Christopher Lindinger

Geburtsdatum, Geburtsort?

Christopher Lindinger: 20. April 1977, Hallein.

Du lebst in Linz seit wann?

Christopher Lindinger: Seit 1994.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus?

Christopher Lindinger: Derzeit die stellvertretende Leitung des Ars Electronica Futurelab. Daneben gibt es noch unterschiedliche kulturbezogene Tätigkeiten, die ich im Rahmen der Kreativwirtschaft da und dort in der Welt ausübe.

Mit Linzbezug? Bist du da irgendwo angehängt?

Christopher Lindinger: Immer nur punktuell, immer nur auf Gesprächsbasis. Mit dem Netzwerk Design & Medien gehen jetzt zum Beispiel Gespräche los, vor allem weil es sich nun mit einem Bereich beschäftigt, der uns auch interessiert – Functional Aesthetics, also mit der Frage, wie Materialien neu verwendet werden können. Das ist ein Prozess, bei dem du anders über Design und Designprozesse nachdenken kannst, und das ist etwas, das uns interessiert. Außerdem habe ich noch eine Gastprofessur und einen Lehrauftrag an der Kunstuniversität.

Wie würdest du die eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen?

Christopher Lindinger: Also, was ich mache, ist künstlerisch-wissenschaftliche Forschung und alles, was mit Kreativitäts- und Innovationsmanagement zu tun hat, würde ich mal sagen.

Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an „Kulturstadt Linz“ denkst?

Christopher Lindinger: Ich würde wohl mit Medienkunst und -kultur anfangen – alles auf dieser Ebene. Im Prinzip gibt es für mich diesbezüglich drei grundlegende Aspekte. Es gibt den Mikrokosmos „Medienkunst und -kultur“, der hier in Linz eigentlich recht gut funktioniert. Kleine Schwächen gibt es natürlich überall. Dann etwas, das wichtig ist, wobei ich aber das Gefühl habe, dass es nicht mehr ganz so gut funktioniert, das ist die Freie Szene an sich. Und dann gibt es einen großen Block an Sachen, die ich als vertane Chancen bezeichnen würde. Zum Beispiel wäre es wichtig, in Linz spezielle, eigenständige Themen zu besetzen und diese Themen übergeordnet zu verfolgen. Ein Beispiel: Alles, was um Peter Androsch und das Thema Akustik passiert ist. Da ist es ja nicht nur schade, weil es das nicht gibt, sondern weil die Stadt Linz ein Thema besetzen hätte können, mit dem es sich profilieren hätte können, das potenziell eine Dachmarke geworden wäre. Und vor allem die Sichtbarkeit, die es dadurch bekommen hätte, auch in der Szene. Es ist ein Thema, mit dem sich viele identifizieren könnten. Ich finde es wirklich schlimm, dass das nicht passiert ist, weil das einfach eine gute Chance gewesen wäre.

Und mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten zehn Jahre bist du sonst überhaupt nicht zufrieden?

Christopher Lindinger: Linz09 – da gibt es viele Aspekte, bei denen es Probleme gegeben hat. Doch hier ist es wohl auch sinnlos, darüber zu diskutieren, im Nachhinein ist man immer klüger. Andererseits hat Linz09 schon auch ein gewisses Aufwecken des Interesses, eine gewisse Bewegung in das Publikum gebracht. Aus dieser Perspektive kann ich dem Projekt nicht so viel vorwerfen. Man hätte inhaltlich vieles anders machen können, wie eben in Bezug auf das Thema rund um die Akustik, wo ich finde, es ist fahrlässig, dass das passiert ist, sowohl von der Stadt als auch von Linz09. Es wäre besser gewesen, wenn Linz09 das Gesamtprogramm etwas nachhaltiger oder strategischer angelegt hätte. Es gab zwar Peter Androsch, der das gemacht hat, aber es ist zu wenig strategisch eingebettet worden. Was man sicher an Linz09 erkennen könnte, ist, welches Potenzial solche Dinge haben können. Man sollte jedoch bereits im Vorfeld anders über das Ganze, etwa darüber, wo es Themen und Felder gibt, in denen man sich positionieren kann und in denen sich dann andere finden können. Wenn es keine strategischen Weichen gibt, macht die Politik operativ natürlich alles durcheinandergemischt, weil einfach keine Entscheidungsgrundlage da war.

Gibt es unabhängig von Linz09 irgendwelche Entwicklungen, mit denen du nicht zufrieden bist?

Christopher Lindinger: Nun, dass es oft so viele Versprechungen gibt, die bis zu einer gewissen Grenze hohe Erwartungen wecken, aber am Ende des Tages verpuffen. Und dass wir oft eine Predigt vor Bekehrten zelebrieren, obwohl man mit gewissen Kunst- und Kultursegmenten sicher mehr und neue Leute mobilisieren könnte. Hier bedarf es eines gewissen Umdenkens. Ich meine, alles kann ich natürlich nicht bewerten, aber wenn ich zum Beispiel ins Theater gehe, könnte ich auch sagen, ich bin sehr unglücklich darüber, dass das oft halb leer ist. Selbst bei großartigen Stücken. Die Philip-Glass-Oper, glaube ich, war ja das einzige Stück, wo man fast keine Karten bekommen hat. Und natürlich, es soll inhaltlich noch Nischen-Themen geben, aber auf einer strategischen Ebene würde ich jetzt eher sagen, dass die Schienen, die man versucht zu legen, zu kaum einem sichtbaren Ziel führen, außer für die Bekehrten.

Wenn du die letzten zehn Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, betrachtest: Was lief deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Christopher Lindinger: Ich kann es nur aus der Sicht unseres eigenen Hauses sagen. Das hat sich sehr gut entwickelt. Es ist sehr breit geworden, es ist mit sehr vielen unterschiedlichen Themen besetzt worden, mit denen wir eine gute Sichtbarkeit erreicht haben und wo wir mehr Aktivitäten in unterschiedlichen Bereichen gesetzt haben. Ab und zu gehören die Dinge etwas geschärft und ein paar Sachen gehören von Bord geworfen, aber grundsätzlich stimmt die Richtung schon. Da bin ich ganz zufrieden. Was die Linzer Bauten an sich betrifft bin ich glücklich über das neue Schlossmuseum, weil es zum kulturellen Leben beigetragen hat. Einfach die Tatsache, dass du einen solchen attraktiven Ort hast, der ein Symbol ist und der die Leute schon wegen der Architektur, des Raumes, anzieht, ist gut. Und je näher man die Leute anlockt, desto eher besuchen sie zum Beispiel dann auch das Museum und interessieren sich eventuell auch noch für andere Sachen. Ich finde das Schlossmuseum da sehr einladend, ein schönes Gefühl, wenn man oben ist.

Du hast vorher von vertaner Chance gesprochen, Themen, die nicht besetzt worden sind. Das hat natürlich mit einer kulturellen Profilbildung einer Stadt zu tun. Wenn man den Blick über Linz hinaus wirft: Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck oder zu anderen vergleichbar großen Städten außerhalb von Österreich?

Christopher Lindinger: Ich glaube, international primär mit Medienkunst/Medienkultur und allem, was damit zu tun hat, also auch mit diesem jugendlichen Image, das an und für sich für Innovation steht. Ich glaube aber nicht, dass man das durch ein Haus alleine halten kann. Aber es ist ein Image, das ankommt und das in eine Richtung geht. Wenn man sich im Vergleich Salzburg ansieht: rückwärtsgewandt wird dort gut verkauft, aber Linz kannst du eigentlich nur durch das vorwärtsgewandte Image verkaufen. Und diese Fragestellungen Richtung Zukunft, die gehören natürlich noch viel weiter ausgebaut. Für die Medienkunst und Medienkultur gibt es in diesem Kontext nun eine große Herausforderung, weil sie teilweise nicht mehr so neu und überraschend ist wie in den 1990er-Jahren. Zu einem gewissen Grad ist sie zur Alltagskultur geworden und muss sich darum jetzt wieder neu finden und anders positionieren, um weiterdenken zu können. Ich glaube, dass es in vielen Bereichen sehr viele unbeantwortete Zukunftsfragen gibt. Doch gibt es wirklich keine Städte, die Themenpositionierungen kontrolliert bearbeiten. Wenn du dir die ganzen Projekte ansiehst – ich meine, auf vielen Festivals wird versucht, Themen zukunftsgewandt zu bearbeiten, aber sie haften dann trotzdem immer noch oft an rückwärtigen Sichtweisen des Ganzen. Daneben gibt es Speerspitzen wie das Forum Alpbach, die sich das richtig auf die Fahnen heften, aber es sollte so etwas auch zwischendurch für verschiedenste Themenfelder geben. Ich glaube, so etwas wie das Architekturforum wäre eine totale Notwendigkeit. Die probieren dort, Themen zu besetzen, aber ich glaube, als Stadt müsste man da mehr finanzielle Energie reinstecken, damit all das überhaupt aufblühen kann. So wird eben eine Ausstellung gemacht, aber für eine Profilbildung oder dafür dass die Stadt mit etwas assoziiert wird, braucht es einfach mehr.

Findest du, dass zu viel in den Häusern passiert?

Christopher Lindinger: Ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, es ist immer ganz gut, ein Haus als Symbol einer Gruppe zu haben. Das Akustikon zum Beispiel hätte ich jetzt auch nicht größer gemacht als geplant. Du kannst zwar keine wechselnden Ausstellungen machen, aber grundsätzlich war die Größe gut. Die Frage ist, wie kannst du die Häuser als Plattform verwenden. So wie der Kepler Salon beispielsweise: ein symbolischer Ort, mit dem man Themen verknüpfen kann. Je größer ein Haus, desto problematischer wird auch wieder der Kostenaspekt. Was die Personen betrifft, die Dinge inhaltlich bearbeiten und nach außen tragen – da muss man größer werden, aber es muss nicht sein, dass das Haus selbst größer wird. Deshalb finde ich Häuser nicht schlecht, wenn es Themen gibt. Wenn es keine Themen gibt, sind die Häuser sekundär.

Inwieweit denkst du, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird? Welche geografische Reichweite hat die internationale Wahrnehmung deiner Meinung nach?

Christopher Lindinger: Linz wird ja nicht wirklich als Kulturstadt wahrgenommen. Zumindest wäre mir das noch nie aufgefallen. Es wird natürlich immer als Vorzeigestadt genannt für die Kreativszene, die Creative Class, aber möglicherweise zu unrecht. Man nimmt international wahr, dass die Ars Electronica in Linz ist. Und viele würden sich so etwas wünschen, weil sie glauben, dass das ein Garant für kreativwirtschaftliches Wachstum wäre.

Ist es aber nicht, oder?

Christopher Lindinger: Na ja, wie man bei uns in der Stadt sieht, nicht. Das ist natürlich ein wesentliches Problem und da sollte man fragen: warum funktioniert das eigentlich nicht?

Wie viel braucht es da deiner Meinung nach, jetzt nicht finanzielle Mittel, sondern rund herum? Also eher kleine Initiativen, die immer wieder einbringen können. Wie viel mehr bräuchte es, damit auch diese Verbindungen zur Ars Electronica stimmen?

Christopher Lindinger: Was ich von anderen Städten kenne sind etwa viele interessante Veranstaltungen in Richtung Digital Creatives, die Querverbindungen schaffen, wo mit internationalen Experten und Expertinnen über Projekte diskutiert werden kann. So etwas gibt es in fast allen großen Hauptstädten, aber uns fehlt das noch. In Wien zum Beispiel, da gibt es die SIME. Oder in Schweden gibt es kleine Konferenzen, bei denen lokale und internationale Experten aus einem bestimmten Bereich Vorträge halten und Workshops stattfinden – und das besondere daran ist, dass das alles in Leuchttürmen über die Bühne geht. Und – wie vorhin schon bei der Rolle der Häuser als symbolische Orte angesprochen: weil es diese Leuchttürme gibt, will man da hin. Nach diesen Konferenzen, die ein oder zwei Tage dauern, gibt es meist gute Betreuung, sodass man im kleinen Rahmen gewisse Fragen beantwortet und etwas selbst oder gemeinsam erarbeiten kann. Auch andere infrastrukturelle Maßnahmen wie das BETA Lab gehen in eine gute Richtung, aber ich weiß nicht, ob das in Linz so funktionieren würde, weil es einfach zu viele Leerstände und zu viel Raum gibt. Es ist einfach alles so nahe beieinander, dass es relativ sekundär ist, ob die jetzt in der Gruberstraße oder woanders sind. In anderen Städten, in denen solche Sachen wirklich funktionieren, geht das, weil die Städte groß sind. Aber das Wesentliche ist, dass viele der Vereine, die ja die Trägerorganisationen solcher Konferenzen und Treffen sind, versuchen, Verbindungen herzustellen. Es gibt da z. B. diese vier, fünf ehemalige WU-Studenten aus Wien, die vor drei oder vier Jahren STARTeurope gegründet haben, wo es um Entrepreneurship und junge Unternehmer im Bereich der Kreativwirtschaft geht. Das ist die Organisationseinheit, die jetzt gerade in Wien in diesem Bereich tätig ist. Die machen wahnsinnig gute Projekte, machen irrsinnig gute Veranstaltungen, haben durch ihre Art so viele Sponsorengelder bekommen, dass sie richtig große Veranstaltungen machen können und wirklich etwas zusammenbringen. Oder zum Beispiel die offenen Technologielabore. Markus Wagner, er hat vor einem dreiviertel Jahr in Wien Initial Factor gegründet, auf einer 1.200 qm2 großen Fläche. Er sucht Leute, die im Bereich Web und Web 2.0 coole Projekte machen. Wenn du ein cooles Projekt hast, das ihn interessiert, dann lässt er dich dort sitzen und du kannst mit seiner Infrastruktur arbeiten. Und wenn es ihn dann noch mehr interessiert, dann investiert er finanziell in das Projekt. Ich glaube, mittlerweile sitzen dort 25 Firmen und es funktioniert wirklich gut. Das, was hier fehlt, ist genau diese Schnittstelle zwischen Kunst, Kultur, den Jugendlichen und dann irgendwann dem Berufsleben.

Ich wollte gerade die Frage stellen, ob das an den Bruchlinien liegt, die zwischen Kunst und Kultur und Wissenschaft bestehen. Wenn ich mir das in Linz anschaue, funktioniert das alleine bei der Ars Electronica und dann ist es schon fast vorbei. Die Anbindung an die kleinen Plattformen und Initiativen, das könnte doch durchaus auch von servus.at aus passieren, wenn es größer wäre, oder von Time’s Up, wenn es größer wäre.

Christopher Lindinger: Man muss das ganze mehr aus strategischer Sicht sehen. Ich meine, es ist jetzt diese AEC Solutions gegründet worden, mehr oder weniger ein Bereich, der das Futurelab entlastet. Das ist ein Bereich der Ars Electronica, der eigentlich direkter am Markt operiert. Das ist nicht uninteressant, denn nun sitzt dort ein klassischer ehemaliger Verkäufer, der einen Markt eröffnet, wo wir nie einen Markt gesehen hätten. Und die Projekte sind sehr spannend und vielfältig. Grundsätzlich gibt es diese Plattformen ja schon, wie zum Beispiel servus.at. Über die Jahre hat diese Plattform ein Image bekommen und so wird sie nun wahrgenommen, so wie die meisten die Stadtwerkstatt noch immer im Image der 1980er wahrnehmen. Manchmal liegt es auch an den Personen. Sie sind zwar oft ideal für genau das, was sie machen, aber vielleicht weniger für diese Netzwerkbildung. Ist man nur im Kunst- und Kulturbereich „sozialisiert“, wird man manchmal vom Gefühl verfolgt, man müsse sich ständig um den Futtertrog streiten. Das ist für diese Art von Plattformbildung aber keine ideale Ausgangsbedingung.

Weiter zur nächsten Frage. Gib mir bitte ein kurzes Resümee von Linz09 anhand von drei Punkten.

Christopher Lindinger: Es ist passiert. Es war eine Veranstaltung, die ein Jahr gedauert hat. Es war punktuell interessant, aber es war im Endeffekt nicht viel mehr als eine große Party. Es wurden nicht die Themen besetzt, bei denen ich sage, da ist Linz stark oder da könnte Linz stark werden. Wie gesagt, es war eine Party, aber keine kulturstrategische oder -politische Maßnahme.

Mit dem Begriff Nachhaltigkeit, was bringst du damit in Verbindung? Ist irgendetwas geblieben deiner Meinung nach?

Christopher Lindinger: Die Bevölkerung ist etwas sensibilisierter für Veranstaltungen. Man merkt grundsätzlich an den Zahlen, dass sich das seit Linz09 ein bisschen entwickelt hat. Nicht bei allen Häusern, bei manchen ist es auch punktuell zurückgegangen. Aber bei kleineren Veranstaltungen merkst du schon, dass ein größeres Interesse vorhanden ist. Zum Beispiel haben wir im AEC früher Veranstaltungen am Mittwochabend gemacht und das ist nie gut gegangen. Jetzt haben wir Deep Space Live, gehen damit in eine etwas andere Schiene und werden jeden Donnerstag überrannt, weil so viele Leute kommen. Wir machen jetzt schon mehrere Durchgänge pro Veranstaltung wegen des großen Ansturms. Es ist gigantisch, vor allem wenn du dir die Struktur der Leute anschaust, die das besuchen. Aber das Problem ist die operative Tagespolitik, die einfach keine Basis geschaffen hat, eine mögliche strategische Leitlinie mit nachhaltigem Potenzial zu ziehe. Nachhaltigkeit hat für mich etwas mit einem strategischen, längerfristigen Plan zu tun. Wenn der nicht existiert, bleibt halt ein Nachschwingen, bei dem man dann hofft, dass es möglicht lange schwingt.

Wie schätzt du den Stellenwert von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein? Also den Stellenwert im städtischen Gefüge?

Christopher Lindinger: Das ist schwierig. Traditionskultur oder Volkskultur sind für mich nicht so sichtbar. Es gibt zwar diese klassischen Veranstaltungen – wenn du jetzt auf den Urfahranermarkt gehst, weißt du auch nicht, woher die Leute auf einmal kommen –, aber deswegen kann ich zur Volkskultur auch nicht viel sagen. Es ist natürlich wichtig, eine Traditionskultur zu pflegen, weil es eine identitätsstiftende Maßnahme ist. Aber ich kann das wirklich nicht richtig einschätzen. Im Bereich Subkultur oder Hochkultur stellt sich zuerst einmal die Frage: Was ist Hochkultur? Ich fange da an: die Ars Electronica könnte man auch schon als Hochkultur bezeichnen – setzt man sie in das Verhältnis zu subkulturellen Aktivitäten der Medienkunstszene. Und die Frage ist einfach, wie kannst du diese Grenze nach unten verschieben? Die wirkliche, „klassische“ Hochkultur ist überrepräsentiert für das Ausmaß an Interesse, das sie derzeit erzeugt. Es gibt zu viel Angebot für jene, die hingehen. Das sieht man jedes Mal wieder.

Du hast zuvor angesprochen, ein klassisches Theater wäre …

Christopher Lindinger: Genau, zum Beispiel, oder auch der klassische Konzertbereich. Diese Dinge sind nur punktuell gut besucht, an Wochenenden zum Beispiel. Ansonsten ist der Saal nie wirklich voll. Ich glaube, das hat nur bedingt mit der Programmierung zu tun. Aber in Wahrheit ist eher die Subkultur das Identitätsstiftende für die meisten Leute. Selbst wenn es eine höhere sozioökonomischere Schicht ist, fühlt sie sich in Linz doch eher der Subkultur zugehörig als einer Hochkultur. Die Linzer sind hier einfach anders sozialisiert worden. Aber es ist relativ sekundär, das zu definieren.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachtest: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch Entwicklungspotenzial vorhanden?

Christopher Lindinger: Auf jeden Fall sehe ich Entwicklungspotenzial in der Medienkunst und -kultur, aber außerhalb des Hauses, würde ich mal sagen. Und dort vor allem in Verbindung mit assoziierten Themen. Wir haben ja vorhin davon gesprochen – das Thema Akustik zum Beispiel oder experimentelle Kunstformen. Dadurch gäbe es eine Möglichkeit, dass andere Personen, andere Häuser ein Thema schärfen können, eine Themenprofilierung entwickeln können und trotzdem immer wieder den Link zum Gesamtgefüge haben. Das wäre eine sehr essenzielle Angelegenheit. Medienkunst und -kultur öffnet eigentlich für viele andere Bereiche Anbindungsmöglichkeiten. Ich finde aber, dass es für Linz auch sehr wichtig wäre, sich nicht nur mit Techniken an sich zu beschäftigen, sondern auch mit der Frage, wie du das provokative Element zurückholen kannst. Es geht darum, emotionale und intellektuelle Perspektivenverschiebungen hinzubekommen. Welche Kunstform das dann tut, ist im Endeffekt sekundär.

Und da war Linz schon einmal stärker in diesem übergreifenden, provokativen …

Christopher Lindinger: Genau, da fehlt schon sehr viel. Die Malerei, die jetzt angekauft wird vom Land, die ist doch sehr konservativ, genauso wie die Fotografien. Da gibt es vielleicht zwei bis drei Personen aus Linz, die ab und zu ausstellen dürfen, aber provokant ist etwas anderes. Man kann natürlich nicht nur durch Provokation eine ästhetisch-intellektuelle Perspektivenverschiebung herstellen, aber man muss sich bewusst sein darüber, dass man sie herstellen will. Ich glaube, das ist schon sehr wesentlich. Beim zeitgenössischen Tanz gibt es wiederum Potenzial, aber kaum Publikum. Das ist ein Hauptproblem von zeitgenössischer Kunst. Ich meine, von den Akteuren her gibt es sicher Potenzial. Aber ich glaube, es ist einfach schwierig, da viel neues Publikum herauszubilden.

Ich stelle es mir auch sehr schwierig vor, außer sie schaffen es, sehr schnell Stränge zu schlagen zu anderen Kunstformen, die schon etabliert sind, also Tanz mit Medienkunst in Verbindung zum Beispiel.

Christopher Lindinger: Wir haben das gesehen bei den Performances, die wir gemacht haben. Nicht in erster Linie, weil die Häuser ausverkauft waren, sondern eher, weil die Struktur der Besucher eine andere war. Wir haben uns einige Zeit davor Parzival angesehen und nachher Rheingold visualisiert. Bei Parzival war der altersmäßige Durchschnitt so um die 60 Jahre, bei Rheingold war er um die 30, 35. Man eröffnet dadurch also eine andere Zielgruppe, die man sonst vielleicht nicht erreichen würde. Ich finde auch, dass der zeitgenössische Tanz stellenweise sich dem ungeschulten Publikum schwer erschließt. Die letzten Stücke, die ich gesehen habe, hätte nur jemand verstanden, der sich intensiv mit Tanz auseinandersetzt. Dann verstehst du auch, warum da einer eine dreiviertel Stunde lang dasteht – aber als Betrachter, der Tanz mit etwas Ästhetischem assoziiert, also als nicht tanztheoretisch gebildete Person, ist es etwas schwierig, sich das anzusehen. Da hast du ja eine ganz andere Erwartungshaltung.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen?

Christopher Lindinger: Ich glaube, die Themen Urbanität, Stadt und Stadtentwicklung wären wesentlich. Zum Beispiel in einer Form, in der sich eine Vielzahl der Linzer und Linzerinnen damit auseinandersetzen können, wie sie eine andere Wahrnehmung ihres Lebensraums herstellen können. Eine Stadt ist in der Wahrnehmung der meisten Leute ein Raum, der aus irgendeinem gott- oder politikgegebenen Grund so aussieht wie er aussieht. Man vergisst manchmal, dass man da selber eine Rolle spielen kann. Die Ansicht, dass das meine Stadt ist, wo ich auch etwas verändern kann, ist noch nicht so existent. Mit diesem Meta-Thema, Urbanität, könnte man nun wieder auf unterschiedlichsten Ebenen und aus verschiedenen Perspektiven arbeiten. Ein Beispiel: wenn du irgendwo stehst, dann schaust du dir nicht die Architektur an, sondern bekommst ein Raumgefühl nur durch das Hören. So kannst du ein anderes Bewusstsein schaffen zu genau diesen Fragestellungen. Und wenn du solche Fragestellungen in diesem Themenkontext öffnest, hast du einen ganz anderen Effekt, weil die Leute ja oft genug durch die Stadt gehen. Ein ganz anderes Beispiel ist vielleicht das nextComic-Festival. Ich finde großartig, was da passiert. Man denke nur an das Japan Media Arts Festival in Japan. Das war ja ziemlich „dahingewurstelt“. Dann sind sie drauf gekommen, dass es eine Brücke gibt zwischen Mangas und Computeranimationen. Und jetzt machen sie Mangas, Computeranimationen und interaktive Medienkunst. Dadurch hat das Festival einen ganz anderen Boost bekommen, die Leute ganz woanders abgeholt. Das ist spannend zu sehen und deswegen sind auch Initiativen wie nextComic wichtig, wo es einfach viele Berührungspunkte mit breiteren Themen gibt. Da sind dann Arbeiten, die sind einerseits humorvoll und andererseits kritisch – aber auf einem Niveau, wo du viele junge Leute abholen kannst. Das sind sozusagen Öffner, mit denen du das Publikum dann auch wiederum irgendwohin führen kannst.

Zu den einzelnen Themenbereichen. Inwieweit denkst du, dass Linz für junge Kunst- und Kulturschaffende ausreichende Möglichkeiten zur Betätigung bietet?

Christopher Lindinger: Ich glaube, dass es einfach zu wenig in den unterschiedlichen Bereichen gibt, dass es keine Formate gibt und dass es keine Möglichkeiten in den Häusern gibt, also dass es insofern wirklich vertane Chancen gibt.

In allen Bereichen?

Christopher Lindinger: Nein, aber fast in allen, würde ich sagen. Ich glaube, das fehlende Format stellt immer eine Schwierigkeit dar. Wenn du kein Format hast, dann hängt das immer mit Freundschaften, Seilschaften beziehungsweise persönlichen Interessen zusammen. So besteht dann eben oft die Schwierigkeit, dass du die Projekte von jungen Künstlern und Künstlerinnen einfach nicht sehen kannst. Dieser Punkt ist ja nicht nur für das Publikum wichtig, sondern auch für die Künstler und Künstlerinnen selbst, weil sie dann ein anderes Feedback und andere Reflexionen über ihre eigene Arbeit bekommen. Ich glaube, dass es daher eine große Suche nach solchen Formaten gibt.

Warum zu wenig Formate, glaubst du? Ich sehe es ähnlich, wenn es Formate gibt, dann sind es einzelne Häuser, einzelne Einrichtungen, die ganzen, kleinen Initiativen, aber übergreifende Formate?

Christopher Lindinger: Ja klar, aber das liegt an den Budgetmitteln, die du hast. Wenn ich mir unsere Budgetmittel ansehe, die sind einfach beschränkt. Damit kommen wir einfach nicht aus. Das zweite ist natürlich die Hoheit der Kuratoren – was kann ich inhaltlich vertreten und was mag ich wirklich. Es ist nicht das einfachste, als Kurator solche Öffnungen überhaupt zuzulassen.

Welche Maßnahmen sollte die Stadt treffen, um die Abwanderung von jungem Potenzial in diesem Bereich zu verhindern?

Christopher Lindinger: Ich würde die Szene der Digital Creatives, mit dem überstrapazierten Begriff der Kreativwirtschaft, stärken, aus meiner Perspektive zumindest. Da gibt es noch so viel Potenzial durch die Kinder und Jugendlichen, da muss einfach viel mehr gemacht werden und da versagen einfach viele Häuser. Viele bieten überhaupt nichts an, wodurch Kreativität und Wissen über mögliche Techniken vermittelt wird. Sie sind nicht kompetenzvermittelnd und sie sind nicht kreativitätssfördernd. Die meisten Jugendprogramme, die da angeboten werden, finde ich ziemlich problematisch.

Und was kann die Stadt tun, um verstärkt Kreative anzuziehen?

Christopher Lindinger: Es gibt immer zwei Seiten: die eine sind die Kunden, die andere ist die Szene selbst. In der Szene kannst du selbst etwas machen, die Kunden entwickeln sich auch in eine Richtung und das entwickelt sich dann zu einem gewissen Grad automatisch gemeinsam weiter. Ich glaube, das ist sehr innovationslastig. Alleine dieses Wort Innovation hat ja sehr viele Unternehmen in diese Richtung getrieben, selbst wenn sie aus anderen Bereichen kommen. Ich glaube schon, dass dieser Spirit, den die Stadt jetzt hat, dieser Aufbruchs-Spirit, sehr viele Unternehmen angezogen und hergebracht hat, sehr viele Unternehmen zum Umdenken bewegt hat. Ich glaube, da kann die Stadtpolitik nicht so viel machen, sie kann Imagepflege machen und sie kann Raum schaffen, in dem es attraktiv zu leben ist und wo du dich austauschen kannst. Die Abwanderung ist ein großes Problem in diesem Bereich.

Was würdest du dir in diesem Zusammenhang von den Bildungseinrichtungen, insbesondere den Universitäten, wünschen?

Christopher Lindinger: An den Universitäten gibt es zum Beispiel diese Monokultur, die extrem problematisch ist, vor allem in den Fragestellungen, die man gegenwärtig in allen Disziplinen hat. In meiner Disziplin, die traditionell nur technologiezentriert ist, geht es seit Facebook und Apple eher in Richtung menschzentriert. Da spielen dann plötzlich andere Fragestellungen mit und du kannst es dir eigentlich gar nicht mehr leisten, keine Geisteswissenschaftler im Team zu haben und keine kontextuellen Fragestellungen um die Technologie, etwa zu Technologiefolgen, aus der Technik-Soziologie oder der Mediensoziologie zu haben. Da bemühen sich auch schon viele, dass es bessere Strukturen für diese Interdisziplinarität gibt. Ich merke auch, dass unsere Kooperationen mit der Johannes Kepler Universität primär mit dem Institut für Psychologie und Pädagogik stattfinden.

Technologische Institute?

Christopher Lindinger: Nein, eigentlich gar nicht. Wir haben an der Johannes Kepler Universität nur Kooperationen mit dem Institut für Pädagogik und Psychologie. Es muss aber trotzdem noch mehr geben in diese Richtung. Die JKU beginnt ja jetzt mit dem neuen Studiengang Websciences, der neben einer technologischen Sicht auch diese soziale Perspektive vermitteln soll. Aber wenn du dir dann ansiehst, wie das wirklich in der Lehre umgesetzt wird und wie wenig Schnittstellen es dann real zwischen den Disziplinen gibt, dann bemerkst du, dass gar nicht die richtigen Fragen gestellt werden. Es geht ja im Endeffekt nicht darum, zu überprüfen, wie geht Twitter und wie funktioniert Facebook, sondern es geht darum, neue Technologien zu verändern und nach vorne gewandte Innovationsprozesse zu begleiten. Es wäre intelligenter, eine Schwerpunktsetzung in diese Richtung zu machen. Bei anderen Universitäten weiß ich jetzt nicht wirklich, was dort passiert.

Zweiter Themenbereich. Wie schätzt du die Situation der Kreativwirtschaft in Linz derzeit ein? Da geht es mir eher um die Rahmenbedingungen, Netzwerke und Plattformen die es gibt.

Christopher Lindinger: Die Situation der Netzwerke und Plattformen ist suboptimal. Es gibt sie, aber sie können nicht mit Leben gefüllt werden, weil die Leute parteipolitische Interessen haben oder weil die Grundfinanzierung nicht gegeben ist. Dann verhungert auch so etwas wie das Designforum mit der Zeit, obwohl die Energie da ist. Und dann gibt es diese Pflänzchen wie das Architekturforum.

Und von der städtischen Seite oder von Landesseite her? Die Kreativwirtschaft-GesmbH, die eingerichtet wurde.

Christopher Lindinger: Das ist bis dato eher traurig. Ich gehe fleißig zu allen Veranstaltungen, weil es mich interessiert und da gibt es außer den Referenten, dem Büro von Stadträtin Wegscheider und drei bis vier Designern, die immer hingehen, so gut wie kein Publikum. Das Interesse ist endend wollend. Da hat es sogar eine Befragung gegeben vom Institut für Unternehmensgründung, bei der auch das Problem war, dass niemand mitgemacht hat. Es gibt eine Grundhaltung, dass sich viele wehren, wenn sie von der Stadt kommen. Die Kreativwirtschaft in Linz ist nicht mehr existent und ich sage das auch aufgrund der Entwicklungszahlen, die in Linz anders aussehen als in Graz, Wien oder Salzburg. Ich glaube, Linz war diesbezüglich immer zu selbstsicher und hat jetzt schon viel verschlafen. Daher haben wir in der Kreativwirtschaft kaum mehr eine Entwicklung. Das einzige, das um 500 Prozent gewachsen ist, sind die politischen Netzwerke zur Kreativwirtschaft. Ich glaube, dass das Thema zwar erkannt worden ist, aber dass nie jemand den Mut, die Energie auf sich genommen hat, die eigentliche Mechanik dieses Systems also wie es im Inneren tickt, zu verstehen. Die Arithmetik der Kreativwirtschaft hat keiner wirklich verstanden, weil sie auch keiner angesehen hat. Dadurch hat man das gemacht, was beim Mechatronik-Cluster ganz gut funktioniert hat: ein Netzwerk gebildet und darauf gehofft, dass die anderen dann ohnehin kommen, weil es von der Wirtschaftskammer kommt. Die Mechanik ist in Wahrheit aber eine andere. Du musst nicht Kreativwirtschaft fördern, du musst nicht den Wirtschaftsteil fördern, sondern du musst die Kreativität fördern. Und du musst schauen, dass diejenigen, die in diesem Feld sozusagen ihre ersten Schritte machen, bestärkt und unterstützt werden. Es kommt wohl darauf an, wer die Leitung der Kreativwirtschaft-GesmbH bekommt. Ich hoffe, dass das jemand ist, der Ahnung davon hat. Anderenfalls wird es keine Entwicklung in der Kreativwirtschaft geben.

Fallen dir noch Maßnahmen ein, die gesetzt werden sollten?

Christopher Lindinger: Es gibt gewisse Gruppen, denen man die Themenherrschaft übertragen sollte, den wirklich Engagierten. Wenn das Designforum oder das architekturforum das Geld bekommen würde, das jetzt das Netzwerk Design & Medien bekommt, dann kannst du schon ein Grundvertrauen haben, dass sie ihre Themen finden werden. Ich finde, dass die Themen, die das architekturforum bearbeitet, großartig sind, und das gleiche gilt auch für das Designforum, obwohl das natürlich in eine andere Richtung geht. Beim architekturforum geht es noch mehr um inhaltliche Fragestellungen. Wenn so eine Institution dann reif ist, darf sie aber eben nicht einfach hängengelassen werden.

Jedes Projekt, das gemacht wird, wird derzeit von einem Gremium vorgeschlagen, aber es muss alles politisch abgestimmt werden. Das ist katastrophal. Auch wenn man sich die Summen ansieht, ist das lächerlich. Da muss man sich nur ansehen, was Graz ausgibt oder was Innsbruck ausgibt – Graz sogar bei dieser finanziellen Situation. Die haben zwar jetzt gebüßt, aber sie haben es geschafft, UNESCO Designhauptstadt zu werden. Spätestens jetzt wird sich die Stadt Linz die UNESCO-Seite ansehen und sehen, dass es eine Bewerbungsmöglichkeit zur UNESCO City of Media Art gibt. Und da kann ich mir schon denken, was wir nächstes Jahr zu schreiben haben.

Im alten Kulturentwicklungsplan sind „Neue Medien und Technologien“ als einer der Hauptschwerpunkte der kulturellen Entwicklung festgeschrieben. Inwieweit ist deiner Meinung nach die Stadt Linz diesem Schwerpunkt gerecht geworden?

Christopher Lindinger: Ich würde sagen, die Ars Electronica als handelnde, juristische Person ist diesem Schwerpunkt schon gerecht geworden. Aber die Stadt selbst hat viel zu wenig getan. Ich finde auch, dass viele Personen und Institutionen, die vor Linz09 sehr aktiv in diesem Bereich waren, jetzt eher ruhig geworden sind. Man darf sich aber nicht immer nur darauf verlassen, dass es ja die Ars Electronica gibt, die sich ohnehin um dieses Thema kümmert.

Wo liegen die Stärken im Bereich „Neue Medien“ in Linz?

Christopher Lindinger: Ich glaube, eine der Stärken ist, dass es eine irrsinnig starke Plattform gibt, über die du als Künstler oder Künstlerin sehr schnell sehr viel Sichtbarkeit bekommen kannst, wo du auch viel siehst und diskutieren kannst, und wo du dir Inspirationen holen kannst. Und natürlich gibt es dann auch Ausbildungsschienen, die das unterstützen. Aber darüber hinaus?

Wenn man den Medienbegriff weiter fasst, dann sind wir auch bei nichtdigitalen Medien. Es gibt ja Initiativen, welche die Stadt jetzt gestartet hat. Außerdem gibt es schon länger private Initiativen, von Radio FRO bis hin zu dorf tv. Von der Stadt gibt es den Wissensturm, dort die Medienwerkstatt. Wie bewertest du das? Trifft das, das was du vorher gesagt hast, dass es zu wenig ist, für die Stadt im Bereich der Neuen Medien auch zu?

Christopher Lindinger: Ich muss ehrlich gestehen, ich habe da eine andere Begrifflichkeit. Aber dorf tv und Radio FRO schaffen es schon, gewisse Themen aufzugreifen und Leute aus einem gewissen Segment zu ziehen. Man merkt, durch die Akteure, die es gibt und durch die Akteure, die andere Akteure ansprechen, dass es eine gewisse Profilbildung gibt. Ich glaube, dass diese Projekte aber unterfinanziert sind. Wenn du ein paar Grundformate hättest, die einfach wiederkehrend sind und du dazwischen den user generated content spielst, dann würde es vielleicht mehr gesehen werden, dann hätte es mehr Aufmerksamkeit. Aber ich glaube, das ist schlichtweg nicht finanzierbar und es ist ähnlich bei Radio FRO, wobei es da noch leichter geht. Wenn so etwas die Stadt selbst anzettelt, gibt es halt das Problem, dass diese Projekte meist weit weg sind von der eigentlichen Medienkultur. Also es ist sehr weit weg von dem, was Kinder und Jugendliche heute alles mit ihren Handykameras machen, wie sie ihre Videos schneiden.

Was wäre dein Vorschlag?

Christopher Lindinger: Einfach mehr zu dieser Basis zurückzukommen, mehr in die Richtung der digitalen Kreativität in Jugendzentren gehen und so weiter. Oder auch in Schulen zu gehen, aber dann eben mit einer neuen Zielsetzung. Die Zielsetzung sollte nicht sein, das Tool an sich zu lernen. An der Universität habe ich mir zum Beispiel ein paar Vorlesungen zur Mediengestaltung angehört. Da wird den Leuten ein Semester lang erklärt, wie Adobe After Effects funktioniert, polemisch gesagt. In Wahrheit geht es aber darum, zu sagen: „Machen wir was!“ Und wenn die Ideen da sind, zeigt man, welche Technik benutzt werden kann. So kommt man schneller zu Ergebnissen. In einem Jugendzentrum hast du zusätzlich noch die Herausforderung durch ein sehr großes Konkurrenzangebot, zum Beispiel der Ball, der draußen im Hof liegt. Da musst du als Lehrender einfach einen anderen Zugang, eine andere Vermittlungsstrategie finden. Aber nicht gerade so wie in der Medienwerkstatt. Es ist natürlich wichtig, dass es die gibt, genauso wie es wichtig ist, dass es die Volkshochschule gibt, nur glaube ich weniger, dass sie einen wesentlichen Beitrag für unsere Jugendkultur leistet. Ab einer gewissen Altersgruppe ist es auf jeden Fall ein wichtiges Ding, keine Frage. Du brauchst eben gewisse Grundinfrastrukturen und gewisse Interessenslagen. Aber bei den Jugendzentren, da wollen die meisten ja zum Beispiel ein Video auf Youtube stellen und wissen nicht genau, wie das geht. Wenn du ihnen zwei oder drei ganz einfache Bildschnitttechniken zeigst, dann machen sie die coolsten Skater-Videos. Auf so eine Art könnte man sicher etwas erreichen.

Letzte Frage. Inwieweit ist dir die „Open Commons“-Initiative der Stadt Linz bekannt? Wie schätzt du die Beteiligungsmöglichkeiten für Kunst- und Kultureinrichtungen an dieser Initiative ein?

Christopher Lindinger: Grundsätzlich ist es gut, ein Prinzip zu haben, bei dem du offene Software verwendest. Die Kehrseite des Ganzen ist, dass diese offene Software sehr fokussiert in gewissen Bereichen eingesetzt wird. Wenn ich jetzt ein Jugendlicher in Linz wäre und Videoschnitt machen würde, dann könnte mir sicher niemand von denen erzählen, wie ich das machen kann mit offener Software. HTTP und FTP – auf diesem Niveau läuft das eher ab. Die kümmern sich zu sehr um serverseitige Dinge, jeder braucht seinen Webspace etc. Ich glaube, es wäre interessanter, wenn die Stadt zum Beispiel Software-Pakete anbieten würde, mit denen ich etwas produzieren kann. Es ist zwar ein schönes Ziel, dass jeder Linzer das Recht auf einen Webspace hat, aber in Wahrheit braucht das heutzutage niemand mehr. Wenn du da eine Schnittstelle bietest, wie du das machen kannst und wenn du in Schulungen und Ausbildungsprogramme investierst, ist glaube ich viel mehr drinnen. Und ich glaube, dass das Offene, dem sie da nachlaufen, schon lange nicht mehr existiert. Auch zum Beispiel, wenn ich mir jetzt ansehe, wenn Jugendliche und Kinder zu uns kommen, die zum Beispiel ein Video schneiden wollen und sagen, ihre Mutter hat einen Computer daheim und das ist total interessant, dass Microsoft für SchülerInnen in ganz Österreich gratis Lizenzen anbietet. Du musst dich nur registrieren auf diesen Webseiten und dann bekommst du Lizenzen kostenlos und von Windows gibt es natürlich diese Sachen und da kannst du keinem Kind oder Jugendlichen, außer er ist ein Supernerd, Linux reindrücken, mit einem guten Gewissen, weil du weißt, er wird daran scheitern und es nicht können. Und da wird das schon richtig … ich habe da schon so das Gefühl, dass das schon mehr als Religion angesehen wird und die Pragmatik aus dem Auge gelassen wird.

Das zweite große Schlagwort ist eben Creative oder Open Commons. Diese Initiative gibt es auch von der Stadt, wo Vereinen die Möglichkeit nahe gelegt wird, unter Creative-Commons-Lizenz ihre Werke zur Verfügung stellen. Da gibt es dann die Möglichkeit, zehn Prozent mehr an Förderung zu erhalten. Was hast du von dem schon mitbekommen?

Christopher Lindinger: Also das ist natürlich ein schöner Ansatz. Ich glaube, dass man sich aber Gedanken machen sollte, was das für die Künstler heißt und was das dann wieder für das Einkommen bedeutet. Ich finde, es ist ein Problem, wenn es dann irgendein Geschäftsmodell gibt … weil wenn irgendwer etwas auf MySpace hochlädt, der geht eh schon davon aus, dass das Creative Commons ist und da liegt viel in solchen Dingen. Deshalb glaube ich, das ist mehr eine „Augenauswischerei“, das ist ja schön, dass wir das machen. Natürlich wäre es schön, wenn das jetzt so ist wie bei FWF-Förderungen, dass alle Daten, die du erhebst, frei sind für die anderen. So eine Kultur wäre natürlich gut, aber natürlich muss ich mir da ansehen, wie das wirklich funktioniert. Deshalb kann ich jetzt nicht von vornherein sagen, das ist gut. Wenn jetzt zum Beispiel die Stadtwerkstatt ihre Konzerte aufzeichnet und dafür zehn Prozent mehr Förderung bekommt, aber dafür keiner mehr spielen kann, weil er es nicht mehr verkaufen kann, ich meine was ist dann? Darum müsste man da ein paar konkrete Situationen durchspielen und sehen was es zu bedeuten hat. Es ist ja eine Schwierigkeit, die Lizenzen. Der Musiker hat ja jetzt durch die ganzen Distributionswege ganz andere Möglichkeiten, weil die Lizenzen sind ja bei ihm. Er verdient jetzt nicht mehr, er hat nur mehr Kanäle. Früher haben die Musiker gleich viel verdient und die Plattenkonzerne haben voll abgecashed und jetzt gibt es mehr Distributionswege. Für den Musiker selbst bleibt gleich viel übrig, aber wenn er jetzt überhaupt keine Rechte mehr hat an dem Ganzen, dann hat er ein Problem. Ich weiß jetzt nicht … für ein paar Institutionen ist das relativ egal, aber wenn jetzt alles unter Creative Commons steht, was ich schreibe …

Wir sind am Ende des Interviews angelangt. Willst du noch etwas Wichtiges mitteilen?

Christopher Lindinger: Nein.

Danke für das Interview.

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