stadt noch besonderes Entwicklungspotenzial vorhanden?

Erwin Dorn: Das ist alles subjektiv gefärbt. Wenn, dann würde ich noch am ehesten sagen, im performativen Bereich. Wenn ich an Silke Grabinger denke, die mit uns arbeitet oder Gregor Graf, der eigentlich bildender Künstler ist, aber jetzt auch bei einem Projekt mit macht, bei dem es um Performance geht, sehe ich, dass das ein Bereich ist, in dem noch Potenzial liegt, das noch gehoben werden kann.

Ingrid Rathner: Mir liegt der Literaturbereich am Herzen, der, denke ich, in Linz noch durchaus entwicklungsfähig ist. Ich weiß nicht, wie lange es aus ist, dass es einen Stadtschreiber gegeben hat, Rudolf Habringer zum Beispiel. Mir kommt vor, es gibt junge Talente und es gibt Autoren, die in Linz und rund herum aktiv sind, aber die kommen auch aus so kleinen elitären Zirkeln nicht recht raus. Das ist schon ein Bereich, der durchaus aktiver und lebendiger gestaltet werden kann und irgendwie für ein größeres Publikum entwickelbar ist.

Wenn ihr beide für den neuen Kulturentwicklungsplan alleine zuständig wärt und ihr habt nur einen Abend Zeit, um mit den hunderten KünstlerInnen und Kunst- und Kulturschaffenden, Kreativen, Schnittstellenbereich nicht vergessen, über höchstens drei Themen zu diskutieren. Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen?

Ingrid Rathner: Das erste, was mir einfällt, sind Räumlichkeiten und öffentlicher Raum. Was lässt sich da anbieten und durchführen und verändern und wie kann man die Kunst aus ihren Nischen befreien und die kulturelle Bildung unter die Leute bringen und was gibt es für spannende Lokalitäten, die sich dafür anbieten?

Erwin Dorn: Über kulturelle Bildung würden wir reden. Wenn ich über drei Sachen reden würde, würde ich über kulturelle Bildung drei Viertel der Zeit reden, ganz sicher. Also über das, was unser Ur-Thema ist: rein in die Bildung, ihr Künstler, Gärtner, Fotografen, wie immer ihr da sitzt. Überlegen wir uns etwas. Und das andere Viertel reden wir über die Tabakfabrik. Und darüber würde ich mit ihnen nicht bloß diskutiern, sondern ich würde mit ihnen irgendwohin gehen. Irgend so etwas würde ich noch am ehesten machen. Es stellt sich doch die Frage, was fällt uns hundert Leuten ein, Niederschwelligkeit mit ganz etwas anderem zu kombinieren.

Ingrid Rathner: Mit Kochen.

Erwin Dorn: Zum Beispiel.

Ingrid Rathner: Oder Kochen und Essen. Diese Verknüpfung von kulturellen Themen mit Alltag, mit Leben.

Erwin Dorn: Und das vierte wäre, was gelingt uns hundert Leuten nach diesem Abend, damit andere sehen, was wir getan haben? Wie geht das, dass das, was wir gemacht haben, auch eine Öffentlichkeit mitbekommt? Und mit Öffentlichkeit meine ich nicht die Presseöffentlichkeit.

Ingrid Rathner: Das geht in Richtung herzeigen, gesehen werden.

Erwin Dorn: Aber nicht in einem Monat, sondern heute am Abend, ganz unmittelbar …

Ingrid Rathner: Und nicht vermittelt oder extra aufbereitet. Sondern in Echtzeit und Echtform. Direkt.

Erwin Dorn: Das wäre spannend, weil das ein Bild davon gibt, wie kulturell aktiv diese hundert Leute mit uns sind.

Zu den Themenbereichen. Zuerst zum Bereich Schule, Bildung und Wissenschaft. Wie schätzt ihr das Interesse von Linzer Schülerinnen und Schülern am bestehenden Kunst- und Kulturangebot ein?

Ingrid Rathner: Das schwierige an der Frage ist, dass das natürlich Schülerinnen und Schüler von sechs bis 20 Jahren sind. Ich bin AHS-Lehrerin, ich arbeite mit Jugendlichen von 10 bis 18, 19 Jahren. Grundsätzlich ist es, wie wir zuerst schon gesagt haben, schwierig, sie für Kulturprojekte zu begeistern, solange diese mit der klassischen Vermittlungsidee gekoppelt sind. Das ist meine Erfahrung. Ich erlebe nichts schrecklicher als einen Theatervormittag mit SchülerInnen im Landestheater zum Beispiel, oder auch einen Kinovormittag. Das heißt, ich erlebe die Situation darum so schrecklich, weil ich das Desinteresse vieler SchülerInnen körperlich spüre. Weil ich merke, dass ihr Hauptinteresse ein Unterrichtsvermeidungsprogramm ist. Und jetzt kann man daran die Frage knüpfen, warum ist das Desinteresse so groß? Was gelingt da nicht? Solange das Konzept einer Idee von Erwachsenen folgt, ein Programm von Erwachsenen ist – jetzt sind wir mitten in der Schuldiskussion – so lange wird es keine eigene Beteiligung, keine Partizipation, kein leidenschaftliches Mitmachen geben. So lange das nicht gelingt, gelingt auch dieser Kick nicht und das Schlimmste, was ich erlebe, ist, dass die SchülerInnen selbst sich damit zufrieden geben. Dass sie sozusagen das als kulturelle Bildung missverstehen. Da muss noch ganz viel passieren.

Was müsste passieren, um dieses Interesse zu verstärken? Wären das partizipative, niederschwellige Möglichkeiten, wo die Schülerinnen und Schüler das selbst erarbeiten können?

Ingrid Rathner: In dem Moment, in dem die SchülerInnen in ihrer eigenen Welt und in ihrer eigenen Situation berührt werden, wird die Sache anders aussehen. Und das werden sie aber nicht, wenn man ihre Lebensthemen als Lehrinhalt vermittelt und ihnen darüber ein Theaterstück zeigt. Weil gerade Literatur und Theater immer mit der emotionalen, politischen und sozialen Situation der Menschen zu tun hat und nie gedacht war als reines – das behaupte ich jetzt einmal – Unterhaltungsprogramm, das ich mir ansehe und nachher tu ich weiter, wie es vorher war. Und wie das gelingen kann, das ist die große Frage, die uns ja auch in unserer Arbeit beschäftigt. Unser Projekt mit der Kultursuppe zum Beispiel ist der Versuch, Lesen ein bisschen anders zu gestalten, zu zeigen, dass es ganz viele verschiedene Leute gibt, die ganz viele verschiedene Sachen lesen. Der Versuch, einen Konnex zwischen Jugendlichen und Erwachsenen herzustellen und zwar nicht auf der Schiene, dass Erwachsene den Jugendlichen erklären, wie super lesen ist, sondern auf der Schiene, dass man LehrerInnen bittet: „Zeige den Jugendlichen, was du liest und lese ihnen ein Stück daraus vor.“

Erwin Dorn: Und erkläre das Vorgelesene nicht!

Ingrid Rathner: Genau. Germanisten dürfen bei „Kultursuppe“ gar nicht teilnehmen. Die dürfen nicht, weil sie das nicht können. Die können über Literatur reden. Natürlich können sie vorlesen, aber eben nicht unbefangen genug. Und für die SchülerInnen ist Lesen ist sowieso gekoppelt mit DeutschlehrerInnen. Dass die lesen, das ist ihnen klar. Das geht gar nicht anders. Aber was kann Lesen über diese Schulerfahrung hinaus noch sein? Wieso liest ein Mathematiklehrer? Wieso tut er das überhaupt? Und damit einmal zu zeigen, dass es so etwas wie ein Berührungsmoment gibt, so etwas wie eine wirkliche Leidenschaft.

Erwin Dorn: Aber wir scheitern da genauso.

Ingrid Rathner: Genauso. Darum beschäftigt uns immer wieder die Frage, wie das gehen kann, dass der Funke springt.

Erwin Dorn: Aber ich will nicht aufhören, darüber nicht nachzudenken. Ich habe zum Beispiel lange geglaubt, ein schönes Beispiel ist, Theater zu spielen, ich werde noch radikaler, wenn SchülerInnen sich beteiligen, zum Beispiel bei einem Musical mitspielen, mitsingen. Dann glaubt man, das ist ihre Sache. Das habe ich 15 oder 20 Jahre lang geglaubt, dass das ihre Sache ist. Nein. Das war die Sache von Erwin Dorn. Und dann gibt es noch verrücktere Geschichten, da setzen sich LehrerInnen zuhause hin und schreiben einen Text für die SchülerInnen oder ein Musikstück für die SchülerInnen. Und das spielen dann die SchülerInnen – für die LehrerInnen.

Ingrid Rathner: Das ist schon eine Spur mehr Beteiligung natürlich, weil der Applaus den SchülerInnen gehört und sie auf der Bühne sind und natürlich macht das eigene Mitwirken die Sache intensiver. In Wahrheit aber ist die Gefahr zu groß, dass es zu etwas wird, was die LehrerInnen sich ausgedacht haben. Und dass es zu etwas wird, bei dem jede Schülerin, jeder Schüler seinen eigenen kleinen Part isoliert erlebt. Ich habe dieses eine Lied auf der Bühne zu singen oder diese drei Tänze – und das Ganze, das Eigentliche wird aus den Augen verloren. Also wir suchen.

Erwin Dorn: Da sind wir auch dauernd am Denken und Reden und auch am Verändern.

Ingrid Rathner: Unbedingt. In der Schule sowieso. Die Lehrpläne und die Schulwirklichkeit sind viel zu weit weg von den Menschen, von den SchülerInnen,fdQC aber auch von den LehrerInnen.

Erwin Dorn: Das Schulprojekt von Linz09 „I like to move it move it“ setzt genau da an, dass SchülerInnen selbst etwas entwickeln, mit dem sie auf die Bühne gehen. Wir leben alle in einer Leistungsgesellschaft, das sagt jeder und keiner weiß, was das wirklich heißt, oder sagen wir so, jeder kritisiert sie, aber jeder tut mit. Und wir in der Schule tun auch mit. Dann werden eben die Musicals noch „professioneller“, statt die Brüchigkeit von dem, was SchülerInnen in sich haben, zu zeigen.

Mich würde der Blick auf den außerschulischen Bereich interessieren. Welche Verbesserungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit Kunst und Kultur fallen euch ein, wenn ihr an den außerschulischen Bildungsbereich für Kinder und Jugendliche denkt, zum Beispiel an Jugendzentren oder Musikschulen? Passt das für euch?

Erwin Dorn: Ich traue mir da wenig zu sagen. Bei den Musikschulen weiß man, dass es in Österreich und in Oberösterreich im Speziellen eine Dichte gibt, die ganz Europa nicht hat, und es funktioniert auch gut. Wenn man weiß, wie wichtig Musik ist, kann man nur „Ja“ dazu sagen. Auf deine Frage, wie das mit der außerschulischen Jugendarbeit ist, habe ich sofort zwei Bilder im Kopf. Und zwar die Schottergrube, in die ich als Kind spielen gegangen bin. Im Moment gibt es zwei Plätze bei uns in Traun und ich weiß, in Linz gibt es sie auch, wo die Jungen beisammen stehen mit ihren Mopeds. Und einmal bin ich stehengeblieben bei den Traunern und habe gefragt: „Wir haben da eh ein Jugendzentrum, wieso geht ihr denn da nicht hin?“ Daraufhin haben sie gesagt: „Geh Alter, das ist ja schon alt.“ Das war vor ein paar Jahren.

Ingrid Rathner: Darum fällt es uns auch sehr schwer, darüber zu reden. Wo das wirkliche Interesse der Jugendlichen liegt? Musikschule ist ein gutes Beispiel dafür, dass es eine zusätzliche Ausbildungsmöglichkeit gibt, die ihnen viel bringt, aber ist das jetzt wirklich eine Antwort auf die Frage nach Jugendkultur?

Erwin Dorn: Ich würde eher sagen, wenn man etwas tun muss, dann muss man vielleicht bewusst nichts tun. Damit sich Jugendkultur, so wie sie existiert und wie sie uns dann auch manchmal stört, entwickeln kann. Diese Jugendzentren. Die Replik von den Trauner Jugendlichen war eh deutlich genug: Ich werde nicht so dumm sein und mich dort auch noch einer Ordnung unterwerfen, die ich eh in der Schule und daheim und überall erlebe. Aber am Straßenrand nicht… Ich glaube eher, wenn eine Stadt etwas auf sich hält, dann lässt sie Freiräume.

Ingrid Rathner: Das ist schon etwas, was uns auch in unserer Arbeit beschäftigt. Dass es für Kinder im Speziellen und Jugendliche – das führt sich dann natürlich fort – keine Bereiche gibt, wo sie nicht irgendwelchen Erwachsenenregeln unterworfen sind, wo wirklich ungebremste Kreativität passieren kann. Die gibt es kaum. In jeder Jugendgruppe gibt es Programm, in jeder Pfadfindergruppe gibt es Programm.

Erwin Dorn: Und in den Ferien gehen sie dann in die Ferienprogramme.

Ingrid Rathner: Da ist es Aufgabe der Stadt, für Freiräume zu sorgen.

Erwin Dorn: Ich würde sogar radikal sein und anders nachdenken und sagen: Das Geld, das in Ferienprogramme gesteckt wird, verwenden wir für das Erhalten von zwecklosen Freiräumen. Weil Ferienprogramme sind BeschäftigungsprogrammE und nichts anderes. Ist eh alles nett, aber in Wirklichkeit sind alle diese Programme ein Ruhigstellen der Jugendlichen.

Darum stelle ich diese Fragen. Das kann etwa ein Ansatz sein, programmlose, regellose, kreative Freizonen zu schaffen.

Ingrid Rathner: Statt dem Theaterspielen und dem Musizieren.

Mich würde neben den jüngeren Generationen noch der Erwachsenenbildungsbereich interessieren. Welche Maßnahmen im Erwachsenenbildungsbereich (z. B. Arbeiterkammer, Gewerkschaftsbund, bfi, WIFI, Volkshochschulen, Bildungshäuser und -zentren, …) könnten eurer Meinung nach gesetzt werden, um das Interesse an Kunst und Kultur in Linz weiter zu fördern? Habt ihr in den letzten Wochen, Monaten einmal eine Diskussion geführt, wo ihr euch gedacht habt, vielleicht durch eure Erfahrung mit Linz09, da könnte man noch Maßnahmen verstärkt setzen, um diese Verschränkung zum Kunst- und Kulturangebot voran zutreiben?

Ingrid Rathner: Also Diskussionen in diese Richtungen haben wir in den letzten Wochen nicht geführt. Und ein wichtiges Thema, das uns – aber das ist eine ganz ein andere Geschichte – zu Diskussionen in diese Richtung anregt, ist unser Projekt „KÜSCH“. Da ist es so, dass Erwachsene, im Moment sind es Theaterleute, mit den Kindern, mit den SchülerInnen, arbeiten und zwar acht Wochen hindurch. Sozusagen außerschulisch, außerhalb vom normalen Stundenplan, außerhalb der Schule. Da diskutieren wir ganz viele verschiedene Modelle. So ist es derzeit. Das Projekt schaut eben so aus, dass ein Künstlerteam mit einer ganzen Klasse – nicht nur mit SchülerInnen, die Theaterschwerpunkt suchen – arbeitet. Die ganze Klasse wird angesprochen und das über acht Wochen hindurch, sechs Stunden in der Woche intensiv. Die Vorlage bietet nicht ein fertiges Stück, sondern sie wird von den SchülerInnen erarbeitet. Und unsere Diskussionen laufen ganz stark in die Richtung, wie klug und wie vernünftig und wie praktikabel und wie verwirklichbar es wäre, das mit anderen Berufsgruppen zu versuchen. Acht Wochen mit einem Gärtner, mit einer Köchin, mit einem Journalisten, mit einer Bankmanagerin, was auch immer. Das ist eine andere Geschichte, aber das ist unser Zugang, unsere Diskussionen, bei der es ganz stark um die Verschränkung der verschiedenen Welten geht.

Erwin Dorn: Aber natürlich dann auch wieder auf die Schule bezogen. Da tun wir uns natürlich schwer, weil ein qualifiziertes Auswahlverfahren notwendig wäre. Die Leute müssen ja alle mit offenen Prozessen umgehen können. Wenn man offene Prozesse zulässt, ist man nahe an den SchülerInnen dran. Und wenn der Koch sagt, so, und jetzt machen wir eine Nudelsuppe, wie ich sage, wie die Nudelsuppe geht, dann kannst du alles vergessen. Aber wenn er einer ist, der selber offen ist, dann wird es interessant. So etwas beschäftigt uns sehr, weil wir davon überzeugt sind, dass so Schule veränderbar ist. Mehr als durch irgendetwas anderes.

Ingrid Rathner: In Wirklichkeit bedeutet das eine Öffnung der Schule in einem Ausmaß, das derzeit überhaupt nicht praktiziert – und nicht einmal gedacht – wird.

Danke für die Antworten. Wollt ihr noch irgendetwas Wichtiges mitteilen?

Erwin Dorn: Ich habe da wohl eine Geschichte, von der ich glaube, dass es wichtig ist, dass man sie sagt. Es gibt drei große Themen dieser Welt. Das eine ist die Energiegeschichte, das zweite ist die Finanzgeschichte. In Wirklichkeit ist aber die wichtigste die Bildungsgeschichte und darum glaube ich, egal in welchem Bereich man sich bewegt, ob es die Produktion von Weingläsern ist oder was auch immer, dass man alle drei Geschichten sehen muss. Bildung ist so etwas Existentielles und da muss man natürlich alle drei Geschichten bedenken. Schule und Bildung waren schon immer zentrale gesellschaftliche Themen – aber im Moment stehen sie an der Kippe. Es stellt sich die Frage, ob es so weitergehen kann, wie wir seit 200 Jahren glauben. Und da kann Kultur oder der Diskurs über Kultur schon einen wesentlichen Beitrag leisten.

Ingrid Rathner: Ich möchte einen Satz noch sagen, abschließend. Ich möchte sagen, wie wichtig mir – und ich glaube uns – diese Kukusch-Tätigkeit ist und zwar deshalb, weil wir beide immer wieder auch daran glauben, dass die Schule in bestimmten Bereichen veränderbar ist. Zwischendurch zweifeln wir dann wieder daran, aber doch glauben wir, dass es möglich ist, an irgendwelchen Schrauben zu drehen und das tun wir ja auch, das versuchen wir ja auch. Ich schätze es sehr, dass ich diese Möglichkeit habe, in dieser Form für Schule und kulturelle Themen, kulturelle Geschichten, Kultur tätig zu sein. Das ist eine große Chance.

Danke.

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