Andrea Bina

Zu deiner Person, Geburtsdatum und Geburtsort und seit wann lebst du in Linz?

Andrea Bina: Ich bin am 5. Oktober 1967 in Linz geboren und lebe seit ca. vier Jahren wieder in der Stadt, pendle aber nach wie vor zwischen Wien und Linz. Zuvor habe ich ja 20 Jahre in Wien gelebt.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus?

Andrea Bina: Ich bin Leiterin des Nordico Stadtmuseum Linz und bin Vorstandsmitglied des architekturforum oberösterreich.

Wie würdest du deine Tätigkeit am ehesten bezeichnen?

Andrea Bina: Leiterin des Stadtmuseum Nordico.

Welche Zielgruppen werden deiner Meinung nach durch die Arbeit des Nordico besonders angesprochen?

Andrea Bina: Eigentlich kann ich das nicht einschränken. Ich möchte alle Zielgruppen ansprechen.

Von der geografischen Reichweite, wie würdest du das beschreiben, hauptsächlich?

Andrea Bina Also das ist Linz und ganz Oberösterreich, das Einzugsgebiet Bayern und natürlich Wien.

Gibt es in Bezug auf die vorhandene räumliche bzw. technische Infrastruktur aktuell einen Handlungsbedarf? Das heißt irgendwie den Wunsch nach quantitativer oder qualitativer Erweiterung?

Andrea Bina: Zuerst müssen die Strukturen hier im Haus optimiert werden, dazu vor allem die Expansion auf den Vorplatz hinaus, was ich ja schon aktiv anstrebe. Das ist mir unglaublich wichtig. Und das Zweite ist, dass die Lagersituation in der Carlonegasse nicht befriedigend ist, zumal diese einerseits schon zu klein wird und auch die Entfernung zum Museum eine Rolle spielt.

Und technische Infrastruktur … also das Haus ist zwar neu, quasi saniert, aber gibt es da irgendeinen qualitativen Ausbaubedarf?

Andrea Bina: Ja, auf alle Fälle muss der Verwaltungstrakt, also die Büros, dringend erneuert werden – da bin ich gerade dabei, selbstverständlich auch der Eingangsbereich. Es muss einiges umgebaut werden, ebenso der Shop. Besonders ein Lager bzw. Depot fehlt uns hier im Haus sehr.

Kommen wir zum Hauptblock, zur kulturellen Entwicklung, Situation und Zukunft von Linz. Ich würde dich gerne bitten, dass du dir vorstellst, es steht irgendwo „Kulturstadt Linz“ und ich gebe dir einen Stift in die Hand und du kannst Begriffe, Namen, Themen dazuschreiben. Was assoziierst du mit „Kulturstadt Linz“?

Andrea Bina: „Kulturstadt Linz“ bedeutet für mich grundsätzlich eine ungeheure Veränderung im Bezug auf das Image. Also, wenn ich mir überlege, dass ich mit 18 Jahren aus der Stadt fort gegangen bin und diese heute betrachte, so ist das wirklich beeindruckend. Dennoch habe ich immer wieder das Gefühl, wenn man auf Österreich blickt und Städte nennt, die mit Kultur und Kunst zu tun haben, dass ganz oft Linz nach wie vor eigentlich nicht dabei ist. Insgesamt aber ist der abgedeckte Kultur- und Kunstbereich in Linz vorbildhaft, im Wesentlichen für zeitgenössische Kunst, auch für den Kunsthallenbetrieb, wie das OK, ebenso das Museum Lentos als zeitgenössische, international orientierte Schiene und natürlich das Nordico mit mir, die ich das Stadtgeschehen lokal bearbeite und daran interessiert bin, auch immer wieder über den Tellerrand hinauszuschauen. Nicht zu vergessen sind natürlich Landesgalerie, Schlossmuseum und AEC. Also ich finde, die Landschaft ist – auch mit dem architekturforum – schon äußerst gut bestückt.

Wenn du die letzten Jahre betrachtest, also höchstens die letzten zehn Jahre, 2000 bis 2010: Was ist deiner Meinung nach sonst noch besonders gut gelaufen? Aus der jetzigen Assoziation entnehme ich zeitgenössische Kunst, vor allem auch dann in Zusammenhang mit dem Betrieb der Häuser und die kulturelle Landschaft, wie du schon gesagt hast. Aber was ist sonst noch deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung gelaufen in den letzten zehn Jahren?

Andrea Bina: Ich finde, betrachtet man die Entwicklung der letzten Jahre und sieht man den ganz aktuellen Generationswechsel, den viele Häuser zeigen, auch mit ihren Neubesetzungen, ebenso die des Kulturdirektors, dass das eine unglaublich große Chance und ein Zusammenwachsen aller Institutionen bietet. Und das ist natürlich eine wirklich sehr gute Basis. Es gibt keine großen Berührungsängste – die es vorher schon gab – zwischen politischen Couleurs und auch nicht zwischen Landeseinrichtungen und städtischen Einrichtungen. Unsere Generation hat diesen Dünkel überhaupt nicht, sondern man versucht, fachlich, qualitativ hochwertig zu arbeiten und sich auszutauschen sowie sich gegenseitig zu unterstützen.

Auf der anderen Seite: Gibt es Entwicklungen der letzten höchstens zehn Jahre, mit denen du überhaupt nicht zufrieden bist, kulturelle Entwicklungen in der Stadt?

Andrea Bina: Es gibt zu wenig Sprachkultur in dieser Stadt und viel zu wenig Auseinandersetzung im Kontext von Bürgerbeteiligung. Ich denke mir, es gibt vorgegebene Themen, die von den meisten Bürger_innen dieser Stadt einfach unreflektiert und unkommentiert hingenommen werden. Ich fand – und da gehe ich jetzt nur auf eine spezielle Ausstellung ein – „Best of Austria“ wirklich genial, weil es einfach richtige Kämpfe gab, ein Für und Wider. Und das vermisse ich in dieser Stadt. Das hängt wahrscheinlich mit der historischen Genese einer nicht-bürgerlichen Stadt zusammen.

Du hast vorher schon angesprochen, wenn von Kulturstädten gesprochen wird, von österreichischen Kulturstädten, kommt Linz meistens nicht vor. Wenn wir einen Blick über den Tellerrand hinaus machen und Linz vergleichen mit ähnlich großen Städten, Wien ausgenommen – Wien ist meiner Meinung nach nicht vergleichbar – aber Salzburg, Graz, Innsbruck sind Referenzstädte von der Größe ungefähr. Womit kann Linz deiner Meinung nach in diesem Städtewettbewerb kulturell und künstlerisch punkten?

Andrea Bina: Aus meiner Sicht ist Linz insofern spannend, weil man so Vieles ganz neu aufbauen konnte. Salzburg greift natürlich auf seine Tradition zurück.

Ist das immer noch so, denkst du, oder hat Linz auch schon Tradition?

Andrea Bina: Nein, das stimmt eben nicht. Man nimmt es nur von außen gesehen viel zu wenig wahr. Und wenn ich behaupte, dass dort und da Linz einfach nicht erwähnt wird, dann meine ich, dass es wohl vergleichbare Städte gibt. Salzburg ist die Hochkultur schlechthin mit ihren Festspielen, oder Bregenz ist ja unglaublich klein im Vergleich zu Linz, hat aber auch im Kunst- und Kulturbereich sehr gute Galerien, und das Kunsthaus bietet ein ganz tolles Programm. Graz hat aufgrund seiner Nähe zu Italien und Slowenien gepunktet und ist eine bürgerliche Stadt. Das Ganze hängt natürlich auch mit dem Tourismus zusammen und ich finde, dass sich Linz immer noch viel zu billig verkauft und die Nähe zu Tschechien und Bayern meines Erachtens sehr intensiviert gehört.

Inwieweit denkst du, dass Linz als Kulturstadt wahrgenommen wird? Also wie weit reicht die Wahrnehmung?

Andrea Bina: Man sieht das Brucknerfest und wahrscheinlich das Ars-Electronica-Festival, doch es bleibt zu wünschen, dass man diese vielen guten gute Ausstellungen, die es in dieser Stadt gibt, ebenso wahrnimmt, siehe auch die Landesgalerie. Was dort für Spitzenausstellungen sind! Die werden einfach viel zu wenig wahrgenommen. Die Marke Linz als Kunst- und Kulturstadt gehört besser vermarktet. In Wien gibt es die Zeitung „Der Falter“, auch mit einem Teil zu Graz. In Linz gibt es keine Stadtzeitung. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich glaube, dass so eine Stadtzeitung, in der man auf einen Blick alle kulturellen Geschehnisse sieht, sehr von Vorteil wäre.

Im Rahmen von Linz09 hat es ja einen Versuch gegeben mit dem „Neuner“.

Andrea Bina: Mit dem „Neuner“, ja. Aber da fand ich schade, dass man nur das Programm von Linz09 aufgenommen hat und nicht das Andere. Ich finde, eine Stadt sollte nicht immer nur einen speziellen Fokus herausgreifen.

Linz09 ist das nächste Thema. Kannst du ein Resümee von Linz09 anhand von maximal drei Punkten geben? Die ersten drei Punkte die dir einfallen.

Andrea Bina: Linz09 war insgesamt eine sehr gute Sache für die Stadt, auch im Sinne der Nachhaltigkeit. Durch Linz09 gewann die Stadt ein gewisses Selbstbewusstsein. Man hat über vieles nachgedacht, was vorher oberflächlich betrachtet wurde. Und nicht zuletzt hat zu diesem Zeitpunkt das Zusammenwachsen vieler Institutionen begonnen. Es ist auch unglaublich positiv, dass – im Gegensatz zur Kulturhauptstadt 2003 in Graz – Geld erwirtschaftet wurde bzw. übrig blieb und jetzt in einige langfristig geplante Projekte einfließen kann. Das empfinde ich als sehr positiv, ebenso, dass man jetzt auch im Nachhinein versucht, wie beispielsweise jetzt mit dem Naturthema, das hier zu einem Meta-Thema wird, manche Institutionen zusammenzuspannen und dadurch stärker nach außen wirken zu lassen. Als Beispiel bieten sich jetzt die Landesgartenschau, das OK, wir, das Nordico, das StifterHaus, das Schlossmuseum, der Botanische Garten an. Wir alle sind jetzt in einem Linz-Tourismus-Folder groß drinnen, es gibt eine gemeinsame Karte und man unterstützt sich gegenseitig und hat kaleidoskopmäßig ein Thema aufbereitet. Das alles finde ich sehr gut.

Ich hätte drei Fragen, die richten den Blick auf strukturelle Merkmale, die mit dem Kunst- und Kulturfeld in Linz zu tun haben. Die erste Frage ist schwierig, das schicke ich voraus. Wie schätzt du das Verhältnis in Linz von Hochkultur, von Subkultur und von Volkskultur ein?

Andrea Bina: Das Verhältnis der drei? Also ich glaube, die klaffen extrem auseinander. Es gibt so unterschiedlich autonom agierende Player. Ich bin ja gespannt, wie sich das mit der Oper entwickelt und ob sie dann in irgendeiner Form mit Subkulturen in der Stadt etwas zu tun hat. Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen. Ich glaube, dass es viel zu viele Einzelkämpfer gibt, viel zu wenig Verbindung. Womöglich ist der Opernbau viel zu überdimensioniert für die Stadt. Den Standort finde ich gut, weil hier der Versuch unternommen wird, dem Auseinanderdriften der Stadt städtebaulich entgegen zu wirken.

Wenn wir den Blick auf Disziplinen richten: Wo würdest du meinen, dass besonderes Entwicklungspotenzial vorhanden ist? Also wo du dir vielleicht schon einmal gedacht hast in den letzten Monaten oder Jahren, das liegt irgendwie auf der Hand, warum greift das die Stadt nicht mehr auf, wo doch das Potenzial so offensichtlich ist?

Andrea Bina: Gut gelungen empfinde ich im Südflügel des Schlossmuseums die Neuaufstellung des Bereiches Natur. Wenn ich jetzt auch nur auf die Genese des Nordicos zurückblicke: Jene Ausstellungen, die am besten besucht waren, die oft 70.000 Besucher_innen hatten, sind Naturausstellungen. Ich vermute, dass Natur- oder Technik-Ausstellungen die Menschen unglaublich interessieren. Auch die Architektur hat großes Potenzial. Ein Thema, das wenig aufgearbeitet ist, ist die städtebauliche Entwicklung, die 1930er-Jahre. Und das Rote Linz hat kaum jemand flächendeckend bearbeitet. Es gibt viele interessante Bauten der 1930er-Jahre in dieser Stadt. Also, Architektur ist ein gutes Thema. Und man sieht ja auch jetzt mit der neuen Leitung des architekturforum, was für ein Potenzial da drinnen steckt. Es erscheint mir interessant, komplexe Themen-Ausstellungen zu machen.

Also wenn ich jetzt zusammenfassen darf oder interpretieren darf gleich, dann ist das ein Plädoyer für Interdisziplinarität, was Natur mit Kunst …

Andrea Bina: Ja, das finde ich total gut. Komplexe Ausstellungen sind wundervoll. Ein gutes Beispiel ist die Ausstellung „WeltWissen“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Neun Institutionen haben sich zusammengeschlossen, eigentlich waren es in erster Linie Museen und Forschungseinrichtungen, die aus diesem Jahrhundert ihre Leistungen und ihre Errungenschaften aufgezeigt haben. Ich fand diese Ausstellung beeindruckend, denn die Geschichte hat mit den unterschiedlichen Entwicklungen aller Disziplinen zu tun, und es ist auch interessant, was sich in den einzelnen Bereichen tut, mit den verschiedensten Parallelitäten – was Spannenderes gibt es überhaupt nicht.

Passt auch sehr gut zur Überleitung zur nächsten Frage. Welche höchstens drei Themenschwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug denkst du, sind die größten Herausforderungen für die Stadt in den nächsten Jahren?

Andrea Bina: Ich bin der Meinung, ein wirklich für die Stadt wichtiges Thema ist die Tabakfabrik und deren Leerstand. Die Frage ist, was passiert mit der Fabrik? Sie ist ein Baujuwel. Ich finde, dass der Bund, die Stadt und das Land zu wenig miteinander sprechen. Wie kann es sein, dass wir 80.000 Quadratmeter leer stehen haben, aber das Land baut am Pöstlingberg eine Musikuniversität in einem Wohngebiet. Und der Bund baut den Sciencepark an der Johannes Kepler Universität, der gleich groß wie die Tabakfabrik ist. Man sollte hier an einem Strang ziehen.

Zu den einzelnen Themenbereichen. Der erste Themenbereich ist Leerstände und Zwischennutzungen. Inwieweit denkst du, dass Leerstände ganz allgemein interessant für Kunst- und Kulturschaffende in Linz sind? ist das dort ein Thema? Gibt es da Bedarf?

Andrea Bina: Ja, das ist Thema, und es gibt großen Bedarf. Vor allem darf man nicht vergessen, dass das nicht nur Linz betrifft. Heute sucht man wieder die Individualität innerhalb der Globalisierung. Schade finde ich, dass so viele Student_innen oder Absolvent_innen Linz nach dem Studium verlassen. Auch ist die Möglichkeit zu überlegen, spannende Leute temporär in die Stadt zu holen, um mit dieser Stadt zu arbeiten, was wiederum für mich als Stadtmuseumsleiterin total wichtig wäre, weil es einen anderen Fokus, eine andere Sicht auf die Stadt gibt.

Sind dir Initiativen oder Personen aus dem Kunst und Kulturbereich bekannt, die auf der Suche nach Leerständen, nach Zwischennutzungen, sind?

Andrea Bina: Ja, unendlich viele.

Und kannst du so einen Suchprozess näher beschreiben? Weil es gibt ja … Suchprozess kann ja sein, dass das recht schnell geht und man kann einen Leerstand nutzen, man kann ihn besetzen, und dann ist man wieder weg, oder wie funktioniert das deiner Meinung nach in der Stadt?

Andrea Bina: Ich kenne viele, die etwas suchen und immer daran scheitern, weil es dann aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist. Entweder bekommt man das Lokal nicht oder es ist die Miete zu teuer, wie auch immer. Es gibt diese große Achse, die Landstraße, die funktioniert, und kaum bist du in der Nebenstraße, funktioniert das schon wieder nicht. Es wäre ja auch eine unglaublich gute Möglichkeit, dezentrale oder kleine Plätze und Nischen entstehen zu lassen.

Was könnte die Stadt deiner Meinung nach in dem Zusammenhang tun?

Andrea Bina: Ich glaube, dass die Stadt einfach viel unkomplizierter reagieren sollte. Man müsste sich vielleicht auch eine bestimmte Form des Vertrages überlegen, um zu sagen: Ok, man vermietet jetzt einmal für einen kleineren begrenzten Zeitraum und verhandelt eben nach. Es gibt ja gute Beispiele, wie das Zahnarztmuseum, das in das ehemalige Akustikon einzieht. Das ist einfach nicht gut, wenn da so zentral in einer Gasse ein Lokal leer steht. Ein anderes Beispiel ist der info-point Linz 09, eine Tragödie. Da muss man doch glücklich sein, dass dorf tv im Brückenkopf-Gebäude Ost da vorne drinnen sitzt. Man müsste insgesamt viel spontaner reagieren.

Und es gibt einen prominenten Leerstand, der auch von dir gleich angesprochen wurde als großes Zukunftsthema auf die Frage vorher, das ist die Tabakfabrik. Was würdest du dir hinsichtlich dieses größten städtischen Leerstandes wünschen?

Andrea Bina: Bunte Vielfalt. Ich würde unbedingt gleich einmal diese 1980er-Jahre-Bauten wegreißen, damit es eine Öffnung zur Stadt hin gibt, das finde ich ganz wichtig, und würde versuchen, eine Mischform von Wohnen, Kultur etc. einzuführen. Das Areal gehört bevölkert.

Inwieweit sollte Kunst und Kultur bei der zukünftigen Nutzung der Linzer Tabakfabrik eine Rolle spielen?

Andrea Bina: Ja, die sollte schon einen hohen Stellenwert haben, ebenso die Gastronomie. Lebendigkeit wäre wünschenswert – das ist etwas, was Kunst und Kultur schon hervorrufen. Aktivität durch Ausstellungen oder Sommerkino und anderes. Man braucht nur die Donaulände ansehen. Es sollte einfach ein Lieblingsort werden, auch der Jugendlichen. Die suchen ohnehin immer neue Orte in der Stadt. Die Donaulände ist ja der absolute Lieblingsort. Ich bin überzeugt davon, dass die Fabrik auch so etwas werden könnte. Jugendkultur, ganz wichtig: Wo treibt sich die Jugend überhaupt herum in der Stadt?

Schule, Bildung, Wissenschaft: zweiter Themenbereich. Wie schätzt du das Interesse von Schülerinnen und Schülern am bestehenden Kunst- und Kulturangebot in Linz ein?

Andrea Bina: Grundsätzlich schon gut, man könnte es aber viel intensiver betreiben.

Was könnte man tun, um das Interesse zu verstärken?

Andrea Bina: Man müsste wahrscheinlich gute Kooperationen à la longue mit Schulen aufbauen und somit ihr Interesse wecken. Wir machen das jetzt bei der Gartenausstellung. Das Stadtmuseum sehe ich wirklich als Ort für jede Altersstufe, jede Bildungsschicht, aber im Speziellen auch für die Schüler_innen. Die werden aufgerufen, ihren eigenen Schulhof zu untersuchen, präsentiert auf einer Wäscheleine. Das Resultat wird ins Haus gebracht, damit es Anknüpfungspunkte gibt, um etwas zu präsentieren, sich aktiv einzubringen, und das funktioniert halt unterschiedlich bei manchen Ausstellungen. Bei der Steinzeit-Ausstellung wurden wir überrannt, und ich finde, dass es wichtig ist, dass der ganz normale Umgang mit einem Museum vom Kindergartenalter an gelebt wird. Ein Museum ist eine Wissensstätte, wo alles möglich ist. Man muss es attraktiv gestalten und deswegen glaube ich, für die Schüler_innen sind zeitgemäße Präsentationen wichtig. Das Wort „interaktiv“ kann ich überhaupt nicht ausstehen. Ich weiß das ja auch von meiner eigenen Tochter, die sehr cineastisch veranlagt ist – wie viele. Hier muss man versuchen, für die Kinder das Vermittlungsprogramm so zu gestalten, dass es spannend und abwechslungsreich ist. Wir hatten in der Steinzeit-Ausstellung Zelte, in die sich die Kinder gesetzt und Werkzeug vorgefunden haben. Unsere Museumspädagogik findet direkt in der Ausstellung statt.

Wie sieht es aus mit außerschulischer Jugendarbeit? Also wenn man sich ansieht, Jugendzentren, Musikschule, das sind die zwei großen außerschulischen Bereiche – es gibt andere auch noch – welche Verbesserungsmöglichkeiten fallen dir im Zusammenhang mit diesen außerschulischen Bildungsbereichen ein?

Andrea Bina: Es gibt ja immer wieder Bestrebungen, mit der Musikschule etwas zu machen. Mit Jugendzentren habe ich wenig Erfahrung, es ist aber ein guter Hinweis. Und es könnte ein Ansatz sein, beispielsweise bei der ersten Ausstellung 2012 mit dem Titel „Erzähl uns Linz“ den Aufruf an Alle zu starten, mitzukuratieren.

Wie sieht es aus im Erwachsenenbildungsbereich? Also Arbeiterkammer, Volkshochschule, Gewerkschaftsbund usw.?

Andrea Bina: Das ist wiederum ein Bereich, den wir sehr wohl haben. Es gibt immer wieder Zusammenarbeit mit der Volkshochschule, wo wir eine Lesewerkstatt haben oder Spezialführungen halten. Gemeinsame Aktivitäten mit der Arbeiterkammer versuche ich in Zukunft auch mitzudenken. Es gibt keine Berührungsängste mit irgendjemandem, aber es hängt halt auch ein bisschen damit zusammen, dass wir in den Bereichen Presse, Marketing sowie Vermittlung zu wenige Mitarbeiter_innen haben.

Als letzter Punkt würde mich in dem Zusammenhang mit Bildung und Wissenschaft noch der letzte Bereich interessieren: Wissenschaft. Welche Maßnahmen sollte die Stadt deiner Meinung nach setzen, um die Verbindung vom Kunst- und Kulturbereich mit dem Wissenschaftsbereich zu stärken?

Andrea Bina: Ich finde Forschung unglaublich wichtig. Das Stadtmuseum hat ja auch deswegen einen sehr guten Ruf, weil es kontinuierlich Publikationen zum Stadtleben gegeben hat. Es gab Forschungen in den unterschiedlichsten Bereichen und eine unglaubliche Vielfalt war zu sehen. Das ist auch ein Ziel, das ich gerne wieder erreichen möchte. Beispiel „Hitlerbauten“. Da ist es mir wichtig, ein gutes Research-in-Residence zu machen, zu dem eine junge Wissenschafterin zum Thema auch einige Zeit in der Stadt lebt und diesen Freiraum hat, um aus der Sammlung etwas aufzuarbeiten und in einen anderen Kontext hineinzusetzen. Das finde ich sehr wichtig, da möchte ich wieder hin, ich möchte auch Stipendien dafür bekommen. Ich will, dass man wieder forscht in diesem Haus.

Ok, letzter Bereich: Tourismus und Image.

Andrea Bina: Ich finde das Tourismus- und Stadtimage sehr wichtig und freue mich auf eine gute kontinuierliche Zusammenarbeit.

Tourismusbüro?

Andrea Bina: Beide Seiten sollen voneinander profitieren.

Welche touristischen Maßnahmen für den Kunst- und Kulturbereich in Linz würdest du besonders hervorheben? Also aktuelle Maßnahmen, die schon bestehen.

Andrea Bina: Ich glaube wirklich, dass die Stadt sich viel intensiver als Marke verstehen sollte. Manchmal ist es schwierig mit diesen Vorlaufzeiten, aber im touristischen Bereich wird eben langfristig im Voraus gedacht, und deswegen finde ich geschnürte, gemeinsame Pakete gut und wichtig.

Die „Triennale“ zum Beispiel?

Andrea Bina: Na ja, ich habe jetzt dieses Naturthema gemeint. Aber die „Triennale“ ist auch etwas, was gut ist, natürlich. Dem Publikum soll man von außen eine Besonderheit verkaufen. Das beginnt beim Schiffsverkehr über den Zug bis hin zur Flugzeugwerbung, dass man in die Stadt hineingeht, zum Beispiel mit Aktions-Wochenenden oder ähnliches. Das fände ich sehr gut.

Welche besonderen Verbesserungen hat Linz09 hinsichtlich dieser Art der Verkettung von Themen und von Institutionen in der kulturtouristischen Vermarktung gebracht?

Andrea Bina: Ich glaube, da hätte man noch sehr viel intensiver daran arbeiten können. Ich habe oft das Gefühl gehabt, dass jemand, der nicht in Linz ist, von dieser Kulturhauptstadt kaum etwas mitbekommen hat.

Was würde dir sonst noch einfallen? Du hast schon auf die erste Frage, was besonders hervorgehoben werden sollte, die Marke Linz genannt und dass diese Verbindungen noch verstärkt zu suchen sind. Welche künstlerischen und kulturellen Angebote in der Stadt könnten kulturtouristisch deiner Meinung nach noch besser vermarktet werden?

Andrea Bina: Stadtgeschichte gehört komplex und zeitgemäß aufbereitet erzählt. Ich würde mir die einzelnen Institutionen und Einrichtungen anschauen, auch Spannendes aus der Vergangenheit einfließen lassen. Ich bin aber keine Touristikerin.

Ok, das waren die drei Einzelthemenbereiche. Wir sind am Ende des Interviews angelangt. Ist dir irgendetwas noch abgegangen, willst du noch etwas Wichtiges mitteilen?

Andrea Bina: Mein Ziel ist eine gute Positionierung des Stadtmuseums innerhalb der Museenszene und dass es wieder in aller Munde ist. Ich möchte das Haus füllen, mit irgendwie völlig verrückten Themen, und die Sammlung aufarbeiten, und das alles zeitgemäß verpackt.

Fällt dir irgendetwas ein, wo du denkst, das ist bei der Erstellung des neuen Kulturentwicklungsplans besonders wichtig? Auf das wir besonders achten sollten?

Andrea Bina: Da weiß ich zu wenig darüber.

Danke für das Interview.

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