Christian Steinbacher

Zu deiner Person. Geburtsdatum und Geburtsort?

Christian Steinbacher: 1960, Ried im Innkreis.

Du lebst in Linz?

Christian Steinbacher: Ich lebe zur Gänze in Linz.

Seit wann?

Christian Steinbacher: Seit 1984.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus?

Christian Steinbacher: Ich bewältige und initiiere innerhalb des Literaturbetriebes sehr verschiedene Tätigkeiten. Zum einen bin ich selbst Autor, zum anderen habe ich Ende der 1980er-Jahre begonnen, die Agenden der Literatur innerhalb der Künstlervereinigung MAERZ zu übernehmen. Die hatte davor Heimrad Bäcker inne und seither führe ich diese Agenden auf eine sehr intensive Weise. Ich habe mit den linzer notaten eine literarische Reihe gegründet im Jahr 1990 mit vier bis fünf Veranstaltungen pro Jahr zu je drei Teilnehmern, die international ausgerichtet ist. Die wird heute noch geführt. Wir hatten vor kurzem die hundertste Ausgabe als Jubiläumsausgabe. Ich habe aus diesem Wissen der linzer notate heraus im Jahr 2005 ein spartenübergreifendes Poesiefestival ins Leben gerufen. Anfangs fand das biennal statt, so dass es sich auch im Jahr 2009 ausging, inzwischen ist es triennal angedacht. Das ist aus vielen Gründen notwendig. Zum einen ist alles sehr präzise aufeinander abgestimmt, das Programm, das wir hier entwickeln, und das betrifft ja nicht nur die Literatur, sondern im Sinne des erweiterten Poesiebegriffes bezieht das auch Neue Musik mit ein und alles was mit der bildenden Kunst zu tun hat, und wissenschaftliche Referate usw. Und das Ganze ist spezifisch auf ein Motto ausgerichtet. Das ist kein Sammelsurium, wie das immer wieder wo stattfindet, sondern durchaus hoch komponiert als Ablauf einiger Tage. Außerdem ist das alles natürlich auch eine Frage der Finanzierung. Ich hatte in den 1990er-Jahren sieben Jahre lang einen Verlag, Blattwerk. Auch das habe ich sehr intensiv betrieben. Ich fange immer etwas an und mache es bis zum Ende, bis es fast nicht mehr besser machbar ist, und dann interessiert mich wieder etwas anderes. Genauso gehe ich aber auch im eigenen Schreiben vor. Da gibt es auch immer wieder starke Brüche und Neuansätze und immer wieder wird etwas angefangen. Ich sehe mich durchaus auch als Vermittler. Das ist keine Tätigkeit, die man messen kann, aber ich merke, hier ist ein Autor, da könnte etwas gemacht werden, dass man den vielleicht einmal fördert bei seinem ersten Buch. Ich habe bei der Edition Linz einige Bücher gemacht mit jungen Autoren. Das wäre ein Beispiel für den vermittelnden Bereich. Ich bin immer voll beschäftigt. Am Nachmittag ist eine Jurysitzung, abends halte ich selber eine Lesung. Das Programm läuft eigentlich durchgehend so dicht. Alles, was irgendwie mit Literatur zu tun hat, beschäftigt mich, und mir geht es immer darum, dabei insbesondere die Literatur, die eben nicht im Mainstream verankert ist, zu binden, zu fördern, zu vermitteln. Ich weiß, das war jetzt etwas ausführlich.

Wie würdest du deine Tätigkeit am ehesten bezeichnen? Wenn dann steht Christian Steinbacher, Autor oder Schriftsteller …

Christian Steinbacher: Ja, Autor oder Schriftsteller oder Poet, also über diese Begriffe will ich keinen Diskurs führen. Ich schreibe normalerweise Autor, in Biographien steht oft Autor, Kurator und Herausgeber. Manchmal Autor, Kurator, Herausgeber und Vermittler. Das finde ich fast am besten.

Zu den linzer notaten und zum Poesiefestival kurz einige Fragen. Sind die beide im Rahmen der Künstlervereinigung MAERZ?

Christian Steinbacher: Jein. Die linzer notate sind eine Veranstaltungsreihe der Künstlervereinigung MAERZ im Rahmen ihres Literaturjahresprogramms. Es gibt daneben auch andere Veranstaltungen, das ist einfach immer eine Frage, wie sich das mit dem Geld dann ausgeht, wo wir Lesungen mit Mitgliedern vor allem in Szene setzen. Diese Reihe betrifft wirklich nur die Künstlervereinigung MAERZ. Beim Poesiefestival ist das etwas anderes, es heißt nicht umsonst „Für die Beweglichkeit“. Ein etwas seltsamer Titel, ein sehr sperriger Titel. Dazu kommt dann immer noch ein Motto, welches das Ganze näher ausfaltet. Hier haben wir von Anfang eine Struktur übernommen, die nicht so bedacht war, dass das immer so sein muss und soll, aber es hat sich gut ergeben. Eine Struktur verschiedener Orte. So betrachtet wird das Festival veranstaltet von der Künstlervereinigung MAERZ in Kooperation mit anderen Stätten, die dann auch bespielt werden, aber die Organisation liegt bei der Künstlervereinigung MAERZ bzw. ganz wenigen Leuten, die das alles in Szene setzen. Und da gibt es halt Andockstellen, eben das StifterHaus bzw. das Stifter-Institut, wo langjährige Kontaktpflege das ermöglicht hat. Es gab von Anfang an auch immer wieder ein Konzert in der HMH GmbH, einer Firma im Süden der Stadt. Auch das soll beibehalten sein. Die Ausgabe 2012 wird wieder so aussehen, dass alle diese Punkte stattfinden werden. Und es gab immer wieder einen kleinern Programmpunkt im Botanischen Garten. Mir war das auch sehr wichtig, einerseits eine Industriehalle und andererseits den Botanischen Garten als Eckpfeiler anderer Linzer Stätten mit einzubeziehen in dieses ganze Feld einer Beweglichkeit. Vom Blick von Außen her ist das auf alle Fälle gut. Es war ja auch 2009 so, dass nicht nur Teilnehmende aus verschiedenen Ländern hier waren, sondern auch Besucher von auswärts gekommen sind, um hier an diesem Festival teilzunehmen, und da schadet es gar nicht, dass man diese beiden Seiten von Linz in die Auslage stellt.

Zum Poesiefestival „Für die Beweglichkeit“. Welche Zielgruppen werden durch das Poesiefestival deiner Meinung nach besonders angesprochen?

Christian Steinbacher: Gut, da gibt es die, die angesprochen werden, und die, die angesprochen werden sollen. Das ist keine einfache Fragestellung. Den größten Genuss, den größten Impuls für das eigene Denken hat der Besucher sicher, wenn er alle Programmpunkte mitverfolgt, weil das Programm sehr komponiert ist. Man kann aber auch jederzeit einsteigen, von daher ist das kein Problem. Mir geht es schon darum, dass Leute, die sich vielleicht sonst für Neue Musik interessieren, auch plötzlich Literatur hören, Leute, die sich für Literatur interessieren auch graphische Spuren sehen, Leute, die sich für Graphik interessieren, auch einen Wissenschaftsvortrag zur Semiologie oder was auch immer sie geboten bekommen. Angesprochen werden soll im Grunde jeder, das ist einmal klar. Aber nur jeder, der sich öffnet, das ist die andere Sache. Ich halte ja Kunst für eine höchstdemokratische Sache, da sie im Prinzip jedem zugänglich ist. Zum anderen hat Kunst aber auch etwas extrem Anspruchsvolles – ich rede jetzt von Kunst und nicht von Kultur – da sie Zeit braucht, um sich mit ihr zu beschäftigen. Und diese Zeit muss man aufwenden, das ist klar. Also diese Barriere gibt es. Ich habe immer wieder beste Erfahrungen mit Leuten, die zum ersten Mal zu einer der Veranstaltungen des Festivals kommen und dann auch immer wieder einmal wiederkommen. Also es gibt kein Stammpublikum in dem Sinn. Es gibt ein Stammpublikum, das immer wieder auftaucht. Das ist aber auch möglicherweise ein typisches Linzer Phänomen, das weiß ich nicht. Ich kann mit dem leben und finde das gar nicht so schlecht. Es geht hier darum, immer wieder den Blick auf etwas zu öffnen zu versuchen, was jemand bisher nicht wahrgenommen hat. Insgesamt gibt es kein Zielpublikum als bestimmtes, sondern es sind alle, die sich öffnen wollen dafür, Neuem zu begegnen. Es ist wirklich dieser Begegnungsaspekt gefordert.

Auf welchen geografischen Wirkungsbereich zielt die Arbeit des Poesiefestivals in erster Linie ab? Ist das auf Linz konzentriert oder fokussiert, auf Oberösterreich fokussiert oder darüber hinaus?

Christian Steinbacher: Also mir wäre es schon sehr recht, so wie es auch beim letzten Mal war, dass auch Leute aus Salzburg, Wien usw. eigens anreisen und kommen. Aber es ist nicht das Zielpublikum schlechthin das internationale, so wie etwa bei der Ars Electronica, sondern es ist schon die hiesige Publikumslandschaft das eigentlich Zielpublikum, doch muss dieses ergänzt werden um solche Aspekte. Es geht mir ja auch darum, immer wieder exemplarisch etwas darstellen zu wollen. Das ganze sehe ich in einer doppelten Funktion. Zum einen hat es die Funktion, dass man Leuten die Möglichkeit bietet, etwas zu begegnen, dem sie noch nicht begegnet sind. Zum anderen hat es die Funktion, Fragestellungen von hier aus aufzuwerfen, in die literarische Landschaft hinein, überregional. Also diese Schere muss man schaffen, wenn man diesen Anspruch hat, den ich da habe. Mir ist es genauso wichtig, dass der Folder nicht nur im Roten Krebs aufliegt, sondern dann halt auch auf www.lyrikkritik.de, die von Hendrick Jackson, einem der fundiertesten Lyriker, betrieben wird oder auf www.lyrikline.org, die von der literaturWERKstatt in Berlin betrieben wird, auf dieses Festival hingewiesen wird.

Wie sieht das personell aus? Organisierst du das im Prinzip alleine?

Christian Steinbacher: Im weitesten Sinn ja. Das geht vom Sessel aufstellen bis zum Beleg schreiben. Im Grunde ist es eine Personalunion. Ich habe aber, muss ich ehrlich sagen, nach dem 2009er-Jahr, das etwas aufwändiger war aufgrund formeller Gegebenheiten – großer Evaluierungsbericht etc. – gesagt: Nein, eigentlich, ich weiß nicht, ob ich das noch einmal mache. Jetzt haben wir eh diesen Höhepunkt erreicht, also warum noch einemal. Doch habe ich mich dann umgesehen und werde das 2012 gemeinsam mit Florian Huber, einem Mitglied der Künstlervereinigung, einem noch sehr jungen, über die Bühne bringen. Das betrifft weniger jetzt nur die organisatorischen Dinge, sondern auch die konzeptionellen.

Und von der Durchführung? Gibt es Personen, die ehrenamtlich, freiwillig sich da einklinken und helfen?

Christian Steinbacher: Innerhalb des Festivalbudgets habe ich zuletzt schon für kleinere Dienste Leute minimal bezahlt, die halt am Büchertisch stehen, die eben die Sessel wieder weggeräumt haben, die Leute vom Flughafen abgeholt haben, aber das ist natürlich der kleinste Brocken. Man denkt ja, es wäre natürlich gut, wenn der Mann aus Moskau drei Nächte da bleiben kann und nicht zwei. Das ist ein ständiges Hochrechnen der finanzielen Möglichkeiten. Und da muss man immer wieder abwägen, aber ich versuche schon, diesen wenigen Leuten, die da helfen, auch eine geringe Entlohnung zu geben.

Wie viele Personen sind schätzungsweise für die Durchführung des Festivals dann tatsächlich aktiv?

Christian Steinbacher: Unsere Assistentin in der Künstlervereinigung darf man nicht unterschätzen. Ich selber und der Mitorganisator in dem Fall, der auch konzeptiv vor allem entsprechend mitarbeitet. Jetzt sind wir ja schon in Kontakt mit den Leuten für 2012, das muss wirklich jetzt schon gemacht werden. In den Bereichen Ausstellungsgestaltung und Ensemblebetreuung bei der Neuen Musik habe ich schon jeweils auch eine Person, die ich aus dem Budget bescheiden honoriere als Mit-Mitorganisatoren, wenn man es so benennen will. Das sind auch Bereiche, die könnte ich alleine nicht bewältigen. Jetzt sind wir also schon wieder mehrere, wenn man es genau nimmt, auch wenn alles über mich zusammenläuft und von mir ausgeht. Wesentlich ist natürlich auch, dass in den Programmpunkten, die extern statt finden, andere Leute zusätzlich involviert sind. Die Strukturkosten des StifterHauses sind hier nicht einberechnet, da steht halt wer von dort am Büchertisch und richtet die Scheinwerfer aus und richtet das Mikro ein und so fort. Für die Dokumentation schaue ich, dass ich immer wieder intern etwas vergebe und auch entlohne. Mal schaut mehr, mal weniger heraus. Bei den letzten beiden Festivals war es möglich, dass wir kurze Teile filmisch dokumentiert haben. Das ist auch eine Frage des Geldes, ob das dann möglich ist oder nicht. Das ist nicht ehrenamtlich, aber auch nicht zu Sätzen, die eigentlich üblich wären, aber das kennen wir ja. Das fängt beim Fotografen an, im Grunde geht es schon beim Grafiker an. Eine aufwändiges Programmheft muss hergestellt werden. Die das machen, sind auch Mitglieder in der Künstlervereinigung, die bekommen auch ein Honorar, aber das Honorar ist sicherlich entsprechend bescheidener als es irgendwie am freien Markt üblich wäre. Es geht auch nicht anders. Es ist eine Mischform. Eine Mischform aus dem, dass etwas honoriert wird und auf der anderen Seite einfach Herzblut in eine Sache gesetzt wird, was ja auch notwendig ist, weil da ja etwas gewollt wird und ein Impuls dahinter steht.

Zum Hauptblock. Über die kulturelle Entwicklung, Situation und Zukunft von Linz. Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an „Kulturstadt Linz“ denkst?

Christian Steinbacher: Im Moment die großen Festivals, wenn ich auch unterschiedliche Verhältnisse dazu habe, aus verschiedenen Gründen. Ars Electroncia spricht für sich. Crossing Europe spricht jetzt auch für sich, seit dem letzten Mal. Auch wenn ich es dieses Mal nicht erleben konnte, weil ich eine Woche nicht hier war. Auf einer ersten Ebene würde ich diese beiden nennen, dann möglicherweise das nextComic-Festival. Auch aus anderen Gründen, weil es ja die ganze Stadt bespielt, was eine ganz eigene Sache ist. Mir scheint, Gottfried Gusenbauer hat die Kraft, da durchzuhalten die nächsten Jahre. Ich weiß nicht, wie er das ausbaut, jetzt von den Leuten her gesehen. Dann gibt es für mich noch die spezifischen Festivals, so würde ich sie eher nennen, die eben mit weniger Breitenwirkung agieren, die aber um nichts weniger wichtig sind. Das wären dieses von mir selbst gemachte Poesiefestival, aber auch 4020. Im Wesentlichen würde ich die als erstes markieren. Jetzt sind wir noch nicht bei den Gebäuden, Museen, sondern nur bei konstanten und hoffentlich weiterhin konstanten Festivals. Seltsamerweise fällt mir da aber nun schon einiges ein, was ich ausgelassen habe. Ich habe nämlich witzigerweise das Brucknerfest ausgelassen, aber gut, ich habe ein sehr spezifisches Interesse an Neuer Musik und sehe die im Brucknerhaus eigentlich nicht vertreten, was ich für ein großes Manko dieser Stadt halte. Da müht sich Lienhard Dinkhauser aus Wels ab, hin und wieder in Sonntagsmatineen im Landesmuseum etwas unterzubringen, und das wohl auch im Grunde fast unentgeltlich, wiederum ein einzelner „Besessener“. Auch das kennen wir aus allen Städten, dass so etwas passiert. Das hängt mit vielem zusammen. Es kann aber auch sein, dass da mit dem Neubau der Bruckneruniversität sich manches verschiebt in dem Bereich. Es gibt ja dort große Jazzklassen, und Aktivitäten im Bereich elektronischer Musik. Ich finde es schon schmählich, dieses Brucknerhaus-Konzept, jetzt nicht bezogen auf das Brucknerfest, das seine eigene Qualität hat und sich auch immer wandelt, aber mich wundert es eben nun, dass ich es nicht bedacht habe zuerst. Mir fällt es nur auf, dass alle zwei Jahre oder was weiß ich ein Hermann van Veen oder so jemand auftritt. Und das sehe ich nicht als eine Aufgabe für so ein Haus, damit kann man durchaus in eine Stadthalle gehen. Das sage ich ganz offen.

Wenn du die letzten zehn Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, betrachtest: Was lief deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Christian Steinbacher: Ich finde das Lentos einen hervorragenden Bau, das gehört wirklich betont. Da wurde ein Juwel hergestellt. Ich sehe das Lentos auch architektonisch wesentlich interessanter als das AEC. Das betone ich auch strikt. Weil die doch eher postmoderne Architektur des AEC überdauert nicht, in meinen Augen. Ich glaube nicht, dass das über weitere Jahrzehnte gedacht architektonisch was hergibt, im direkten Vergleich. Mit dem Lentos hat man wirklich was gewagt und es ist auch angenommen worden von den Linzern. Also gute Architektur wird hier angenommen. Ich war jetzt eine Woche in Kopenhagen und ich war erstaunt und verblüfft und begeistert, wie dort neue Architektur ins Leben gesetzt wird. Jetzt nicht nur die großen Bauten wie die Oper usw., sondern dann gibt es halt drei, vier Wohnhäuser und dann ist irgendetwas Neues dazwischen, und es fügt sich sehr gut ein. Nun, es gibt auch hier weitere Möglichkeiten, also jetzt das Neue Musiktheater, mit dem habe ich mich aber zuwenig auseinander gesetzt, von der Architektur her. Interessant wird für mich eher die Tabakfabrik, was da jetzt passiert, und da könnte Linz noch einen großen Trumpf haben. Ich möchte trotzdem ein bisschen ausschweifen. Beim Musiktheater, ich glaube, ganz am Anfang, vor dieser Sache im Berg, also noch bei den allerersten Überlegungen in Richtung Hafengebiet, das wäre etwas gewesen. Man muss doch einen Bau platzieren, der über die Region hinaus eine Bedeutung hat. Und da finde ich das ganz wichtig, dass etwa der Hafen entsprechend integriert worden wäre, wo es jetzt ja auch wieder Probleme gibt. Da bin ich sehr traurig, da wohnen auch Freunde von mir. Im Hafen ist noch einiges machbar. Ich weiß nicht, ich blicke jetzt mehr voraus als zurück, aber ich bin gerade im Denken jetzt dort. Bei der Tabakfabrik hoffe ich, dass kein Sammelsurium an Kulturstätten entsteht. Das hätte die Räumlichkeiten zu einem großen Industriemuseum. Da müsste halt nicht nur die Stadt, da müssten die ehemalige VOEST usw., da müssten die alle mitspielen und Geld investieren. Das ist eine einmalige Sache für ein wirklich großes Industriemuseum im großen Rahmen. Das wäre ein Wunsch von mir für Linz. Ansonsten bin ich mit der Linzer Architektur in vielen Belangen unzufrieden. Es ist schön, dass es das Domhotel beim Dom gibt, aber nicht schön, dass die Sichtachse zum Dom gestört ist. Ich beschäftige mich natürlich auch mit Lebensraumsituationen in Linz. Und ich bin immer gegen das Uniforme. Wenn man einen Platz ansieht, diese Stände, die alle gleich sind, das hat schon etwas sehr Trauriges. Man sieht es exemplarisch im Vergleich der beiden Weihnachtsmärkte hier in der Stadt.

Du hast jetzt gleich die Unzufriedenheit mit architektonischen Gegebenheiten und mit der Lebensraumgestaltung eingebracht. Mich würde nachgefragt interessieren, mit welchen sonstigen kulturellen Entwicklungen der letzten zehn Jahre du überhaupt nicht zufrieden bist? Gibt es da noch etwas?

Christian Steinbacher: Eines habe ich zuvor auch schon erwähnt, dass die innovative Neue Musik nicht mehr vorhanden ist, ein einziger Abwärtsgang. Das würde ich schroff sagen. Zur Zufriedenheit möchte ich noch erwähnen, es gibt natürlich schon gute Sachen, eben wie diese ganzen Jugend-Musikgruppen im Posthof, dass die ihre Möglichkeiten bekommen. Da hat Linz schon noch vorbildliche Dinge, das muss man schon unterstreichen. Aber das betrifft einen Bereich, der mich nicht direkt tangiert. Ich glaube aber, dass da schon auch etwas zu Wege gebracht wird. Ich tue mir ein bisschen schwer mit der Unzufriedenheit, weil ich Dinge, die mich ärgern, ja nicht besuche. Das klingt jetzt hart. Aber ich bin eben ganz darauf fokussiert, wie etwas weiter gehen könnte in den Bereichen, die mich interessieren. Ich fahre ja auch zu einer Lesung nach München oder nach Wien. Ich benütze ja nicht nur Linz. Ich benütze Linz dann, wenn es mich interessiert. Was mich nicht interessiert, kann ich dann schwer beschreiben, das wird höchstens registriert und mehr nicht. Und viele Probleme sind ja in allen Städten dieser Größenordnung in etwa gleich. Ist auch mir passiert. Ein Redakteur einer hiesigen Tageszeitung – Freunde hatten mir damals geraten, das sollte man eigentlich verklagen, aber so was mache ich nicht – schreibt von „Wortwichserei“ als Schlagzeile beim vorletzten Festival, weil er einfach nicht begriffen hat, was ich in dem Programmheft schreibe. Dann ist das schon sehr, sehr provinziell, wenn solche Dinge passieren. Aber die können theoretisch genauso, was weiß ich, in Graz, Regensburg oder sonst wo passieren.

Wie ist das mit anderen Städten? Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck? Ist es nur die Ars Electronica oder ist es mehr?

Christian Steinbacher: Es ist mehr. Es ist die Tradition der Kunsthochschule, die sich auswirkt bis in die Literatur hinein. Hier waren innovative Menschen der visuellen Literatur in den 1960er- und 1970er-Jahren tätig, die Impulse nach Außen gesetzt haben. Das war anders nicht möglich. Das war auch in Wien nicht möglich oder in München nicht möglich. Dass die Kunsthochschule soviel Einfluss hatte, hängt auch damit zusammen, dass keine Geistesuniversität vorhanden war. Und das ist sicherlich ein Spezifikum. Ein Spezifikum, das aber dann auch spezifische Sichtweisen des gegenseitigen Beobachtens der Kunstsparten erzeugt, sodass dann etwas Eigenes entsteht. Das finde ich einen Vorteil. Wir haben keinen kulturellen Ballast, auch das ist ein Vorteil. Es ist relativ spät erst begonnen worden, den Fokus auf Kunst und Kultur zu setzen. Jetzt gibt es vom Offenen Kulturhaus bis zu weiß Gott was für welche Gebäude, die von öffentlicher Hand dazu gekommen sind. Das gab es alles nicht, als ich 1984 nach Linz gekommen bin. Da gab es auch noch kein StifterHaus, das ein literarisches Programm macht, wo die hiesigen Autoren entsprechend vertreten sind. Es gab nur diese kleineren Initiativen. Es gab natürlich die Stadtwerkstatt als ganz eigenes Spezifikum. Das ist alles im Entstehen gewesen. Es gab keinen kulturellen Rucksack, um das so zu nennen. Und das ist etwas, was sich bis heute durchaus positiv auswirkt. Nur so war es auch möglich, ein Konzept wie die Hörstadt zu entwickeln. Das hängt auch damit zusammen. Weil ein großer kultureller Rucksack ist ja auch eine Beschwernis, und das ist auch wieder anders als in Salzburg, oder … vor allem in Salzburg, das sich halt etwas überschätzt hat diesbezüglich. Oder in Graz, da sind wir eher vergleichbar mit Städten, ich weiß auch nicht … das Format der linzer notate hat dann ein Freund von mir übernommen für Stuttgart und Kassel. Linz ist von der Struktur und Größe eher so etwas wie Kassel würde ich sagen, die Documenta einmal beiseite gesetzt, das auch keinen kulturellen Rucksack hatte.

Inwieweit denkst du, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird? Und welche geografische Reichweite hat die internationale Wahrnehmung deiner Meinung nach?

Christian Steinbacher: Da muss man zwei Blickwinkel ansetzen. Zum einen meinen eigenen Bereich betreffend. Da läuft das sowieso anders, weil die Literatur an die Deutsche Sprache gebunden ist. Wenn ich einen Russen einlade, muss ich eine Übersetzung mitliefern, aber das läuft dann alles nicht so leicht. Wir sind wie gesagt ja an die Sprache gebunden. Natürlich kann ich da jetzt eben nicht von Kopenhagen oder Florenz sprechen, sondern muss auf den deutsch sprechenden Raum mich konzentrieren, und da nimmt man diese Tätigkeiten, die ich mache, nachdem ich so stur einfach das zu verbreiten versuche, schon wahr. Aber dabei geht es auch nicht um Orte, da geht es um andere Dispositionen. Es gibt einen Mainstream, und der wird immer größer. Es ist ja ein großes Gefälle entstanden in den letzten zehn Jahren. Ein Buch hat entweder eine wahnsinnig riesige Auflage oder eine ganz kleine. Es gibt keinen Mittelbereich mehr. Damit müssen wir leben. Das ist eine komplett neue Situation. Und die, die nicht im Mainstream arbeiten wollen, denen das einfach egal ist, die docken ja aneinander an. Da hat man eine Veranstaltung in Kassel, hat eine in Stuttgart und da entsteht eine in Südtirol und und und. Die kennen sich alle. Interessant ist vor allem auch, dass sich vor allem die alle kennen, die außerhalb dieser großen Metropolen wie Wien und Berlin aktiv sind. Und gerade an diesen Orten, die eben außerhalb dieser Metropolen existieren, ist es manchmal leichter, wenn so „wahnsinnige Einzelne“ etwas ins Leben rufen. Das sieht man am Jazzatelier in Ulrichsberg, dass es möglich ist, Kunst explizit weiter zu treiben, ohne auf den Markt Rücksicht zu nehmen. Diesen Vorteil müssen wir nutzen. Und das ist wahrscheinlich in diesen größeren Städten schwieriger. Am ehesten leistbar ist, eine Sache, die dann wirklich von Spanien bis Schweden wahrgenommen wird, etwas wie die Hörstadt zum Beispiel, also eine ganz eigene Sache zu entwickeln. Und es war ja auch so, da bin ich über 2009 sehr glücklich, dass gerade dieses Spezifikum dann europaweit reflektiert worden ist und Leute daran noch weiter arbeiten. Mir geht es ja nicht darum, dass die Kulturstadt Linz einfach so irgendwo eine Bedeutung hat, sondern dass Impulse von hier ausgehen. Umso skandalöser fand ich es, dass die Hörstadt ziemlich abgewürgt worden ist. Zuerst das große Versprechen der Intendanz von Linz09, das ist jetzt wichtig. Aber die marschieren natürlich in ihrem internationalen Tross, der dann weiterwandert, woanders hin. Ich spreche in dem Fall für Peter Androsch, obwohl ich ganz persönlich eigentlich eher ein Interesse an Neuer Musik hätte als an diesen Hörstadtaspekten. Weil ich diese Aspekte besonders wichtig finde, weil sie eben hier in einer Stadt, die keinen kulturellen Ballast hat, entwickelt werden können. Ich fand diese Ruheräume ganz gut, so außergewöhnliche Akzente zu setzen. Das wäre eine Aufgabe für uns, im überregionalen Bereich, und dann wird es auch wahrgenommen.

Du bist schon direkt bei der nächsten Frage. Beschreib bitte dein Resümee von Linz09 anhand von drei Punkten.

Christian Steinbacher: Für mich persönlich als Veranstalter: Ich konnte ein Festival etwas größer formatieren. Aber eben nur etwas größer. Das ist sicherlich der Fall gewesen. Ansonsten hat Linz09 gute Dinge enthalten und hat schlechte Dinge enthalten. Das ist klar, man ist gewissen Aufführungen, nennen wir es so, begegnet, denen man sonst nicht begegnet wäre. Man musste nicht eigens woanders hinfahren. Man musste nicht nach Salzburg fahren, um im Sommer dort Theateraufführungen, die auch übernommen werden aus Frankreich, Palermo oder von sonst wo, zu sehen. Man konnte auch hier so etwas veranstalten. Ich bin erst einmal glücklich, dass die Verschuldung nicht komplett eingetreten ist, wie in Graz. Ich sehe das realistisch. Das ist für mich ein Hauptaspekt. Es klingt seltsam, man hatte Schlimmstes befürchten können. Ich weiß nicht um die Besucherzahlen, um wie viel die Stadt wirklich mehr frequentiert worden ist von Leuten von Auswärts, ich kann das nicht sagen. Aber ich bin auch kein Kulturstadtbesucher, ich selbst. Also ich fahre nach Istanbul, wenn ich nach Istanbul fahre. Ich war eigentlich noch nie dort, ich möchte dorthin aber einmal reisen, es interessiert mich sehr, aber ich suche mir dafür nicht unbedingt das Kulturhauptstadtjahr dazu aus. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es für ein Gros der Leute einen Anreiz bietet. Ich habe mir im Vorjahr aber Essen angesehen und bin eigens wegen des Kulturhauptstadtjahrs hingefahren, das schon. Es war mir aber auch ein bisschen zu viel hier in Linz, ein Herbeiholen von Dingen von außen. Ich hätte mir gewünscht, dass der Industrieaspekte noch mehr im Vordergrund gestanden wäre, um Linz auch von dieser Seite her in seiner ganzen Entstehung zu betonen. Oft bedarf es auch nicht der riesigen Umsetzung. Ich bin kein Freund der Eventkunst. Ich bin ein Freund eher der ursprünglichen Konzeptkunst. Da genügt das Konzept auf Papier, das schreibt man auf, es muss nicht alles immer umgesetzt und realisiert werden. Ich unterscheide aber auch strikt zwischen Kunst und Kultur. In der Kunst brauchen wir diese Jahrmarktbude nicht. Da genügen ja die gedankliche Anregung und das Weiterspinnen. Dieser komische Kreis in der Donau, der dann nie fertig geworden ist und richtig immense Summen verschlingt, das muss nicht sein. Aber da war diese andere Aktion mit den Erinnerungssätzen auf den Gehsteigen, IN SITU hieß das Projekt glaub ich, also so bescheidene Aktionen. Auch dieser Ruhepol. Also ich finde diese Sachen wesentlich eindringlicher. Ich hätte mir gewünscht, dass noch mehr dieser kleinen bescheidenen Aktionen stattgefunden hätten. Ich habe auch mein Augenmerk natürlich darauf gelegt. Insgesamt bin ich trotz allem zufrieden. Ich verstehe nicht die große Schelte auf Heller und Fuchs, die da teilweise getrieben worden ist. Ich finde, dass Heller und Fuchs das durchaus gut über die Bühne gebracht haben. Ich habe nicht diesen Groll, den manche da verspürt haben. Als Veranstalter ist es natürlich Wahnsinn, man hat gesehen, hier wird ein ganzer Wust an Leuten beschäftigt, und die haben dich am Anfang immer gefragt, und der Organisationsmann soundso bei euch und der Finanzreferent bei euch und der Tonbeleuchter bei euch? Die haben eben gedacht, sie reden mit 30 Leuten bei uns, obwohl ich ja nur einer bin. Es war umgekehrt natürlich auch witzig, dass da eine riesige Privatbürokratie entstanden ist, die sich durch Europa schlängelt. Die teilweise natürlich durch diese ganze Evaluierungswahnsinnigkeit bis ins letzte … man muss ja überall nur mehr riesige Berichte schreiben, die niemand liest. Es wird immer sinnloser diesbezüglich. Alles muss begründet sein. Aber einen Impuls setzt man ja, und den will man ja nicht vorweg komplett begründen. Das war erstaunlich, diese Beobachtung, dass hier eine private Bürokratie entsteht und expandiert, die einem komplexer und größer erscheint als die staatliche Bürokratie. Das finde ich eine erstaunliche Erfahrung. Ansonsten, wie gesagt, bin ich mit 2009 sehr zufrieden. Ich weiß nicht, ich bin das wenig spezifisch angegangen. Ich habe mir ein paar Sachen angesehen und bin ansonsten genauso wie in anderen Jahren nach Wien, nach München und wo auch immer hin gefahren.

Wie schätzt du den Stellenwert von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein?

Christian Steinbacher: Der Hochkultur wird meiner Meinung nach zu wenig Stellenwert entgegen gebracht. Das hängt damit zusammen, dass die Linzer eine gewisse Scheu davor haben. Das kann man lösen, indem man zum Beispiel diesen Tag im Theater macht, gemeinsam mit der Kunstuniversität. Ich muss ein bisschen ausschweifen. Wenn Anselm Glück, eine legendäre Figur in Linz, in den 1980er-Jahren in der Stadtwerkstatt gelesen hat, dann sind die und die Leute hin. Wenn er im Jägermayrhof gelesen hat, drei Monate später, dann sind die und die Leute hin. Wenn er dann in der Künstlervereinigung MAERZ gelesen hat, drei Monate später, sind die und die Leute hin. Und ich als Einziger möglicherweise zu allen drei Lesungen. Es gibt eine gewisse Stättentreue. Man hat versucht, das 2009 aufzubrechen, das war vielleicht nur von Außen möglich. Wie weit das jetzt schon gediehen ist, dass hier Grenzen gebrochen sind, kann ich nicht beurteilen. Das ist ein Prozess, aber der ist wichtig. Aber es gibt eine gewisse Scheu gegenüber der Hochkultur auch aus anderen Traditionen heraus, weil es eben diesen kulturellen Ballast nicht gegeben hat. Weil Bewegungen, wie die frühe Stadtwerkstatt, einfach zu einem Teil anti-intellektualistisch eingestellt waren. Für mich ist Hochkultur kein negativer Begriff, sondern ein positiv besetzter, der eine gewisse Kunst bietet, die eine gewisse komplexe Struktur bietet und erfordert. Ich will jetzt nicht diese abgeschotteten Bereiche der Brucknerfestbesucher dazunehmen, hier ist eine Öffnung notwendig. Denn nicht alles Hochkulturelle ist elitär im Sinne eines Elitedenkens. Es ist allenfalls elitär in dem Sinne, wie ich zuerst gesagt habe, nämlich dass Kunst immer demokratisch ist, zugleich aber auch einen Anspruch setzt, der eine entsprechende Zeit für ein Rezipieren benötigt. Zur Subkultur, ich weiß nicht, wo die anzusetzen sei. Auch da sind natürlich die Grenzen fließend. Weil wenn ich einen Tancred Hadwiger in der Künstlervereinigung MAERZ seine Präsentation machen lasse, wo er auch Mitglied ist, dann kommt eine ganze Szene mit, die ja dann im La Boheme oder wo auch immer sitzt und seine Lesungen mitverfolgt. Ich glaube, dass die Subkultur ganz gut von allen Seiten her Beachtung findet. Ich sehe da weniger einen Bedarf. Das ist auch eine Leistung dieser Stadt, dass sie immer wieder subkulturelle Bewegungen unterstützt hat. Das hat natürlich auch seinen Grund in der früheren Stadtwerkstatt, die zuweilen mit durchaus martialischen Mitteln ihre Dinge erkämpft hat und da wurde dann von der andern Seite her klein beigegeben und ist einfach ein Limes gefallen dadurch, würde ich sagen. Vor allem die Stadt, weniger das Land, also die Stadt hat auch über den Posthof immer den Kontakt zu jungen Musikgruppen gesucht. Ja und dann gibt es diese Performanceszenen, und was ist das jetzt, ist das jetzt Sub- oder Hochkultur? Also ich werte auch vieles als Hochkultur, was andere eher als Subkultur ansehen. Das ist eine eigene Fokussierung. Insgesamt würde ich sagen: weitermachen, aber man braucht das mit der Subkultur nicht noch mehr auszubauen. Ich glaube, da ist weniger Angst da, dem zu begegnen, als umgekehrt. Und die Volkskultur, wie soll ich sagen … Volkskunst ist für mich ein Unbegriff zum Beispiel. Ich unterscheide zwischen Kunst und Kultur, aber die Volkskunst gibt es für mich schlicht nicht. Eine Volkskultur gibt es sehr wohl, aber was ist Volkskultur? Ich habe einmal ein Buch gelesen, da ging es um Volkskultur, da ging es um die Tätowierkultur in Hamburg. Da ging es um die Boat People in Amsterdam. Also Volkskultur ist ja nicht die Tracht und das Land. Wenn man in einer Stadt lebt, und wir leben in einer Stadt, dann ist für mich Volkskultur anders definiert. Und dann schließt es sich eigentlich fast mit Subkultur. Ich würde diesen ländlichen Bereich überhaupt raus lassen. Von mir aus haben wir Maibaumverbot, ich habe kein Problem damit. Eine städtische Volkskultur ist keine ländliche Volkskultur. Das hat eigene Traditionen. Der Hochofenanzug wäre eigentlich die Kleidung der städtischen Volkskultur in Linz, zum Beispiel. Insofern kann ich das jetzt schwer beurteilen, weil ich eine ganz andere Vorstellung davon habe, was Volkskultur ist. Das muss eigentlich erst definiert werden, und da müssen wir arbeiten daran. Die kann sich positiv und negativ ergießen. Ich meine, möglicherweise sind die Stadtmarathons ein Ausdruck heutiger von mir negativ besetzter urbaner Volkskultur.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachtest: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch besonderes Entwicklungspotenzial vorhanden?

Christian Steinbacher: Im Sinne des Eigensinns würde ich sagen, die Literatur gehört natürlich gefördert. Aber nicht nur die Literatur. Ich möchte das anders beantworten, nicht auf die Sparten hin, sondern auf das Avancierte hin. Ich rede jetzt nicht von Kultur, sondern von Kunst. Kunst stellt sich ja immer auch selber in Frage. Das ist einfach so. Avancierte Kunst definiert sich für mich als Kunst, die sich beim Machen über die Schulter blicken lässt. Diese Kunst möchte ich fördern. Die dadurch weiter kreist, unbeirrt, die diesen Einblick gestattet. Aber ich spreche natürlich hier nicht als Künstler. Wie das aussieht, kann ich schwer beschreiben. Ich versuche es immer beim Poesiefestival, dass ich eben die Betonung auf das Machen setze. Manche Dinge kenne ich überhaupt nicht. Obwohl ich weiß, dass die sicher gut besetzt sind, also die Ballettszene oder die Tanzszene im Posthof zum Beispiel. Mir fehlt da der Zugang, ich weiß nicht. Man kann sich auch nicht um alles kümmern, alles rezipieren, als Künstler, das geht ja nicht so. Da gibt es viele Bereiche, die ich nicht kenne. Sehr glücklich bin ich mit der neuen Entwicklung des architekturforum. Das hängt sicher auch mit der neuen Leitung zusammen, weil eine neue Leitung gibt immer neuen Schwung und plötzlich sind alle wieder aktiv. Also ich habe Gerhard Neulinger, den früheren Geschäfstführer, auch gerne gemocht, um das geht es hier nicht. Betrachten wir es der Einfachheit halber nur strukturell. Es geht immer auch um die strukturellen Dinge. Da ist ein neuer Schwung, auch mit diesen Stadtausflügen usw. Ich halte überhaupt den architektonischen Aspekt für den wichtigsten momentan, weil hier sehr viel passiert in der Stadt, was mir nicht behagt. Ich würde solche Dinge noch wesentlich mehr forcieren, anbieten, von Begehungen von Terrains in Linz. Auch für breitere Schichten. Das wäre mir sehr wichtig, ausbaubar. Es kann natürlich sein, dass ich jetzt etwas beeinflusst bin durch diese Woche in Kopenhagen und hier einfach ganz anderes gesehen habe, aber man kommt immer aus irgendeiner Situation heraus. Ansonsten muss ich sagen, in den letzten zwei, drei Monaten, da habe ich eigentlich leider wenig rezipiert, um das so zu nennen.

Das hat wohl immer damit zu tun, wie viel man in diese Disziplinen, in diese Sparten auch wirklich hinein sieht. Meine Wahrnehmung wäre, dass sich in der Literatur in Linz auch einiges tut. In den bewährten Formaten, also aus dem StifterHaus heraus genauso wie zum Beispiel in der jungen Literaturszene, rund um diese Original Linzer Worte, Anna Weidenholzer, Dominika Meindl, René Monet.

Christian Steinbacher: Mir hat Anna Weidenholzer gefallen bei dieser Lesung vor einer Woche in der Landesbibliothek, wo ich auch mitgemacht habe. Ich kannte sie vorher nicht persönlich. War überrascht. Man muss das alles aber ein bisschen mit Vorsicht genießen. Ich habe auch meine Auftritte zu Beginn in Gaststätten gehabt 1985. Aber man muss dann den Sprung wagen. Ich bin mir nicht sicher, es kann sein, dass auch ein René Monet in zehn Jahren möglicherweise auf einmal nichts mehr schreibt, weil er den Sprung in den Betrieb nicht gewagt hat. Ich habe mit ihm einmal, es ist aber schon länger her, geredet und bemerkt, dass er über sein jetziges Tun irgendwie nicht hinausgehen mag in den literarischen Betrieb. Es gibt natürlich auch ein Phänomen des Sich-Abschottens vom Betrieb, das bei jüngeren zu beobachten ist, und das ich selbst als junger Autor gut kannte. Das ist ein Phänomen, das heute aber anders aufgetaucht ist seit den Poetry Slams. Wo Leute meinen, sie müssten und könnten alles neu erfinden. Das sehe ich als nicht gut an. Das geht bis zu einem gewissen Alter und dann eben nicht mehr. Das kommt mir so vor, wie wenn Robert Jelinek und ich weiß den zweiten nicht mehr einen Katalog gemacht haben Anfang der 1990er-Jahre, und Fritz Lichtenauer mir davon berichtet hat, wie er zu den Künstlern, als sie ihn in seinem Büro aufgesucht haben, gesagt hat: Ja, da hat es die gegeben in den 1950er-Jahren und den in den 1960er-Jahren, die haben gearbeitet wie ihr, das könnte euch interessieren, die beiden ihm aber ihr Desinteresse bekundeten. So geht es aber nicht. Schienen müssen nicht nur gelegt, sondern auch aufgesucht werden. Man kann auch nicht ohne alle Tradition drauflos agieren … jetzt ist alles neu, jetzt mache ich das. Ich sehe das schon komplexer. Aber es rührt sich viel, das stimmt. Hier ist in diesem Bereich um den Roten Krebs, den du erwähnst, um diese Leute ist eine neue Form zwischen Literatur und Performance entstanden. So wie in allen Städten momentan. Ich würde mir aber auch wünschen, dass diese Leute zu uns kommen, ich weiß nicht, warum das nicht geschieht, ob das auch mit der eingangs erwähnten gegenseitigen Stätten-Scheu zu tun hat, vielleicht ist man da zu intellektualistisch verschrien oder was weiß ich. Das sollte aber nicht so sein. Das StifterHaus wiederum hat eine ganz andere Funktion inne, weil es ja eine Landesinstitution ist und ihm quasi die Hände insofern gebunden sind, als im StifterHaus leider mehr oder minder alles, was irgendwie aus Oberösterreich stammt und in Oberösterreich aktiv ist, irgendwie untergebracht werden muss.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen? Welche Themen wären das, wo du sagst, Leute, wir müssen uns unbedingt unterhalten, über …

Christian Steinbacher: Tabakfabrik. Das ist das erste. Was macht man damit? Und da würde ich versuchen, irgendein Museum durchzubringen und nicht eine Veranstaltungsstätte oder irgendetwas anderes innerhalb der Fabrik zu machen. Aber das wirklich groß anzulegen. Ich persönlich würde dann als zweites aufs Tablett bringen: Warum gibt es kein Podium oder Labor für Neue Musik? Nämlich als konstante Stätte. Wir selber wollen das jetzt, das muss ich dazu sagen, in der Künstlervereinigung neu angehen. In den letzen Jahren ist das eingeschlafen, das hat der Peschek über viel Jahre gemacht, dann war nichts mehr in dem Bereich, dann haben zwei Komponisten meienr Generation das übernommen, die sind aber eben Komponisten und nicht duirekt ansässig und haben nicht die Zeit, die Muße, die Gabe gehabt, organisatorisch darüber hinaus irgendetwas nachhaltig in die Wege zu leiten. Und jetzt ist in den neuen Vorstand der Künstlervereinigung ein weiteres Mitglied in diesem Bereich aufgenommen worden und man wird sehen. Nun, es gibt auch noch den Problemkreis, wie soll man das nennen, der Wechselwirkungen. Beispiel Lentos und Galerienszene, Beispiel Kunsthochschule und öffentlicher Raum. Da finden Wechselwirkungen statt oder nicht. Gibt es sie, soll es sie geben, kann es sie geben?

Zu den einzelnen Themenbereichen. Zu Leerständen und Zwischennutzungen. Du hast das vorher als erstes Thema angebracht, in Zusammenhang mit der Tabakfabrik. Inwieweit denkst du, dass Leerstände interessant für Kunst- und Kulturschaffende in Linz sind?

Christian Steinbacher: Äußerst interessant. Ich finde, eine Leerstandbespielung ist eine der wesentlichsten Formen der Kunst des 21. Jahrhunderts, vor allem weil sich die Kunst im öffentlichen Raum ja weiter entwickelt hat. Da kann wirklich im Sinne dessen, was du als Flexibilität bezeichnet hast, etwas Flexibles geschehen. Das ist dann alles wieder weg. Es muss ja nicht alles für die Ewigkeit geschaffen sein. Da geht es um Impulssetzungen. Ich bin aber nicht dafür, dass man die Kunst einfach nur unter das Volk bringt. Das meine ich nicht mit Leerstand. Der Leerstand ist nicht einfach eine Fläche, ein Stand, ein Zimmer, ein Gebäude, das jetzt die Möglichkeit dazu bietet, irgendetwas zu machen, sondern es muss dabei auch auf den Leerstand eingegangen sein.

Was dann sehr stark mit Architektur und mit Stadtraum zu tun hat.

Christian Steinbacher: Es kann Stadtraum sein, es können auch drei alte Wohnungen sein, es kann auch in einer Au sein, es kann alles Mögliche sein. Aber ich kann nicht alles überallhin verfrachten. Das wäre mir wichtig, dass das Spezifikum des jeweiligen Leerstandes mit Motiv ist.

Sind dir Initiativen oder Personen aus dem Kunst- und Kulturbereich bekannt, die „auf der Suche“ nach Möglichkeiten für Zwischennutzungen sind? Kannst du diese Suchbewegung näher beschreiben?

Christian Steinbacher: Wie definierst du eigentlich Leerstand?

Ein leer stehendes Gebäude oder eine Brachfläche. Es kann der Frachtenbahnhof genauso sein wie das Zollamtsgebäude da drüben oder die Tabakfabrik oder …

Christian Steinbacher: Der Hafen ist momentan, nach dem Rundbrief von Leo Schatzl, virulent, würde ich sagen, höchst virulent. Da soll sich ja nichts verändern. Ich halte das für eine ausbaubare, ganz wichtige Sache dort. Es ist nicht meine Sache, aber das muss unbedingt gewahrt bleiben, denke ich. Da muss man sehr dafür eintreten. Und das betrifft einige Künstler.

Noch mal nachgefragt. Mich würde vor allem diese Suchbewegung interessieren, ob du irgendwelche Initiativen oder Personen in den letzten Jahren wahrgenommen hast, die nach einem Leerstand oder einer Brachfläche gesucht haben? Es kann ja ganz einfach sein, ein bildender Künstler denkt sich, ein Leerstand wäre jetzt einmal interessant, sich damit auseinander zu setzen, etwas zu machen. Er nimmt ein Objekt wahr und dann gibt es eine städtische Stelle, wo er hingeht und sagt, das würde mich jetzt interessieren, dort etwas durchzuführen, motiv- oder themenorientiert und dann kann es heißen: „Ok, kein Problem, das ist eine städtische Immobilie.“

Christian Steinbacher: Ich kann mir gut vorstellen, dass man für vorübergehende Zeiten – also ein Leerstand ist ja nichts Ewiges, dessen müssen sich alle bewusst sein – eine Bespielung fördert. Ich würde diese Bespielung nicht nur auf die bildende Kunst hin ausrichten. Da kann genauso sein, dass Udo Wid, ein Denker zwischen Physik und irgendetwas, dort ein Monat verbringt. Das hat er wunderbar gemacht in einer Ausstellung in Weimar, einer Ausstellung unserer Künstlervereinigung. Er hat sich ein Monat da hinein begeben, hat sich eine Wohnsituation in seinem Raum eingerichtet und hat dort angeboten, mit ihm philosophisch zu diskutieren. Wenn man das wirklich konkret angeht, müsste man über die Grenzen der bildenden Kunst und der Kunstuniversität, so sehr sie im Vordergrund stehen müssen aufgrund der Historie der Stadt, hinaus gehen.

Welche Maßnahmen könnte die Stadt setzen, um die Nutzung von Leerständen zu erleichtern?

Christian Steinbacher: Trotz alledem müsste eine Anlaufstelle vorhanden sein, die eben auch an die Kunstschaffenden, an die Kunstuniversität, an die Vereinigungen, an die Autorenvereinigungen, was auch immer, vermittelt, dass es Leerstände gibt, wo es sie gibt und betreffend die jeweiligen Betreiber der Leerstellen, seien sie städtisch oder was auch immer, hilfreich eingreift. Man muss aber nicht jede Leerstelle nützen. Man darf das jetzt nicht zu einem überdimensionierten Phänomen machen. Das kann sich auch totlaufen. Aber so eine Anlaufstelle wäre wohl gut.

Es gibt auch einen prominenten Leerstand in der Stadt, die Tabakfabrik. Du hast es schon mehrfach angesprochen.

Christian Steinbacher: Ja, es ist schon mehr ein Leersaal als ein Leerstand. Und das ist das Hauptproblem. Man sollte keinesfalls ein Kulturzentrum daraus machen, das wäre das Schlechteste, was möglich ist, weil es zu viele kleine, aktive Stätten und auch Nichtstätten, was auch immer, gibt in der Stadt, bereits existierende. Und wenn man da irgendetwas verfrachtet, geht die doch notwendige Identität einfach verloren, und das ist dann kaputt. Das kann man so nicht.

Was wäre dein Wunsch? Ein Industriemuseum hast du schon angeführt.

Christian Steinbacher: Ja, ganz großspurig wirklich die großen Räume dafür zu nutzen. Das bringt auch Leute aus ganz Europa, die das ansehen, diese Thematik, die eben hier dargestellt werden kann. Das wäre ein großer Wurf, das wäre genauso groß, wie wenn man das Opernhaus in den Hafen gebaut hätte.

Und welche Rolle sollen dann trotzdem Kunst und Kultur bei der zukünftigen Nutzung der Linzer Tabakfabrik deiner Meinung nach spielen?

Christian Steinbacher: Darüber hinaus kann man am Rand, aber ohne, dass es das Museum stört, natürlich Teile dafür verwenden. Ich würde es trotz allem aber eher für Arbeitsstätten, sprich Proberäume für junge Musikgruppen usw. verwenden. Das Atelierhaus kann nicht genügend Räume anbieten. Das ist eine sehr schöne Einrichtung, damals wie sie entstanden ist, aber der Bedarf ist natürlich größer. Ich würde es eher auf diesen Nutzungsaspekt zwischen Proberaum bis hin zu Neuer Musik, was auch immer, zwischen Proberaum und Atelierraum nutzen und nicht als Veranstaltungsraum. Weil es doch eh schon so viele Veranstaltungsstätten gibt. Das verkraftet die Stadt nicht, wenn dort noch einmal etwas in der Richtung entsteht.

Nächster Themenbereich. Neue Infrastruktur, neue Formate. Wie beurteilst du die vorhandene kulturelle Infrastruktur in Linz? Inwieweit siehst du noch quantitativen oder qualitativen Ausbaubedarf?

Christian Steinbacher: Also wir sind jetzt bei den Häusern, ja?

Ja. Würdest du sagen, jetzt mit dem Musiktheater, der letzte Bau, der gerade errichtet wird, ist jetzt einmal auch etwas erreicht. Gut, die Tabakfabrik, die ist gebaut, da geht es dann um den Einbau, Umbau, wie auch immer. Das kostet natürlich auch viel. Aber wo du jetzt sagen würdest, zusätzlich braucht es jetzt einmal nichts mehr, kein Museum, kein Konzerthaus, was auch immer.

Christian Steinbacher: Braucht es nicht. Man kann ja, auch wenn es um die Architektur geht, andere Sachen machen. Man hätte statt der Passage, der Arkade, zum Beispiel Wohngebäude dort hinstellen können vor vielen Jahren. Also ich bin Innenstadtbewohner, und die Qualität ist gut, aber verbesserbar. Da wäre mir eher wichtig, dass nicht jeder Drogeriemarkt hundert Mal vorhanden ist und solche Dinge. Aber das sind Kulturphänomene, das sind keine Kunstphänomene. An diesen Kulturphänomenen sollte man schon noch arbeiten. Es ist auch wichtig, dass ein Hauptplatz nicht nur aus Banken und Drogeriemärkten besteht. Ich weiß von einem Hauptplatzanrainern, dem früheren Betreiber der Alten Welt, dass der immer gesagt hat, der einzige, der überhaupt etwas begreift von diesem Hauptplatz, von denen, die da rundum leben, ist neben ihm der Inhaber vom Hotel Wolfinger, und die meisten begriffen ja gar nicht, was sie da haben. Das ist zum Beispiel ein wunderschöner, riesiger Platz. Ich würde aber weniger – ich weiß nicht, das ärgert mich als Innenstadtbewohner – diese endlose Hauptplatzbespielung durchführen. Bei jedem Marathon dachte ich schon, wie komme ich überhaupt zur ÖBB raus? Das ist eine Zwangsbeglückung, die sicherlich nicht nur in Linz passiert, aber in Linz ist es natürlich extrem, weil wir da diese zwei Brücken haben, wo sie dann unausweichlich drüber laufen müssen usw. Diese Zwangsbeglückungen, die würde ich reduzieren. Es war auch interessant, dass das OK dann das vor Jahren schon bestreikt hat mit dem Kronefest. Die von dem Fest hätten da sogleich ihre Zelte aufgestellt, doch sie haben gesagt, sie wollen das nicht. Da passieren schon Vereinnahmungen, die ich nicht für in Ordnung finde. Es muss nicht jedes zweite Wochenende in Linz Beschallung sein. Beim Kronefest höre ich dann in der Fabrikstraße die Volksmusik schon um 10 Uhr in der Früh. Ich bin nicht gerade beglückt darüber. Da könnte man doch auf einer Spielwiese draußen machen, also kulturell betrachtet, für diese Massenspektakel sollte man eventuell eine Spielwiese außerhalb vom Zentrum oder außerhalb der Stadt installieren. Das ist natürlich utopisch gedacht, so wie ich mir das jetzt vorstelle. Aber da wäre noch ein Bedarf, das raus zu bringen, und nicht das weiter zu forcieren.

Wie steht es um Formate wie Festivals und Biennalen, LinzFest, Ars Electronica?

Christian Steinbacher: Das habe ich zuerst vergessen. Das LinzFest ist auch noch sehr wichtig, aber das geht weniger für mich nach Außen, sondern das geht für mich nach Innen. Das ist wirklich für die Linzer Bevölkerung bis zu den ganz jungen. Dieses Prinzip des freien Eintritts hat da natürlich eine Relevanz, das ist ganz, ganz wichtig. Aber ich habe das anfangs nicht erwähnt, weil das betrifft weniger den Blick von Außen.

Es gibt eine ganze Reihe an Kunst- und Kulturfestivals in Linz. Ist das zu viel, genau richtig, zu wenig?

Christian Steinbacher: Am Limit. Ich würde sagen, am Limit. Es gibt ja immer die Möglichkeit, wenn wir von Formaten sprechen, nicht nur neue Formate zu entwickeln und noch mehr zu machen, sondern vorhandene auszufalten. Da gibt es das schöne Wort Ausfalten. Ich kann eine Sache ausfalten, ich kann sie differenzieren. Ich kann das Format von innen erweitern.

Du hast schon sehr viel über die Festivals und über die Formate gesprochen. Trotzdem, wenn man es differenziert betrachtet, ist dir irgendetwas aufgefallen bei der Entwicklung dieser Formate und Festivals, wenn man die Qualität betrachtet?

Christian Steinbacher: Na ja, einer Eventisierung kann man dadurch begegnen, bei diesen Formaten, die ich jetzt im Auge habe, dass man einfach entsprechende Tagungen etwa mit berücksichtigt, wo es in den Hardcore des Diskurses geht. Egal, wie viel Eventisierung da noch dabei ist. Ich halte das schon für wichtig, dass Formate eines gewissen Anspruchs auch einen theoretischen Teil in sich bergen. Dann kommen wir ja schon mal aus dieser Eventschleife raus.

Ist es schon mal so gewesen, in den letzten Monaten oder Jahren, ohne jetzt ein reines Copy und Paste zu machen, dass es ein Format oder Festival in irgendeiner anderen Stadt gegeben hat, wo du dir gedacht hättest, wieso nicht in Linz? Das würde zu Linz doch sehr gut passen?

Christian Steinbacher: Da bin ich schon so arrogant und denke, wichtig ist es, die Formate selbst gut zu entwickeln.

Das ist klar, aber einen Impuls kann man ja von wo anders auch bekommen.

Christian Steinbacher: Einen Impuls kann man bekommen. Aber es ist mir auch manchmal passiert, wo ich mir dachte: „Oh Gott, oh Gott, was übernehmen sie denn da wieder? Haben sie wieder im Kunstforum herumgelesen.“ Man kann schon selber auch etwas entwickeln und Linz braucht schon das Bewusstsein, dass man von hier aus den Impuls setzt, dass man das umdreht. Mit dieser Schärfe muss man schon reingehen in die Sache. Das Problem liegt natürlich in den Finanzierungen. Ich sehe das bei Poesie-Festivals andernorts, das ist einfach schlecht, was da manchmal passiert. Da wird eingeladen nicht nach motivischen oder wie auch immer thematischen Gesichtspunkten, sondern es wird eingeladen nach den geldern der Botschaften. Die Armenier zahlen jetzt zwei Autoren, also nehmen wir zwei. Und so grundeln die Veranstalter herum, vor allem in Berlin passiert das eklatant. Die Poesiefestivals sind oft absolut unstrukturiert inzwischen, da sind wir hier viel weiter. Aber aufgrund dieser Gegebenheiten, es ist zuwenig Geld da, und da versucht man ständig ein Würfelspiel mit den Staaten, je nachdem, was halt dann gezahlt wird. Das erzeugt ungute Abhängigkeiten. Abhängigkeiten diesbezüglich, dass man von einer wirklichen Konzentration auf eine Ausfaltung, wie wir zuerst gesagt haben, oder auf eine Erfassung eines motivischen Komplexes, Abstand nehmen muss plötzlich.

Das war es soweit mit den Fragen. Ist dir noch irgendetwas abgegangen, willst du irgendetwas Wichtiges noch mitteilen?

Christian Steinbacher: Im Moment nicht, nein. Ich glaube der Parcours hat eh fast alles berührt.

Würdest du irgendwo noch den Zeigefinger nach oben strecken und sagen: Vorsicht, nicht vergessen! Also auf irgendetwas hinweisen, wenn es um diese partizipatorische Phase geht?

Christian Steinbacher: Na ja, es ist immer ein Problem, weil es gibt Leute, die strukturell an diese Dinge herangehen wollen, und es gibt Leute, die Bedürfnisse haben. Ich würde ja nicht von denen ausgehen wollen, die Bedürfnisse haben. Weil das bringt nichts. Das bringt ein Kauderwelsch an tausend Wünschen. Ich würde die Leute suchen, die strukturell das Ganze bedenken wollen, im Sinne einer Arbeit für alle natürlich.

Danke.

Dieser Beitrag wurde unter Interviews veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.