Christoph Weidinger

Zu deiner Person, Geburtsdatum und Geburtsort?

Christoph Weidinger: 28. Jänner 1970, Geburtsort Linz.

Und du lebst seit wann in Linz?

Christoph Weidinger: Seit jetzt mittlerweile vier Jahren.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten übst du derzeit aus?

Christoph Weidinger: Eigentlich mehrere Tätigkeiten, das eine ist Obmann vom architekturforum oberösterreich, dann eine kleine Künstlerinitiative, also Cross-Over-Bereich, das ist kiosque, da geht es um ein mobiles Einsatzfahrzeug, mit dem wir prägnante oder präsente Orte einer Stadt oder des Umlandes anfahren werden. Das ist eine relativ frisch gegründete Initiative, die heuer starten wird. Dann Pixelhotel, das ist ein laufendes Projekt, wobei wir uns jetzt mehr oder weniger aus dem operativen Betrieb ausgeklinkt haben und nur mehr Marketing, Organisation und das Weiterbetreiben möglicherweise in anderen Städten machen.

Und kunst- und kulturbezogen ist sicher auch deine Aktivität im Rahmen von any:time als Architekt.

Christoph Weidinger: Als die berufliche Auseinandersetzung mit Bauen natürlich.

Wie würdest du deine eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen?

Christoph Weidinger: Meine eigene Tätigkeit ist eigentlich Formen entwickeln, transformieren und … Formen jetzt nicht nur rein physisch, sondern auch Formen von Kommunikation, Formen von Netzwerken.

Wenn man dich als Architekt bezeichnet ist das in Ordnung. Oder würdest du sagen, das ist … würdest du eher Formenentwickler bevorzugen?

Christoph Weidinger: Nein, passt schon, Architekt ist griffiger. [lacht]

Gut, zur Einrichtung, mit Fokus auf kiosque, any:time als Zweites und Pixelhotel eventuell als Drittes. Gründungsjahre der Einrichtungen?

Christoph Weidinger: Also ich würde da jetzt eher umgedreht anfangen, also eigentlich mit dem Beruf, mit any:time, Gründung 2004, und seitdem in dem Bereich tätig in Kooperation mit zwei Kollegen, mit denen wir halt in den unterschiedlichsten Bereichen von – quer durch den Gemüsegarten – Planungen machen, von Innenraumgestaltung, Ausstellungsdesign bis hin zu Schulbauten, Umbauten, Sanierungen, Neubauten. Dann Pixelhotel, das war 2007, weil das hat in der Projektphase, in der Frühphase von Linz09 schon angefangen. Und kiosque hat jetzt begonnen mit 2010.

Welche Zielgruppen werden durch die Arbeit besonders angesprochen, wenn man das kurz durchgeht?

Christoph Weidinger: Die Zielgruppen sind unterschiedlich. Vom Beruf für Architektur natürlich die Klienten, die eine Bauaufgabe haben, im Bereich von kiosque eigentlich Architektur- und Stadtinteressierte oder am Lebensumraum interessierte Personen. Pixelhotel ist ganz eine klare Geschichte: die Stadttouristen und die Personen, die alternative Nächtigungsmöglichkeiten suchen, unmittelbar im Alltag der Stadt.

Auf welchen geografischen Wirkungsbereich zielt deine Arbeit in erster Linie ab, würdest du sagen?

Christoph Weidinger: Eigentlich auf Oberösterreich, den Zentralraum und dann von der Architektur her sporadisch auch in anderen Bundesländern, also Österreichweit. Bei Pixelhotel ist es … wenn man sagt, von dem wie es rezipiert wird oder wo es bekannt wird, ist es eigentlich ein internationales Projekt, wenn man sich diese Pressemeldungen und Rückfragen anschaut, und sonst, so der Hauptschwerpunkt ist eigentlich europäischer Bereich, wobei wir aufgrund der Anfragen bzw. Projektentwicklungen auch momentan in den israelischen Raum exportieren werden.

In welchen künstlerischen Disziplinen oder kulturellen Arbeitsfeldern ist die Einrichtung hauptsächlich tätig?

Christoph Weidinger: any:time ist relativ klar, Architektur. kiosque ist eigentlich tätig in … also es sind zwei Schienen, das eine ist ein experimentelles Feld, wo es darum geht Orte zu entdecken, zu erforschen und diese dann durch performative Interventionen einem interessierten Publikum näher zu bringen. Und Pixelhotel ist eigentlich auch eine relativ klare Geschichte.

Gibt es in Bezug auf die vorhandene räumliche und/oder technische Infrastruktur aktuell einen Handlungsbedarf, d. h. irgendeinen Wunsch nach qualitativer oder quantitativer Erweiterung?

Christoph Weidinger: Eher qualitative Erweiterungen, weil ich denke mir, Raum wäre spannend, dort wo man noch nicht geborene Gedanken entwickeln kann bzw. dann auch ein Experimentierfeld hat, wie man in größeren, anderen Gruppierungen oder Netzwerken dann zusammenarbeiten kann, also so wie ein kreativ … unter dem Schlagwort Kreativ-Cluster irgendwie arbeiten kann.

Und das ist lokalisiert dann oder eher etwas Virtuelles?

Christoph Weidinger: Das kann beides sein. Weil ich denke, dass ist nicht nur … es muss irgendwo einmal einen Lokalisierungspunkt geben, um von dort los zu starten, und dann kann es sich sowieso ausbreiten in die virtuelle Welt.

Ganz kurz noch zwei Fragen, die mit Arbeit, Arbeitsverhältnissen zu tun haben. Wie viele Personen waren in diesen drei Einrichtungen, wenn man sie der Reihe nach durchgeht, mit Stand 1. Jänner 2011 insgesamt beschäftigt und in welchem Arbeitsverhältnis, also Vollzeit, Teilzeit, freie Dienstverhältnisse haben sich die Personen befunden?

Christoph Weidinger: Im Architekturbüro sind wir drei Personen, Vollzeit, und in einem freien Dienstverhältnis eigentlich untereinander. Beim Pixelhotel ist es so, dass wir als Projektinitiatoren jetzt mehr oder weniger vier Personen sind, die sporadisch sich treffen und dann gibt es halt den ausgelagerten Betrieb, da weiß ich jetzt nicht, wie viele Leute beim Hotel Kolping arbeiten. kiosque ist eine lose Verbindung, als Verein organisiert, und da sind wir jetzt acht Personen, alles freie Dienstverhältnisse.

Wenn man einen durchschnittlichen Arbeitsmonat oder ein typisches Projekt sich ansieht: wie viele Personen sind schätzungsweise für diese drei Einrichtungen, Initiativen auf freiwilliger Basis tätig? Also ehrenamtliches Engagement?

Christoph Weidinger: Beim Pixelhotel sind jetzt wir zu viert ehrenamtlich tätig als Initiatoren und auch beim kiosque in dieser Start- und Entwicklungsphase alle ehrenamtlich unterwegs.

Bei any:time gibt es das ja nicht, dass irgendwo einmal ein Projekt gestartet wird wo ehrenamtlich …

Christoph Weidinger: Doch, auf Risiko. Es gibt Projekte, wo von vorne herein nicht klar ist, wie das ausgehen wird und wo man gewisses Risikokapital in die Hand nimmt und sagt, man investiert Zeit in einem überschaubaren Rahmen und wenn das Projekt etwas wird, gibt es dann die Honorierung erst dafür. Also wo das geteilte Risiko halbes Risiko ist, auch mit dem Development.

Ok, das war der erste Block. Dann zum Hauptblock. Da steigen wir jetzt in das Inhaltliche ein, zuerst geht es um die kulturelle Entwicklung, Situation und Zukunft von Linz. Zu Beginn ein kurzes Assoziationsspiel. Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an „Kulturstadt Linz“ denkst?

Christoph Weidinger: Begriffe … spontan ist es immer schwierig … Begriffe eigentlich, rebellisch, nonkonform, institutionell, teilweise langsam, also so diese Gegensätzlichkeiten, also zwei verschiedene Welten. Dann, sehr interdisziplinär, über den Tellerrand schauend.

Wenn man sich die letzten 10 Jahre anschaut, also die Jahre 2000, ab der Jahrtausendwende, was ist deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz gelaufen?

Christoph Weidinger: Dieses verstärkte Internationalisieren mit den Festivals, jetzt in den unterschiedlichsten Bereichen, eh schon den … eigentlich den Klassiker, das Festival Ars Electronica. Dann Festivals, die dazugekommen sind wie Shakespeare, wie Crossing Europe, die auch eine qualitative, inhaltliche Kulturarbeit in ihrem Fokus für die Stadt geleistet haben und einen Aufbruch nicht nur regional sondern auch international damit bewirkt haben.

Also Internationalisierung. Was ist sonst noch deiner Meinung nach besonders gut gelaufen? Gibt es noch etwas?

Christoph Weidinger: Gut gelaufen ist auch, dass die Netzwerke einfach dichter werden, dass auch die einzelnen Häuser und Institutionen zusammenrücken und miteinander versuchen, Kulturarbeit zu leisten.

Und auf der anderen Seite, mit welchen kulturellen Entwicklungen in den letzten 10 Jahren bist du überhaupt nicht zufrieden?

Christoph Weidinger: Eigentlich ein paar Bereiche, die eher in den Mainstream gehen, also mehr oder weniger Rückschritte, die vereinzelt ein paar Häuser gemacht haben, wo es vermehrt nur noch um die Quote geht und nicht mehr um die Qualität. Dass man sich da ganz stark diesem Diktum aussetzt, dass man Besucherzahlen liefern muss, und das aber eigentlich meiner Meinung nach das Verkehrte ist für Kulturarbeit.

Sonst noch irgendwelche Entwicklungen in den letzten 10 Jahren, mit denen du nicht zufrieden bist?

Christoph Weidinger: Eigentlich diese Situation, dass sich auf der politischen Ebene die Kommunikation für Kulturarbeit nicht verbessert hat, sondern es immer komplizierter wird, Projekte durchzubringen, wo man von der gegenüberliegenden Seite keine Risikobereitschaft erkennt.

Ich wollte gerade fragen, was denkst du woran das liegt, an fehlendem Mut, fehlender Risikobereitschaft?

Christoph Weidinger: Ja, Mut, Risikobereitschaft, und vielleicht auch die Angst vor dem, dass man etwas falsch machen kann. Und dabei ist es ja gerade das, man lernt aus Fehlern.

Wenn man sich vergleichbare Städte anschaut, wie Graz, Salzburg oder Innsbruck, womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten?

Christoph Weidinger: Mit dem, dass es keine wirkliche Tradition in der Kulturarbeit gibt. Dass es für Alles eigentlich Neues offen sein sollte und auch teilweise ist, und dadurch dann relativ schnell Dinge – das ist ein bisschen schizophren – möglich sind, die einerseits von den Akteuren abhängig sind und andererseits aber auch von dem, welche Möglichkeiten einem die Stadt gibt, also als Raum ermöglicht, weil man eigentlich auf nichts mehr oder weniger oder auf wenig Rücksicht nehmen muss, wenn man ein Projekt initiiert, weil es ja keine Tradition gibt.

Würdest du sagen, dass eine gewisse Tradition schon erkennbar ist in bestimmten Bereichen oder gibt es überhaupt keine Tradition?

Christoph Weidinger: Ich denke mir, Tradition ist sicherlich, wenn man wieder das Ars-Festival nimmt, erkennbar. Das Festival läuft immer unter den selben Strukturen und Abläufen ab, ist immer zur gleichen Zeit, was auch wichtig ist, auch um diese Regelmäßigkeit in die Köpfe hineinzubringen. Ja und sonst, was ist da noch? Es ist durch ein paar Sachen die traditionell … also wenn man sagt, Tradition haben, jetzt in einem anderen Bereich der Kulturarbeit, das sind dann gewisse Spektakel und Festivals, die eigentlich auch zur Kultur mitgezählt werden, aber grundsätzlich nicht diese wirklich tiefe Auseinandersetzung in kultureller Hinsicht haben, sondern eher diese Mainstream-Geschichten unterstützen. Die punkten natürlich auch wieder leichter. Genau das, was ich vorher gemeint habe, die ganz klar auf Quote gehen und nicht auf Qualität.

Inwieweit denkst du eigentlich, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird?

Christoph Weidinger: Das ist eine schwierige Frage, weil die Stadt ist sicherlich jetzt aufgrund des Kulturhauptstadtjahrs 2009 mehr in den Fokus gerückt, also international in der Wahrnehmung, ist aber trotzdem, wenn man sich so ein bisschen umhört … also so ist meine Wahrnehmung, Linz wird immer nur verbunden mit Klangwolke, Ars-Festival und das war es eigentlich schon wieder, und ein bisschen halt, das hat dann mit Kultur wenig zu tun, mit den Industriebetrieben, die in der Stadt sind.

Welche geografische Reichweite, würdest du sagen, hat die internationale Wahrnehmung, wenn man schon von Kulturstadt Linz sprechen will?

Christoph Weidinger: Hat sicherlich im deutschsprachigen Raum aufgrund der Sprachlichkeit Bekanntheit, und dann natürlich auch, international, denke ich schon von Amerika bis Japan, aber auch dann nur unter speziellen Fokussen und Kulturbereichen.

Du hast schon angesprochen, international sicher durch Kulturhauptstadt 09 mehr in den Fokus geraten. Beschreib bitte kurz dein Resümee von Linz09 anhand von höchstens drei Punkten.

Christoph Weidinger: Aufbruchstimmung, Neugierde für etwas Neues, viele Hürden und dann als Ergebnis, wie das Jahr vorbei war eigentlich, wie sagt man da richtig … Stagnation.

Wieso Stagnation glaubst du?

Christoph Weidinger: Weil man dieses Öffnen, was ich vorher einmal gesagt habe, der politischen Köpfe nicht irgendwie geschafft hat, das Kulturarbeit und die Auseinandersetzung mit Kultur – sei es jetzt regional oder international – etwas Wichtiges ist für eine Stadt wie Linz, die so eine Mittelstadt ist und die eigentlich für den Städtewettbewerb ein wesentliches Instrument ist, wie man auch internationale Firmen an eine Stadt binden kann. Weil die suchen ihre Standorte nach Lebensqualitäten aus, wo ihre Mitarbeiter gut wohnen können, gute Schulausbildung für die Kinder bekommen und und und.

Wie schätzt du das Verhältnis von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein?

Christoph Weidinger: In meiner Wahrnehmung habe ich eigentlich auch die … oder in meinem Radar ist eigentlich die Volkskultur kaum, ist sicherlich vorhanden, aber nehme ich relativ wenig wahr, außer wenn man sagen kann, das Linzfest gehört dazu und das Krone-Fest, dann ist es halt noch unter diesen Bereichen einordenbar. Die Hochkultur ist natürlich schon stark vorhanden, hat auch ihre Schwierigkeiten. Und dann, wo ich mir auch denke, was sehr gut funktioniert, ist die Subkultur, und die hat für mich, vielleicht weil wir vorher ein bisschen über Traditionen auch gesprochen haben, schon eine gewisse Tradition in der Stadt aufgrund dieses Rebellentums, eben auch so aus dieser Ära der Stahlstadt heraus.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen ansiehst, Malerei, Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie, was es auch immer ist, künstlerische Disziplinen. Wo würdest du meinen, dass in der Stadt Entwicklungspotenzial vorhanden ist? Besonderes Entwicklungspotenzial.

Christoph Weidinger: Ich glaube, dass ein sehr großes Potenzial im Tanz liegt, auch in der Fotografie, weil es gibt sehr viele gute Fotografen und Fotografinnen in der Stadt, die nicht wirklich wahrgenommen werden, aber wirklich gute Qualität produzieren. Film wäre auch ein Potenzial aufgrund dessen, dass es ja die Kunstuniversität gibt in der Stadt und die sich auch sehr stark damit beschäftigt, vor allem auch im Experimentalfilm. Design könnte man auch noch sagen, Industriedesign, weil die sind so versteckt, Produktdesign.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen? Bitte mit kurzer Begründung.

Christoph Weidinger: Das ist einmal das Musiktheater in mehreren Bereichen, einerseits in der Programmierung und andererseits auch in der Finanzierung. Und dann auch, denke ich, Bereiche der Subkultur, bei denen, sei es jetzt wie ich vorher schon gesagt habe, das größte Potenzial eigentlich liegen würde beim Tanz, es aber schwierig ist, da wirklich die Akteure und Akteurinnen irgendwie auch zu bündeln und denen Raum zu geben. Dann als drittes auch die … das ist aber eher eine Vermischung und nicht eine einzelne Disziplin, die jungen Kunstschaffenden der Stadt, die aufgrund der Ausbildung in der Stadt sich auseinandersetzen und dann in andere Städte abwandern, also dieses kreative, sogenannte kritisch-kreative Potenzial, das jede Stadt benötigt … man nicht schafft oder das müsste man eigentlich schaffen in Zukunft, an die Stadt zu binden.

Zu den einzelnen Themenbereichen. Zuerst zu Interkulturalität/Migration/Integration. Wie schätzt du aus deiner Perspektive, unabhängig vom Einblick, die Entwicklung der migrantischen Kulturarbeit in Linz in den letzten 10 Jahren ein?

Christoph Weidinger: Ich glaube, dass sie sich sicherlich gebessert hat, aber man kann nicht sagen, dass sie erfolgreich ist oder sich ein gutes Modell entwickelt hat bis jetzt. Ich denke, es ist noch in den Startlöchern, weil es erst jetzt so wirklich in die Diskussionen in den unterschiedlichsten Fachdisziplinen reinkommt: Wie geht man damit um? Wie schafft man das? Was ist wirkliche Integration und was ist es nicht? Oder ist das überhaupt das richtige Wort? Müsste man nicht andere Begrifflichkeiten finden, um einfach nicht dieses schon im Begriff Trennende wegzuhaben.

Was denkst du mit welchen besonderen Problemen sind MigrantInnen im Kunst- und Kulturbereich deiner Meinung nach in Linz konfrontiert?

Christoph Weidinger: Einerseits sicherlich mit Sprachbarrieren und auch den Zugang zur doch sehr starken hier verankerten Kultur. Wo gibt es Überschneidungen und Verknüpfungen? Außer man setzt sich selber so ein Thema.

Wie schätzt du die Verbindungen zwischen migrantischen und nicht-migrantischen Einrichtungen aus dem Kunst- und Kulturbereich in Linz ein?

Christoph Weidinger: Ich denke, das ist etwas, dass in unterschiedlichsten Bereichen sicherlich schon funktioniert, aber man muss es sich wieder in jeder Institution neu überlegen, wie man da damit umgeht und wie man da eine Zusammenarbeit macht oder wie man das Netzwerk öffnen kann, um einfach für gewisse Fragestellungen … da rede ich wieder vom architekturforum, vor allem wenn es um das große Thema Wohnen und Bildung geht, also um Schule geht … wie kann ich das öffnen, dann auch mit den Betroffenen diskutieren und dann an die richtigen Adressaten kommen, dass man denen ihre Problemstellungen richtig aufnehmen kann, weil sonst tut man ja immer nur theoretisieren bzw. Hypothesen aufstellen, die man nicht überprüfen kann oder nicht überprüft.

Noch eine Frage zu diesen Verbindungen. Auch noch einmal unabhängig davon, wie viel Einblick du hast. Wie würdest du die Verbindungen zwischen den verschiedenen migrantischen Kultureinrichtungen in Linz beschreiben? ist dir da irgendetwas aufgefallen in den letzten Jahren?

Christoph Weidinger: Ist mir eigentlich relativ wenig aufgefallen. Ich denke, da hängt es wahrscheinlich sehr stark davon ab, von welchen Ethnien sie kommen, weil es ja doch auch … man braucht es nur zu vergleichen oder sich ansehen, die Ex-Jugoslawen, da gibt es doch noch sehr stark konfliktträchtige Gruppen bzw. dann Migrantengruppen, die nach wie vor unaufgearbeitetes Konfliktpotenzial haben.

Du hast schon gesprochen, jetzt vor allem in den Verbindungen zwischen migrantischen und nicht-migrantischen Kultureinrichtungen, von Öffnung in dem Zusammenhang. Also man muss sich als Einrichtung öffnen, die Stadt wird sich öffnen müssen. Welche Maßnahmen sollte denn die Stadt Linz setzen, um diese Öffnung voranzutreiben, um also Interkulturalität zu fördern?

Christoph Weidinger: Vielleicht in gewissen Bereichen in der Förderpolitik schon ansetzen und als Voraussetzung festzusetzen: Man erhält dafür auch mehr Förderung oder man kann von einem anderen Topf noch etwas bekommen, wenn man sich zu einem präsenten oder prägnanten Thema, das für Migration und Integration irgendwie passen muss, auch öffnet. Dass man dann wirklich mit anderen Gruppierungen, mit anderen Instituten und Initiativen ein Programm entwickelt.

Wäre es für dich denkbar, das jetzt nicht nur als zusätzliches Mittel zu machen, sondern auch zu sagen: Ok, vom Kulturbereich, vom Kulturbudget, jetzt gibt es nur noch 95 % und 5 % vom jetzigen werden zweckgewidmet nur für interkulturelle Projekte, aber es kommen dann noch 4 % dazu zum Beispiel? Oder ist es für dich nur denkbar unter den gegeben Bedingungen, also zusätzlich?

Christoph Weidinger: Nein, zusätzlich, dass man zusätzliche Anreize schafft, auch sagt, eigentlich das Kulturbudget über so eine Geschichte aufstockt, vergrößert, weil es ist ja, meiner Meinung nach, nach wie vor relativ klein in der Stadt. Das könnte ruhig mehr sein. Der prozentuelle Anteil, wie man Kultur fördert in der Stadt und dadurch auch gewisse Ängste und Hemmschwellen abbaut, weil dann sowohl die eine wie auch die andere Seite die ersten Schritte setzt. Weil es muss einmal irgendwie anfangen. Und dann geht es geht immer nur über persönliche Erfahrungen.

Der zweite von dir genannte Themenkomplex war Junge Potenziale/Nachwuchsförderung. Inwieweit denkst du, dass Linz für junge Kunst- und Kulturschaffende ausreichend Möglichkeiten zur Betätigung bietet?

Christoph Weidinger: Ausreichend. Ich meine, sie fördern über verschiedenste Preise oder Artist-In-Residence-Programme. Die kommen zum Teil aus den einzelnen Institutionen, aber auch von der Stadt gibt es einiges. Ich denke, es ist trotzdem noch wichtig, dass man nicht nur Atelierflächen zur Verfügung stellt, sondern auch das gewisse Rundherum schafft, dass ich das Verständnis schaffe, die Neugierde schaffe, dass ich weiß, da gibt es viele junge, gute Leute, die in den unterschiedlichsten Disziplinen arbeiten und da kann man sich Ideen, Anregungen holen, also dass man dieses Potenzial als Außenstehender nutzen kann. Bewusstseinsbildung.

Welche Maßnahmen könnte die Stadt noch treffen, um die Abwanderung von jungem Potenzial zu verhindern?

Christoph Weidinger: Impliziert diese Zwischennutzung oder Leerstände. Kann man da nicht ein Programm schaffen? Also dass man Räume, die ja natürlich Aufwertung generieren, für gewisse Zeit jungen Kreativen zur Verfügung stellt. Es gibt in anderen Städten dahingehend Programme oder auch Fördermöglichkeiten, wie man Zwischennutzungsszenarien entwickelt bzw. die Räume dann durch Hilfestellungen für junge, freischaffende Künstler oder kreative Leute auch nutzbar sind. Ich denke, es braucht einerseits die inhaltliche Auseinandersetzung, dass man weiß, man hat die nötigen Leute gegenüber, wo ich mich wohl fühle und wo ich meine Arbeit weiterentwickeln kann und trotzdem braucht es dann auch eine räumliche Situation dazu. Und es braucht noch jemanden, der es dann kommuniziert und wahrnimmt, von außen wahrnimmt.

Und die Gegenbewegung ist die, jemanden in die Stadt zu bringen. Welche Maßnahmen könnten getroffen werden, um verstärkt die junge Kunst- und Kulturschaffende oder kreativ Tätige in die Stadt zu locken?

Christoph Weidinger: Ich denke, einfach eine lebendige Szene zu entwickeln oder zu ermöglichen oder die jetzt auch schon da ist, diese Lebendigkeit zu fördern. Weil es auch wichtig ist, dass es … da geht es ganz klar um Lebensqualität, um das Verbringen der Freizeit in der Stadt: Wie viele Möglichkeiten habe ich? Und wie ist der Wohnraum, wo ich mich bewege? In welchem Stadtteil bin ich daheim? Solche Dinge.

Und was würdest du dir in Zusammenhang mit jungen Potenzialen und Nachwuchsförderung von den Bildungseinrichtungen wünschen oder erwarten? Insbesondere von den Universitäten?

Christoph Weidinger: Dass sie hin und wieder versuchen, aus diesen Elfenbeintürmen herauszugehen und – was teilweise ja auch gemacht wird – zu zeigen, welche Potenziale da schlummern in solchen Bildungseinrichtungen bzw. dann – was auch sehr wichtig ist – die Absolventen versucht, an die einzelnen Institutionen, Häuser oder Bildungsstätten zu binden. Also dass man da das Gefühl hat, man hat mehr oder weniger eine Homebase, eine intellektuelle Homebase.

Der dritte Themenblock, der von dir genannt worden ist, ist Leerstände und Zwischennutzungen. Inwieweit denkst du dass Leerstände interessant für Kunst und Kulturschaffende in Linz sind?

Christoph Weidinger: Ich glaube, die sind dahingehend sicher spannend, weil es Räume sind, auf die man eingehen muss, die man kurzfristig benützen kann, experimentieren kann und den verschiedensten Kunstbereichen zuführen kann. Ich kann Raum verändern, Raum zerstören würde ich nicht sagen, indem man sagt baulich zerstören, sondern eher zerstören, indem ich es von der Atmosphäre her verändere, wie sie im Raum ist. Und da gibt es schon viele Möglichkeiten. Und ich denke, es ist auch wichtig, dass man … es gibt ja vereinzelt Initiativen in der Stadt, die das auch machen, sich Raum aneignen für eine kurze Zeit und dort ihre Werke nicht nur produzieren sondern auch präsentieren.

Sind dir Initiativen oder Personen aus dem Kunst- und Kulturbereich bekannt, die auf der Suche nach Möglichkeiten für Zwischennutzungen sind?

Christoph Weidinger: Es ist immer unterschiedlich. Je nachdem, wie und wo man gerade … in welchem Umfeld man sich gerade selber bewegt. Dadurch bekommt man dann mehr oder weniger mit, wie Leute auf der Suche sind nach günstigem Arbeitsraum, leistbarem Arbeitsraum. Weil das wird immer schwieriger und da ist es auch oft von Vorteil … weil das sind alles … oder viele davon sind handwerklich sehr geschickte Leute, also die adaptieren dann auch die Dinge für ihre Bedürfnisse. Und das ist natürlich super, wenn man so etwas hat. Und wissen muss man es halt auch, wo etwas leer steht und dann das Verständnis der Besitzer noch öffnen.

Das ist ein schwieriges Thema, weil viele der Leerstände sind im Privatbesitz. Was kann denn deiner Meinung nach eine Stadt wie Linz tun, um die Nutzung von Leerständen zu erleichtern?

Christoph Weidinger: Indem sie, denke ich, schon ein paar Sachen in der Art der Politik verbessern kann. Da ist einerseits die Kommunikation, andererseits geht es darum, Anreize zu schaffen für die Hausbesitzer. Dass es nichts gefährliches und nichts schlechtes ist, Künstler im Haus zu haben oder Leute, die ein gewisses Klientel mitziehen, ein positiv gemeintes Klientel, weil es auch eine Standortverbesserung ist. Wenn man es international sieht, entwickeln sich auch in den Städten überall dort, wo kreative Leute sich günstigen Wohnraum schaffen, über die Jahre hinweg hippe Orte und Stadtteile, die dann von den Immobilienwerten nach oben gehen. Wodurch dann die doch immer am Existenzminimum arbeitenden Künstler und Künstlerinnen wieder andere Orte brauchen, um kreativ schöpfen bzw. ihr Leben finanzieren zu können.

Was würdest du dir hinsichtlich des derzeit größten städtischen Leerstandes, der Tabakfabrik, wünschen?

Christoph Weidinger: Offenheit, Mut zum Experiment und auch Vertrauen in das kreative Potenzial.

Inwieweit soll deiner Meinung nach Kunst und Kultur bei der zukünftigen Gestaltung oder Nutzung der Tabakfabrik eine Rolle spielen?

Christoph Weidinger: Das wird sicherlich eine wesentliche Rolle im Vermarkten spielen, aber das alleine kann es nicht sein. Es wird irgendeine Mischnutzung werden, weil das Areal doch sehr groß ist und es auch … ich mich vor nichts mehr fürchten würde als wie vor einer Monostruktur.

Einige Fragen noch zu Stadtteile/Stadtrand/Stadtegion. Wie schätzt du das Verhältnis von Stadtzentrum zu Stadtrand in Linz an? Vor allem wenn du an die kulturellen Aktivitäten denkst.

Christoph Weidinger: Eigentlich so wie in jeder Stadt. Das Zentrum ist kulturell mehr oder weniger die Hochkultur mit ein paar Ausreißern der Lokalszene und die Peripherie oder die Vororte sind eher so Orte, die Subkultur implizieren, mehr oder weniger. Dieses Verhältnis zwischen Zentrum und Stadtrand in Linz ist aber gerade noch in einer Größenordnung, dass man das relativ klar auseinander halten kann. In anderen, größeren Städten stellt sich nicht mehr die Frage von einem Zentrum, sondern da gibt es mehrere Zentren, die dann unterschiedlichste Schwerpunkte definieren.

Eine Möglichkeit, um derartige Verhältnisse auch zu verschieben, besteht in der Stadtteilkulturarbeit. Fallen dir irgendwelche Verbesserungsmöglichkeiten hinsichtlich der Stadtteilkulturarbeit in Linz ein? Oder ist dir etwas aufgefallen?

Christoph Weidinger: Eine Verbesserung ist eher dahingehend … ich meine, es gibt die Möglichkeiten, es gibt in jedem Stadtteil Vereinshäuser, wo Leute, die aktiv sind, diese auch nutzen können. Und ich glaube, da ist es sicherlich … was verbesserungswürdig ist, ist einfach, dass man diese doch von den meisten Leuten ehrenamtlich geleistete Arbeit auch dotieren sollte, in gewisser Weise. Das muss nicht immer monetär sein, sondern das kann auch in einer anderen Art oder Form von Dotierung sein. Ich denke, es muss dabei nicht immer ums Geld gehen.

Welche sonstigen Maßnahmen könnte die Stadt setzen, nämlich abseits von finanziellen Förderungen für die Initiativen und Vereine in der Stadtteilkulturarbeit, um deren Arbeit zu erleichtern?

Christoph Weidinger: Zuerst einmal, die Leute in ihrer Auseinandersetzung zu motivieren und zu bestärken und nicht versuchen, alles zu bremsen, sondern Dinge zu ermöglichen und bürokratische Wege zu erleichtern. Ich glaube, es sind viele Dinge, die es ein bisschen einfacher machen, jetzt aus der eigenen Erfahrung gesprochen, vor allem aus der Erfahrung von Leerstandsnutzungen mit dem Pixelhotel.

Du hast vorher gesagt, dass in Linz, wie in vielen anderen Städten, viel im zentralen Raum der Stadt verankert ist. Das betrifft nicht nur die Institutionen, sondern auch die Festivals. Wenn man sich ein Festival wie das LinzFest ansieht: Kannst du dir vorstellen, dass das bisherige LinzFest in ein Stadtteil-Kultur-Festival umgewandelt wird?

Christoph Weidinger: Das wäre eine gute Idee, weil man dann Orte in den Fokus stellt, die sonst nie die Möglichkeit haben, so aufs Tablett der Öffentlichkeit zu treten. Ich denke, es gibt viele spannende Orte in der Stadt, die das genauso abhandeln könnten und nicht immer nur im Zentrum. Weil es dann einen ganz anderen Charakter ergeben würde und dann würde auf einmal das LinzFest … wenn das in der Industriezone zum Beispiel stattfinden würde, wäre es ganz eine andere Art von Festival als das klassische, was man bis jetzt kennt. Oder wenn es in Auwiesen oder sonst wo draußen wäre, in Dornach bei der Kepleruni … also ich denke, dann muss man auch auf den Ort reagieren und das LinzFest ein bisschen so ausrichten, dass man auch die Bevölkerung von dort involviert. Das fände ich spannend.

Noch eine letzte Frage zu dem Block, über den Stadtrand hinaus zu Region, zur Stadtregion. Was könnte man deiner Meinung tun, um die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Linz und den umliegenden Gemeinden bei kulturellen Aktivitäten zu verbessern?

Christoph Weidinger: Bürokratie abbauen. Und ich denke da gilt wieder das gleiche, was wir vorher besprochen haben, wie wir über das Thema der Integration gesprochen haben. Dass man auch mit den umliegenden Initiativen, Vereinen und Akteuren zu den unterschiedlichsten Themen versucht, zusammenzuarbeiten und dadurch diese Schwellen zu überwinden, die ja vorhanden sind. Also nicht rein jetzt nur von der Stadtgrenze her, sondern auch von dem, wie man denkt.

Danke, das war der letzte Themenblock. Ist dir noch irgendetwas abgegangen? Willst du noch irgendetwas Wichtiges mit auf den Weg geben?

Christoph Weidinger: Ich glaube, es ist eine wichtige Arbeit, dieses Leitbild zur Kulturarbeit und Entwicklung der Stadt zu machen. Weil es auch darum geht, eine gewisse Vision zu entwickeln, wie könnte sich Linz in einer kulturellen Auseinandersetzung einerseits und in der kulturellen Wahrnehmung andererseits in den nächsten 15 Jahren entwickeln bzw. was habe ich für ein Bild von Linz in 15 Jahren. Was soll sein? Eigentlich das Aufgreifen von dem, was Martin Heller meinte: Was soll Linz 2017 sein? Einfach zu wissen, soll es jetzt eine Kulturstadt sein? Ist es nur eine Industriestadt oder ist es ein Mix daraus und wie geht sie um mit diesen Schlagwörtern? Und welches Image möchte die Stadt selber haben? Oder die Leute, die da wohnen?

Und auf was sollte man in diesem Leitbild-Prozess oder bei der Erstellung des neuen Kulturentwicklungsplans besonders achten?

Christoph Weidinger: Ich denke mir, wichtig ist es, dass man große Bereiche zu definieren versucht, die einem aber einen gewissen Handlungsspielraum ermöglichen und vor allem dann dahingehend … ich denke mir, dass man es in kürzeren Abständen evaluieren müsste als wie es jetzt war, also nicht, dass man erst wieder in zehn Jahren nachsieht, was war eigentlich mit den Ideen vor zehn Jahren, sondern das gehört meiner Meinung nach permanent mit begleitet. Wie entwickelt sich das? Wo gibt es bei den in der Startphase sicher wichtigen Ideen Mankos? Wo gibt es Sachen, die überhaupt nicht funktionieren? Und wo muss ich in andere Bereiche ausweichen, um einfach trotzdem wieder sagen zu können, ich will die große Vision von Linz erreichen?

Danke!

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